Coronavirus

Krebsmedikamente hemmen SARS-CoV-2-Vermehrung

Robert Klatt

Verschiedene Krebsmedikamente haben in Zellkulturen die Vermehrung von SARS-CoV-2 gestoppt. Weil die Medikamente bereits zugelassen sind, können klinische Studien mit Menschen zeitnah beginnen.

Frankfurt am Main (Deutschland). Spezielle Medikamente zur Behandlung von Covid-19 existieren auch mehr als acht Monate nachdem Beginn der Pandemie nicht. Dies liegt zum Teil an den aufwendigen Erprobungs- und Zulassungsverfahren für neue Wirkstoffe und Medikamente. Die Forschung sucht deshalb parallel zur Entwicklung entsprechender Mittel auch nach bereits zugelassenen Wirkstoffen, die sich gegen SARS-CoV-2 verwenden lassen.

Ein Team um Kevin Klann von der Goethe-Universität Frankfurt hat nun einen neuen Ansatzpunkt zur Behandlung von Covid-19 identifiziert. Laut Klann „sind Kenntnis der molekularen Vorgänge und Veränderungen in der Wirtszelle essenziel, um einen Wirkstoff erfolgreich umwidmen zu können.“ Die Wissenschaftler untersuchten deshalb, welche Veränderungen Covid-19 an den molekularen Signalwegen der befallenen Zellen auslöst.

Chromatografie-Massenspektrometrie zeigt Veränderungen

Laut einer Publikation im Fachmagazin Molecular Cell infizierten sie dazu menschlicher Darmzellen mit SARS-CoV-2. Anschließend analysierten sie mithilfe der Chromatografie-Massenspektrometrie wie sich die Proteine und deren Phosphorgruppen veränderten. Diese sogenannte Phosphorylierung reguliert den Zellstoffwechsel und wird von Viren zur eigenen Vermehrung missbraucht.

Wie Klann erklärt, „haben die Wissenschaftler nach der Infektion mit SARS-CoV-2 umfangreiche Veränderungen in der Phosphorylierung der Wirtsproteine und der des Virus festgestellt.“ Betroffen waren Signalwege, die die Zellrezeptoren und die Vesikeln steuern. Überdies manipuliert SARC-CoV-2 auch Botenstoffkaskaden, die den Zellzyklus und Proteinproduktion beeinflussen.

Epidermaler Wachstumsfaktor (EGFR)

Als zentrale konnte dabei der sogenannte epidermale Wachstumsfaktor (EGFR) identifiziert werden, der die antiviralen Mechanismen der Wirtszelle deaktivieren kann und der von vielen Viren zum Eindringen in menschliche Zellen genutzt wird. Weil der epidermale Wachstumsfaktor auch bei der Entartung von Zellen eine entscheidende Rolle spielt, gibt es bereits verschiedene Medikamente, die an den Signalkaskaden ansetzen.

Derzeit werden diese Hemmstoffe zur Behandlung von Krebs eingesetzt. Laut Christian Münch „haben fünf dieser Wirkstoffe auch zu einem kompletten Stopp der SARS-CoV-2-Replikation geführt.“ Pictilisib, Omipalisib, RO5126766, Lonafarnib und Sorafenib wirken tief in der Signalkaskade und können somit die Aktivierung von Wachstumsfaktor-Rezeptoren verhindern.

SARC-CoV-2-Vermehrung blockiert

In Testreihen mit Zellkulturen konnten die Krebsmedikamente die Vermehrung von viraler RNA und damit auch die Vermehrung des Coronavirus verhindern. Dazu wurden laut den Studienautoren Wirkstoffmengen genutzt, die auch für den Menschen verträglich sind.

Die im Experiment erprobten Medikamente und weitere Mittel mit ähnlichen Hemmstoffen könnten somit eine neue Methode zur Behandlung von Covid-19 sein. Co-Autor Jindrich Cinatl vom Universitätsklinikum Frankfurt erklärt, dass „bereits zugelassene Medikamente einen ungeheuren Entwicklungsvorsprung haben, sodass man auf Grundlage unserer Ergebnisse und weniger weiterer Experimente sehr schnell mit klinischen Studien beginnen könnte.“ Unklar ist bisher, ob die in den Zellkulturen beobachtete Wirkung auch im Menschen auftritt.

Molecular Cell, doi: 10.1016/j.molcel.2020.08.006

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