Pflegenotstand

Immer mehr Krankenschwestern und Krankenpfleger fehlen

Dennis L.

Auf den Punkt gebracht
  • In Deutschland fehlen mindestens 35.000 Pflegekräfte
  • Neue Ausbildung soll wieder Anreize schaffen
  • Politik setzt auf ausländische Fachkräfte

Das Kompetenzzentrum für Fachkräftesicherung schätzt, dass in der Pflegebranche aktuell mindestens 35.000 Fachkräfte, wie z.B. Krankenschwestern, fehlen. Dies geht aus einer vom Bundeswirtschaftsministeriums beauftragten Studie hervor.

Berlin (Deutschland). Eine Studie des Kompetenzzentrums für Fachkräftesicherung im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums zeigt, dass in der Pflegebranche mindestens 35.000 Fachkräfte fehlen. Dabei handelt es sich laut Studienautoren um eine eher konservative Schätzung. Tatsächlich dürfte der Fachkräftemangel im Jahr 2022 und in den Folgejahren weitaus größer sein. Seit dem Jahr 2011 ist die Zahl der offenen Stellen in diesem Bereich um gut 40 Prozent gestiegen.

Die Experten der Studie betonen, dass es in allen Bereichen der Pflege Personalmangel gibt, der Alten- und Krankenpflegebereich aber am stärksten betroffen ist. Vor diesem Hintergrund sind Pflegekräfte besonders gefragte Fachkräfte. Dies zeigt sich auch auf diversen Jobportalen, bei denen aktuell zahlreiche Krankenschwester Jobs ausgeschrieben sind.

Personalengpässe bereits in vielen Kliniken

Die Analyse der Daten zum Pflegekräftemangel zeigt, dass es bereits Engpässe gibt. Während der akuten Phase der Corona-Pandemie wurde eine Überlastung des Gesundheitssystems befürchtet. In Wirklichkeit gehört diese Überlastung in vielen Krankenhäusern bereits zum Alltag. Zahlreiche Betreiber klagen darüber, dass sie aufgrund von Personalmangel bestimmte Kapazitäten an Krankenhausbetten nicht bedienen können. Darüber wird nach der Pandemie eine Kündigungswelle von überarbeiteten Personal erwartet. Zudem erschweren weitere Engpässe wie Krankheitsausfälle und kurzfristige Abwesenheiten von Mitarbeitern zunehmend die Planung. Es werden immer mehr freie Stellen für Pflegekräfte ausgeschrieben und es wird immer schwieriger, qualifiziertes Personal zu finden. Es bleibt abzuwarten, wie stark sich die Pandemie auf den zukünftigen Pflegekräftemangel auswirken wird.

Keine Reserven, kein Plan B

Gerald Gaß, Vorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft, warnt davor, dass derzeit mehrere hundert Stellen in Krankenhäusern in ganz Deutschland unbesetzt sind. Er sagt, dass es in der Regel etwa drei Monate dauert, bis eine Stelle für eine Krankenschwester oder einen Facharzt besetzt werden kann.

Nach Auswertung aller Zahlen sind im Jahr 2021 sechs Prozent aller Stellen auf Normalstationen unbesetzt geblieben. Noch dramatischer war der Pflegenotstand auf Intensivstationen, wo bis zu zwölf Prozent aller Stellen nicht mehr besetzt werden konnten. Diese Ergebnisse decken sich mit den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Da es mitunter Monate dauert bis eine Stelle besetzt wird, belastet dies das vorhandene Pflegepersonal zusätzlich und trägt nicht dazu bei, die Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern attraktiver zu machen.

Gründe für den gravierenden Pflegenotstand in Deutschland

Die Deutsche Krankenhausgesellschaft stellte fest, dass die Zahl der unbesetzten Stellen in den letzten Jahren stetig gestiegen ist. Dies ist eine langfristige Entwicklung, die erst im Zuge der Pandemie in den Fokus der öffentlichen Diskussion geriet. Auch schwierige Arbeitsbedingungen und fehlende Verdienstmöglichkeiten werden als Hinderungsgründe für die Entscheidung für eine Pflegeausbildung angeführt.

Viele Fachkräfte haben sich aufgrund der enormen Arbeitsbelastung entschlossen, ihren Job aufzugeben und beruflich einen anderen Weg zu gehen. Der Personalmangel in den Kliniken wird sich noch weiter verstärken, da die geburtenstarken Jahrgänge jetzt in den Ruhestand gehen.

Die Impflicht für Pflegeberufe hat bis Mai 2022 keine ernsthaften Auswirkungen auf den Mangel an Altenpflegerinnen und Altenpfleger sowie an Krankenschwestern und Krankenpflegern. Es wurde befürchtet, dass die Impflicht dazu führen würde, dass noch mehr Fachkräfte dem System den Rücken kehren.

Generalistische Pflegeausbildung als Lösung?

Experten sind sich einig, dass der Mangel an Pflegekräften ein großes Problem darstellt. Einen zentralen Hebel zur Behebung der Ursache gibt es nicht, denn sie ist multifaktoriell. Sicherlich muss das Berufsbild der Krankenschwester und des Krankenpflegers in Zukunft attraktiver werden, und zwar nicht nur in Bezug auf die Bezahlung. Für junge Auszubildende ist eine attraktive Work-Life-Balance wichtiger denn je. Das sollte eine wichtige Lehre aus der Corona-Pandemie sein.

Die Neuordnung der Berufsausbildung in den Pflegeberufen seit 2020 bietet eine neue Chance, die generalistische Pflege voranzubringen. Bei der generalistischen Pflege gibt es nun die Möglichkeit, die Ausbildung als generalistische Pflegekraft abzuschließen oder sich im dritten Ausbildungsjahr weiter zu spezialisieren. Generalisten können in verschiedenen Funktionen oder Fachgebieten arbeiten:

  • Krankenschwestern und -pfleger
  • Altenpfleger
  • Kinderkrankenpfleger

Generalisten die sich nicht spezialisieren wollen, können von der neuen Flexibilität profitieren, denn sie können im Gesundheitsbereich bedarfsgerechter eingesetzt werden oder zum Beispiel schneller in andere Abteilungen wechseln.

Die neuen Ausbildungsgänge, eine bessere Bezahlung und ein besseres Arbeitsumfeld sollen wieder mehr Menschen zu einer Ausbildung im Pflegebereich bewegen. Um den akuten Pflegenotstand zu bekämpfen, setzt die Bundesregierung jedoch weiterhin auf die Anwerbung von qualifizierten Fachkräften aus dem Ausland.

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