Robert Klatt
Es war bisher umstritten, ob Entwicklungshilfe gewaltsame Konflikte verhindert oder auslöst. Die deutlichen Kürzungen des USAID zeigen nun, dass das abrupte Ende der Zahlungen zu einer deutlichen Zunahme an Gewalt führt und die betroffenen Regionen destabilisiert.
München (Deutschland). In der Forschung wird seit Langem diskutiert, ob Entwicklungshilfe sich auf gewaltsame Konflikte auswirkt. Manche Wissenschaftler sind der Ansicht, dass Entwicklungshilfe zu weniger Gewalt führt, weil sie die Not lindert, während andere Wissenschaftler die Meinung vertreten, dass es durch Entwicklungshilfe zu zusätzlicher Gewalt kommt, etwa weil zwei Gruppen um die Ressourcen kämpfen. Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und der University of Chicago (UChi) haben nun eine Studie publiziert, die an einem realen Beispiel die Beziehung zwischen Entwicklungshilfe und Gewalt untersucht hat.
Die US-Regierung hat viele Programme der United States Agency for International Development (USAID) kurz nach dem zweiten Amtsantritt des Präsidenten Donald Trump (Republikaner) beendet. Rund 100 Staaten, darunter vor allem afrikanische Länder, haben daraufhin signifikant geringere Hilfen aus dem Ausland erhalten. Um die Auswirkungen dieser plötzlichen Veränderungen zu analysieren, haben die Forscher 870 einzelne Regionen in Afrika untersucht.
Sie haben für die Regionen Daten zu Entwicklungshilfezahlungen und Gewaltereignissen verknüpft. Es konnte so ermittelt werden, ob Muster zwischen Hilfszahlungen von USAID und anschließenden gewaltsamen Konflikten bestehen. Laut den analysierten Daten nimmt die Gewalt in Regionen, die zuvor hohe Entwicklungshilfezahlungen erhalten haben, deutlich zu, wenn diese enden. Es kommt demnach öfter zu bewaffneten Konflikten, Unruhen und Protesten. Die Ereignisse treten in den meisten Fällen umgehend, nach dem Ende der Zahlungen ein und dauern oft über mehrere Monate an.
Was uns überrascht hat, war nicht nur das Ausmaß des Anstiegs, sondern auch, wie schnell sich die Konfliktmuster nach dem Stopp verändert haben. Die Ergebnisse legen nahe, dass ein abrupter Entzug von Hilfen sofortige Instabilität in Regionen auslösen kann, in denen Unterstützung tief im wirtschaftlichen und sozialen Alltag verankert war.“
Laut den Forschern darf die Studie aber nicht als Beweis gesehen werden, dass Entwicklungshilfe immer Gewalt verhindert und nie zu Gewalt führt. Sie erklären jedoch, dass Staaten, die Entwicklungshilfeprogramme reduzieren oder stoppen, berücksichtigen sollten, dass das Konfliktpotenzial dadurch zunimmt.
„Konflikte sind selten einmalige Ereignisse. Wenn Gewalt in fragilen Regionen zunimmt, kann sie die lokale Politik verändern, wirtschaftliche Unsicherheit vertiefen und zukünftige Gewalt wahrscheinlicher machen. Deshalb können kurzfristige Schocks noch lange nach der ursprünglichen politischen Entscheidung Folgen haben.“
Quellen:
Pressemitteilung der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)
Pressemitteilung der University of Chicago (UChi)
Studie im Fachmagazin Science, doi: 10.1126/science.aed6802