Staaten im Wandel

Demokratieindex zeigt 44 Staaten auf dem Weg zur Autokratie

 Dennis L.

(KI Symbolbild). Der Demokratieindex macht sichtbar, wie schnell politische Systeme ihre demokratischen Schutzmechanismen verlieren können. Besonders stark verändern sich Staaten, wenn Medienfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und Kontrolle der Regierung gleichzeitig schwächer werden. Deutschland wird in den aktuellen V-Dem-Daten nicht als autokratisierender Staat geführt, doch Umfragen zeigen eine wachsende Sorge um die Entwicklung der Demokratie. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 

Ein neuer Demokratieindex zeigt eine deutliche Verschiebung der politischen Systeme. Laut dem aktuellen V-Dem-Bericht befinden sich 44 Staaten in einem Prozess der Autokratisierung, während nur 18 Staaten demokratischer werden. Besonders häufig geraten Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit und die Kontrolle der Regierung unter Druck. Deutschland wird in dieser Gruppe nicht geführt, doch Umfragen zeigen, dass sich in der Bevölkerung zunehmend der Eindruck einer negativen demokratischen Entwicklung verbreitet.

Demokratie gilt in der politischen Forschung nicht nur als Frage regelmäßiger Wahlen. Entscheidend ist auch, ob Bürger ihre Regierung frei kritisieren dürfen, ob Medien unabhängig berichten können, ob Gerichte politisch unbeeinflusst arbeiten und ob eine Regierung wirksam durch Parlament, Justiz und Öffentlichkeit begrenzt wird. Genau an diesen Punkten setzt der Demokratieindex des V-Dem-Instituts an der Universität Göteborg an. Die Forscher erfassen politische Systeme deshalb nicht als einfache Gegensätze von Demokratie und Diktatur, sondern als abgestufte Ordnungen mit vielen messbaren Einzelmerkmalen. Der V-Dem Democracy Report 2026 nutzt dafür Daten bis 2025 und zeigt, wie stark sich Staaten innerhalb weniger Jahre verschieben können. Der Bericht ist politisch bedeutsam, weil der aktuelle Rückbau nicht nur klassische Autokratien betrifft, sondern auch europäische Staaten mit lange etablierten Institutionen.

Autoritarismus entsteht meist nicht durch einen einzigen Umbruch. Häufig beginnt er mit Eingriffen in Medien, Zivilgesellschaft, Wahlverwaltung, Gerichtsbarkeit oder wissenschaftliche Einrichtungen. Die politischen Systeme behalten in vielen Fällen zunächst Parlamente, Parteien und Wahlen, verlieren aber schrittweise jene Bedingungen, die freie politische Konkurrenz erst glaubwürdig machen. In der Forschung wird diese Grauzone besonders genau beobachtet, weil sie demokratische Institutionen formal weiterbestehen lässt und ihren Inhalt gleichzeitig aushöhlt. Auch ein Blick auf Diktatur zeigt, dass autoritäre Entwicklungen gesellschaftlich oft lange vor einem offenen Systemwechsel erkennbar werden. Der aktuelle Bericht ordnet diese Entwicklung global ein und misst, welche Staaten sich in Richtung Autokratie bewegen, welche demokratische Erholung zeigen und welche Bereiche der Demokratie weltweit besonders stark betroffen sind.

44 Staaten verlieren demokratische Qualität

Das V-Dem-Institut zählt in den Daten für 2025 weltweit 44 Staaten, die sich in einem Prozess der Autokratisierung befinden. Das entspricht fast einem Viertel der untersuchten Länder. Gleichzeitig werden nur 18 Staaten als demokratisierend eingeordnet. Der Abstand zwischen Rückbau und Erholung ist damit deutlich größer als zu Beginn der 2000er-Jahre. Der Demokratieindex zeigt außerdem, dass 41 Prozent der Weltbevölkerung in Staaten leben, die aktuell demokratische Qualität verlieren. Besonders auffällig ist der Vergleich mit 2005, als dieser Anteil noch bei 9 Prozent lag. Noch größer ist die Verschiebung bei der allgemeinen Regimezuordnung: 74 Prozent der Weltbevölkerung leben laut V-Dem inzwischen in Autokratien, während liberale Demokratien nur noch 7 Prozent der Weltbevölkerung umfassen. Diese Zahlen machen den Befund politisch bedeutsam, weil Autokratie nicht mehr nur kleinere oder international isolierte Staaten betrifft.

Für die Einordnung nutzt V-Dem unter anderem den Liberal Democracy Index. Dieser Wert betrachtet nicht nur Wahlen, sondern auch individuelle Freiheitsrechte, Gleichheit vor dem Gesetz, Gewaltenteilung und die Begrenzung der Regierungsmacht. Dadurch kann der Index auch dann demokratischer Rückbau erfassen, wenn ein Staat formal weiterhin Wahlen abhält. Die Daten zeigen, dass besonders viele Verschlechterungen bei der Meinungsfreiheit auftreten. Laut Bericht verschlechtert sich dieser Bereich in 44 Staaten, während er nur in 11 Staaten besser wird. Auch die Qualität von Wahlen entwickelt sich deutlich ungünstiger als noch vor zwei Jahrzehnten. Der von Our World in Data aufbereitete Regimevergleich macht diese Abstufung sichtbar, weil er geschlossene Autokratien, Wahlautokratien, Wahldemokratien und liberale Demokratien trennt.

Meinungsfreiheit ist der häufigste Angriffspunkt

Der Bericht beschreibt Meinungsfreiheit als den am stärksten betroffenen Bestandteil demokratischer Systeme. Das betrifft nicht nur klassische Pressezensur, sondern auch politischen Druck auf Journalisten, Einschränkungen zivilgesellschaftlicher Organisationen, Einschüchterung von Kritikern und die Kontrolle öffentlicher Debatten. Solche Eingriffe sind besonders wirksam, weil sie den politischen Wettbewerb verändern, bevor Wahlen selbst offenkundig manipuliert werden. Wenn unabhängige Medien geschwächt sind, erreichen Missstände weniger Menschen, oppositionelle Gruppen können ihre Positionen schlechter darstellen und Regierungsentscheidungen werden seltener öffentlich kontrolliert. Laut V-Dem ist Medienzensur die häufigste Strategie autokratisierender Regierungen. Sie tritt in 32 der 44 Staaten mit demokratischem Rückbau auf. Repression gegen die Zivilgesellschaft betrifft 30 dieser Staaten und zeigt, dass Autoritarismus meist mehrere gesellschaftliche Kontrollmechanismen gleichzeitig angreift.

Auch Rechtsstaatlichkeit zählt zu den zentralen Indikatoren. Sie entscheidet darüber, ob Behörden und Regierung an geltendes Recht gebunden sind oder ob politische Macht gerichtliche Verfahren, Verwaltung und Kontrollorgane dominiert. Verschlechtert sich dieser Bereich, können Regierungen ihre Macht ausweiten, ohne sofort die sichtbaren Symbole demokratischer Ordnung zu beseitigen. In Deutschland wird diese Gefahr bisher nicht durch eine V-Dem-Einstufung als autokratisierender Staat abgebildet. Gleichzeitig zeigen aktuelle Bevölkerungsdaten eine andere Ebene des Problems: Der Deutschland-Monitor 2025 nennt weiterhin eine sehr hohe Zustimmung zur Idee der Demokratie, aber deutlich geringere Zufriedenheit mit ihrem Funktionieren. Diese Lücke ist politisch wichtig, weil sie eine wachsende Distanz zwischen demokratischem Ideal und erlebter politischer Wirklichkeit sichtbar macht.

Deutschland ist nicht gelistet aber die Sorge wächst

Deutschland gehört nach den aktuellen V-Dem-Daten nicht zu den 44 Staaten, die als autokratisierend eingeordnet werden. Diese Abgrenzung ist wichtig, weil ein wissenschaftlicher Index nicht dasselbe misst wie politische Stimmung, Unzufriedenheit oder das Gefühl vieler Bürger, dass sich das Land in eine ungünstige Richtung bewegt. Die Umfragedaten zeigen jedoch, warum der Befund gesellschaftlich trotzdem anschlussfähig ist. Im Deutschland-Monitor stimmen fast alle Befragten der Idee der Demokratie zu, aber nur 60 Prozent sind mit dem Funktionieren der Demokratie zufrieden. Zugleich sehen 71 Prozent eher eine negative Entwicklung der Demokratie in Deutschland. Damit entsteht kein Beleg dafür, dass Deutschland laut V-Dem bereits auf dem Weg zur Autokratie ist. Es zeigt aber, dass sich in der Bevölkerung zunehmend der Eindruck verbreitet, demokratische Verfahren würden ihre Probleme nicht mehr überzeugend lösen.

Diese Wahrnehmung ist für die politische Forschung relevant, weil demokratische Stabilität nicht nur durch Verfassungen, Gerichte und Wahlen entsteht. Sie hängt auch davon ab, ob Bürger Institutionen als handlungsfähig, fair und kontrollierbar erleben. Wenn Vertrauen sinkt, können autoritäre Deutungen leichter an Zustimmung gewinnen, selbst wenn die formalen demokratischen Strukturen weiter bestehen. Eine frühere Untersuchung zu politischem Misstrauen zeigte bereits, dass Misstrauen gegenüber Politik eng mit populistischen Weltbildern verbunden sein kann. Der Demokratieindex erfasst diesen Stimmungswandel nicht direkt als Autokratisierung, ordnet ihn aber in ein größeres Muster ein: Demokratien geraten besonders dann unter Druck, wenn institutionelle Kontrolle, öffentliche Debatte und gesellschaftliches Vertrauen gleichzeitig schwächer werden.

Großbritannien wird als neuer Fall genannt

Anders als Deutschland wird Großbritannien im V-Dem-Bericht als neuer autokratisierender Staat genannt. Der Bericht führt das Land zusammen mit mehreren europäischen Staaten in der Gruppe neuer Fälle auf. Diese Einstufung bedeutet nicht, dass Großbritannien bereits eine geschlossene Autokratie ist. Sie beschreibt eine messbare Entwicklung in Richtung schwächerer demokratischer Qualität. Entscheidend ist dabei, dass sich solche Veränderungen in etablierten Demokratien oft anders zeigen als in offen autoritären Staaten. Sie treten häufiger als schrittweise Verschiebungen auf: geringere Kontrolle politischer Macht, wachsender Druck auf Medien, Konflikte um unabhängige Institutionen oder eine politische Kultur, in der demokratische Normen weniger verbindlich werden. Genau diese langsamen Veränderungen machen Demokratieindizes wichtig, weil sie nicht erst reagieren, wenn ein System endgültig gekippt ist.

Für Europa ist der Befund bedeutsam, weil demokratischer Rückbau dort nicht mehr nur als externes Problem autoritärer Nachbarregionen erscheint. Wenn Staaten mit hoher wirtschaftlicher und politischer Bedeutung schwächer demokratisch werden, verändern sie auch internationale Institutionen, Handelsbeziehungen und politische Normen. Gleichzeitig enthält der Bericht positive Gegenbeispiele. Brasilien und Polen werden weiter als demokratisierende Staaten geführt, Botswana, Guatemala und Mauritius kommen neu hinzu. Insgesamt bleibt diese Gruppe mit 18 Staaten jedoch deutlich kleiner als die Gruppe der autokratisierenden Staaten. Die Daten zeigen daher ein asymmetrisches Bild: Demokratische Erholung ist möglich, aber sie hält mit dem globalen Tempo autoritärer Entwicklung derzeit nicht Schritt. Der aktuelle Befund ist deshalb weniger eine Momentaufnahme als ein Trendbild, das frühe Warnzeichen politischer Machtkonzentration sichtbar macht.

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