Robert Klatt
In Regionen mit legalen Sportwetten kommt es nach Spielen in Profiligen zu deutlich mehr Kriminalität. Vor allem Niederlagen eines favorisierten Heimteams führen zu mehr Gewaltdelikten.
Houston (U.S.A.). In Deutschland sind Sportwetten in speziellen Annahmestellen und im Internet allgegenwärtig. Seit dem Inkrafttreten des neuen Glücksspielstaatsvertrags (GlüStV) im Juli 2021 dürfen lizenzierte Anbieter die Wetten legal offerieren. In den U.S.A. hat der Oberste Gerichtshof das bundesweite Sportwettenverbot bereits 2018 beendet. Inzwischen haben viele Bundesstaaten Sportwetten legalisiert, unter anderem um die illegalen Schwarzmarktangebote einzuschränken und zusätzliche Steuereinnahmen zu erzielen.
Die gesellschaftlichen Effekte der legalen Sportwetten sind bisher aber noch weitgehend unbekannt. Forscher der Rice University haben deshalb untersucht, ob Sportwetten neben individuellen Risiken wie einer Spielsucht auch gesellschaftliche Risiken, insbesondere Kriminalität, beeinflussen und zu mehr Gewalt- und Eigentumsdelikten führen.
„Wir haben diese Forschung 2022 begonnen, nachdem das Interesse an Sportwetten sowohl in der Branche als auch in der Wissenschaft stark zugenommen hatte. Die meisten bisherigen Arbeiten befassten sich mit Marketingfragen, etwa damit, wie Werbeaktionen und Werbung das Verhalten von Konsumenten beeinflussen.“
Die Studie basiert auf Kriminalitätsstatistiken zu den Deliktarten Körperverletzung, Sachbeschädigung, Diebstahl und Fahrzeugdiebstahl aus dem Zeitraum von 2017 bis 2021. Es handelt sich dabei um Straftaten, die stark mit impulsiver Aggression verbunden und in früheren Studien bereits mit verknüpft sind.
„Unsere Arbeit wurde unter anderem durch eine Studie von David Card und Gordon Dahl angeregt, die den Zusammenhang zwischen NFL-Spielausgängen und häuslicher Gewalt untersuchte und zeigte, dass überraschende Niederlagen mit mehr häuslicher Gewalt einhergehen.“
Um die Delikte mit Sportergebnissen zu verknüpfen, haben die Forscher die Spiele der großen nordamerikanischen Profiligen, der National Football League (NFL), der National Basketball Association (NBA), die Major League Baseball (MLB) und der National Hockey League (NHL), erfasst. Sie haben zudem mithilfe von historischen Wettquoten erfasst, welche Mannschaften bei den jeweiligen Spielen als Favorit galten. Es konnte so ermittelt werden, bei welcher Partie ein stark favorisiertes Heimteam überraschend verloren hat.
Die Stichprobe umfasst 1.641 Spiele zwischen April 2017 und März 2020, also vor der Covid-19-Pandemie, und 772 Spiele zwischen Juli 2020 und Dezember 2021. Es wurden Straftaten einbezogen, die bis zu vier Stunden nach dem Ende eines dieser Spiele stattfanden. Die Wissenschaftler haben diese Zahlen mit dem Vortageszeitraum verglichen.
Die statistische Analyse mit dem sogenannten Difference-in-Differences-Design zeigt, dass es in Bundesstaaten mit legalen Sportwetten in den Stunden nach der Niederlage eines favorisierten Heimteams zu einer deutlichen Zunahme der Kriminalität kam, vor allem bei Körperverletzungen und Diebstählen. Bei Auswärtsspielen gibt es diesen Effekt ebenfalls, aber weniger stark.
Am stärksten war der Effekt, wenn ein Heimteam verloren hat, das laut den Quoten eigentlich deutlich gewinnen sollte. Bei einer solchen unerwarteten Niederlage kam es zu deutlich mehr Körperverletzungen (+ 93 %). Laut den Forschern zeigt dies, dass die Enttäuschung über die verlorene Wette in Kombination mit der Niederlage des Heimteams ein starker Auslöser für Gewalt ist.
„Die zentrale Erkenntnis unserer Studie ist, dass die Einführung legaler Sportwetten mit einem deutlichen Anstieg der Kriminalität an Spieltagen verbunden ist, insbesondere bei Körperverletzungen.“
Pressemitteilung der Rice University
Studie im Fachmagazin Journal of Sports Economics, doi: 10.1177/15270025251396530