Medical Women on Top Studie

Medizinische Führungspositionen selten von Ärztinnen besetzt

Robert Klatt

In Deutschland gibt es ein nahezu ausgeglichenes Verhältnis von Ärztinnen und Ärzten. Ein Großteil der Führungs- und Spitzenpositionen in der Medizin wird trotzdem von Männern besetzt.

Berlin (Deutschland). An den medizinischen Fakultäten deutscher Universitäten gab es zuletzt im Jahr 1988 ein praktisch ausgewogenes Verhältnis von 41.145 Studentinnen und 41.188 Studenten. Inzwischen hat sich dieses laut einer Erhebung des Statistischen Bundesamts (Destatis) jedoch deutlich zugunsten der Studentinnen entwickelt. Von 96.115 Studierenden aller Fachsemester der Allgemeinmedizin im Jahr 2018 waren 59.636 weiblich.

Die Gesamtsumme der berufstätigen Ärzte in Deutschland lag gemäß einer Statistik der Bundesärztekammer (BÄK) im Dezember 2018 bei 392.402 Personen, davon waren 47 Prozent beziehungsweise 185.310 Arztstellen von Frauen besetzt. Trotz des beinahe ausgeglichenen Verhältnisses bei bereits praktizierenden Ärzten und des wesentlich größeren Frauenanteils im Medizinstudium ist der überwiegende Anteil der Führungs- und Spitzenpositionen in der Medizin weiterhin fest in Männerhand.

Frauenanteil in Führungspositionen bei 13 Prozent

Dies ist besonders auffällig an Unikliniken, bei denen es laut dem Destatis ein nahezu ausgeglichenes Geschlechterverhältnis beim ärztlichen Personal gibt. Wie der Deutsche Ärztinnenbund e.V. (DÄB) in seiner Medical Women on Top Studie (PDF), für die 13 klinische Fächer und zwei Institute an 35 deutschen Universitätskliniken evaluiert wurden, veröffentlicht hat, lag der Anteil von Frauen in Führungspositionen im Jahr 2019 dennoch bei nur 13 Prozent. Im Jahr 2016 waren es sogar nur zehn Prozent.

Als Führungspositionen definiert der DÄB die Klinikdirektion, die Leitung eines Instituts sowie das Innehaben eines Lehrstuhls. Den höchsten Frauenanteil in Führungspositionen gibt es derzeit in Berlin (23 Prozent), Dresden (23 Prozent) sowie Frankfurt, Freiburg und Münster (jeweils 21 Prozent). In den Unikliniken Homburg, Magdeburg und Würzburg wird hingegen keine Führungsposition durch eine Frau bekleidet.

Oberärzte ebenfalls überwiegend männlich

Auch bei Oberärzten, die gleichermaßen den Führungspositionen zugerechnet werden können, sind Männer klar in der Mehrheit. Im Jahr 2015 lag der Anteil laut dem Destatis bei 67 Prozent Männern und nur 33 Prozent Frauen, 2016 waren nach einer Statistik des DÄB 69 Prozent der Oberärzte männlich und 31 Prozent weiblich.

Genau wie bei den Lehrstuhlinhabern, Klinikdirektoren und Institutsleitern ist auch hier die Universitätsklinik Dresden (43 Prozent) führend. Darauf folgen Duisburg/Essen (41 Prozent) sowie Greifswald, Halle und Magdeburg (jeweils 39 Prozent). Die Schlusslichter bilden Göttingen, Heidelberg und Tübingen (jeweils 28 Prozent), Erlangen und Köln (beide 26 Prozent) sowie Bochum (25 Prozent) und Mannheim (24 Prozent).

Betrachtet man lediglich die einzelnen Fächer, fällt allerdings auf, dass Frauen in einigen Bereichen sogar mehr als 50 Prozent der Oberärzte stellen. Dies ist vor allem in der Frauenheilkunde (55 Prozent) und der Dermatologie (54 Prozent) der Fall. Ebenfalls stark vertreten sind weibliche Oberärzte in der Pathologie (42 Prozent), der Kinderheilkunde (40 Prozent) und der seelischen Gesundheit (39 Prozent). Den geringsten Anteil machen Oberärztinnen in der Orthopädie (20 Prozent), der Chirurgie (16 Prozent) und der Urologie (15 Prozent) aus.

Vertragsärztliche Versorgung fast ausgeglichen

Laut dem Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in Deutschland (Zi) liegt der Frauenanteil in der vertragsärztlichen Versorgung bei 43 Prozent. Wie auch bei den Oberärzten gibt es auch bei den unterschiedlichen Fachbereichen bei Ärztinnen und Ärzten mit eigener Praxis beträchtliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Den höchsten Anteil haben Frauen bei Psychologischen Psychotherapeuten (72 Prozent), Gynäkologen (62 Prozent) und Pädiatern (51 Prozent) sowie allgemeinen Ärzten (42 Prozent). Gering vertreten sind niedergelassene Ärztinnen hingegen im Bereich der Chirurgie (13 Prozent) und bei Internisten (22 Prozent).

Der in den letzten Jahrzehnten gestiegene Anteil von Medizinerinnen in der vertragsärztlichen Versorgung führt gemäß einer Analyse des Zi zu Veränderungen: gemäß der Studie „behandeln Frauen anders, nehmen sich mehr Zeit für Patienten und arbeiten grundsätzlich weniger als ihre männlichen Kollegen.“ Konkret bedeutet dies, dass niedergelassene Ärztinnen im Durchschnitt auf 2.166 Arbeitsstunden pro Jahr kommen, bei niedergelassenen Ärzten sind es im Mittel 16 Prozent mehr.

Laut dem Zi-Praxis-Panel, das sich die Untersuchung der Kosten- und Versorgungsstrukturen in Praxen niedergelassener Ärzte und Psychotherapeuten mittels Befragungen zum Ziel gemacht hat, nehmen sich Frauen mit 38,3 Minuten pro Behandlungsfall 23 Prozent mehr Zeit als Mediziner mit eigener Praxis.

Ärzte verdienen im Durchschnitt mehr

Aufgrund der längeren Arbeitszeiten und der schnelleren Behandlung der Patienten konnten niedergelassene Ärzte und psychotherapeutische Praxisinhaber durch die Behandlung gesetzlich und privat versicherter Patienten im Durchschnitt 168.800 Euro Gewinn erzielen. Damit lag ihr Gehalt deutlich über dem von Ärztinnen und Psychotherapeutinnen, die in der Befragung des Zi-Praxis-Panels einen mittleren Jahresüberschuss von 104.600 Euro angaben.

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