Volatile Organic Compounds

Putzmittel belastender für Atemwege als Autoabgase

Robert Klatt

Putzmitteln setzten kleinste Aerosole frei, die tief in die Lunge gelangen können. Die Belastung dadurch ist laut größer als durch Autoabgase in Großstädten. 

Bloomington (U.S.A.). Die Forschung hat anhand einer Reihe von Studie bereits belegt, dass Putzmittel unter Umständen gesundheitsschädlich wirken können. Eine Langzeitstudie aus Norwegen zeigte etwa im Jahr 2018, dass Menschen, die oft putzen, eine schwächere Lunge haben als Menschen, die nur selten mit Reinigungsmitteln in Kontakt kommen. Am stärksten war dieser Abfall der Lungenleistung laut den Wissenschaftlern der Universität Bergen bei professionellen Reinigungskräften.

Auch eine belgische Studie zeigt kürzlich, dass das Sterberisiko männlicher Reinigungsfachkräfte deutlich höher als bei Büroangestellten ist. Überdies gibt es Indizien dafür, dass Privatpersonen noch gefährdeter sind. Diese haben zwar seltener Kontakt zu Putzmitteln, dafür wenden sie jedoch Putzmittel häufig falsch an, kombinieren ungeeignete Produkte und verzichten auf Sicherheitsmaßnahmen wie Handschuhe.

Emissionen der Putzmittel

Eine Studie von Wissenschaftlern um die Chemikerin Colleen Rosales zeigt nun, dass nicht nur der direkte Hautkontakt mit Putzmitteln problematisch sein kann. Laut der Publikation im Fachmagazin Science Advances untersuchten sie die primären und sekundären Emissionen von Putzmitteln. Dabei konzentrierte sich das Team besonders auf Produkte, die nach Zitrusfrüchten oder Pinie riechen, weil diese oft Monoterpene, die Hauptbestandteile ätherischer Öle, enthalten.

Wie Rosales erklärt, werden bei der Verwendung solcher Reinigungsmittel oft flüchtige organische Verbindungen (VOC) emittiert. Dies sind gas- und dampfförmige organische Stoffe, die sich in der Luft befinden.

Krebs durch Volatile Organic Compounds?

Eine Liste der Environmental Protection Agency (EPA) zeigt, dass einige der Volatile Organic Compounds (VOC) Sinnesreizungen, Kopfschmerzen, Organschäden und sogar Krebs auslösen können. Überdies können VOC laut der Studie oxidieren und so spezifische sekundäre organische Aerosole (SOA) bilden, darunter auch Peroxide, Alkohole, Carbonyle und Carbonsäuren.

Testraum zur Messung von Emissionen

Um zu messen, wie hoch die Belastung mit primären und sekundären Emissionen bei der Verwendung von Reinigungsmitteln ist, errichteten die Wissenschaftler einen Testraum, der einem typischen Büro entsprach. In diesem Raum wurde mit herkömmlichen Putzmitteln auf Monoterpenbasis eine Viertelstunde geputzt. Dabei analysierten die Forscher permanent die Raumluft.

Sie konnten so ermitteln, dass die Person beim Reinigen pro Minuten etwa 30 bis 40 Mikrogramm primäre flüchtige organische Verbindungen einatmen. Außerdem nimmt sie über die Atemwege zwischen 0,1 bis 0,7 Mikrogramm sekundärer organischer Aerosole auf. Diese entstehen durch die Reaktion des Putzmittels mit der Raumluft.

Gesundheitliche Relevanz der Emissionen

Laut Rosales sind die Emissionen massemäßig relativ gering. Entscheidend ist jedoch, dass die eingeatmeten Partikel sich im Nanogrößenbereich befinden. Sie können so auch in die tiefsten Regionen der Lunge gelangen und dort gesundheitlich relevante Schäden verursachen.

Putzmitteln können demnach durch Nanoteilchen in den Atemwegen Dosiswerte auslösen, die größer sind als diese, die durch das Einatmen von Aerosolen im Straßenverkehr von Großstädten entstehen. Die Autoren betonen jedoch, dass bisher nur wenig über das toxikologische Profil dieser Partikel bekannt ist.

Besonders Menschen, die aufgrund ihres Berufs oft und lange mit den Emissionen von Reinigungsmitteln in Kontakt stehen, sollten sich laut den Wissenschaftlern jedoch besser schützen. „Darüber hinaus wird die Exposition am Arbeitsplatz und in Privathaushalten, die zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen führt, wahrscheinlich durch die verstärkte chemische Desinfektion von Innenraumoberflächen während der derzeitigen Pandemie beeinflusst“, konstatieren die Autoren. Als Gegenmaßnahmen empfehlen sie regelmäßiges Lüften, um die Konzentration der Aerosole in der Raumluft zu reduzieren.

Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.abj9156

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