Beeindruckende Qualität

Kontaktlinse fürs Ohr hilft bei Hörproblemen

Conny Zschage

Zu starker Lärm über eine lange Zeitperiode, ein Hörsturz oder gesundheitliche Mängel – Schwerhörigkeit kann viele Gründe haben. Das Start-up Vibrosonic, eine Ausgründung der Fraunhofer-Projektgruppe für Automatisierung in der Medizin, hat nun eine neue Art von Hörgerät entwickelt, bei welcher der Lautsprecher direkt auf dem Trommelfell aufliegt. Die neuartige Technik muss nicht implantiert werden und übertrifft bisherige Hörsysteme in der Audioqualität.

München (Deutschland). Der Deutsche Schwerhörigenbund e.V. schätzt, dass etwa 15 Millionen Deutsche schwerhörig sind. Bei vielen dieser Menschen können Hörgeräte die Lebensqualität deutlich verbessern. Doch bei den meisten Hörgeräten sitzt der Lautsprecher im Gehörgang des Trägers, wodurch es zu akustischen Verzerrungen kommen kann. Und da sich das Mikrofon oftmals hinter dem Ohr sitzt, ist es anfällig für Störgeräusche wie etwa Wind.

Die Lösung von Vibrosonic ist ein Hörapparat aus drei Teilen, den Wissenschaftler des Fraunhofer-Institutes entwickelt haben. Der sogenannten Hörkontaktlinse, einem Gehörgangsmodul und einem Hinter-den-Ohr-Modul. Die Ersten beiden befinden sich fest im Gehörgang und das Hinter-dem-Ohr-Modul kann flexibel abgenommen werden.

Natürliche Klangqualität

Der interessante Twist ist, dass die Hörkontaktlinse direkt auf dem Trommelfell aufliegt. Dadurch können Schwingungen ohne Luftschall direkt auf die Gehörknöchelchen übertragen werden. Da das Gehör dabei mechanisch stimuliert wird, entspricht die Audioqualität dem des natürlichen, unbeschädigten Hörvermögens.  Zudem können Klänge im gesamten hörbaren Frequenzbereich von unter 80 Hz bis deutlich über 12 kHz verstärkt werden. Klassische Systeme sind dazu nicht in der Lage.

Da es Unterschiede in der Trommelfellform bei jedem Menschen gibt, wird die Hörkontaktlinse individuell für jeden Patienten hergestellt. Da das Gerät direkt auf dem Trommelfell sitzt, werden sehr tiefe und besonders hohe Töne hervorragend verstärkt, während Rückkopplungen weitgehend vermieden werden. Die tiefen Töne sorgen für einen besseren Klang bei Musik, während die hohen für das Sprachverstehen wichtig sind.

Für viele Patienten geeignet

Aufgrund der extremen Miniaturisierung des Gerätes ist es für alle Menschen ab 18 Jahren geeignet. Besonders bei leichter bis mittelgradiger Hörschädigung kann durch die Hörkontaktlinse das Gehör fast komplett wiederhergestellt werden. Zudem kann sie individuell auf einem oder beiden Ohren getragen werden, da bei Patienten oftmals nur ein Ohr betroffen ist.

Um trotz ihrer winzigen Größe eine so beeindruckende Audioqualität zu erreichen, benutzt die Hörkontaktlinse den sogenannten Vibrosonic-Aktor. Dieser wurde mit Methoden der Mikrosystemtechnik entwickelt und realisiert und besitzt Strukturen welche tausendmal kleiner als die Dicke eines menschlichen Haares sind.

Zulassung später dieses Jahr geplant

Momentan werden noch klinische Studien durchgeführt, um die Sicherheit und Funktionalität des Systems für alle eventuellen Benutzer zu gewährleisten. Falls dies geschieht, können Hörgeschädigte es in Zukunft von ihrem Hals-Nasen-Ohrenarzt ins Ohr einsetzen und anpassen lassen. In Zukunft soll die gesamte Apparatur weiter miniaturisiert werden, damit bald auch das Hinter-dem-Ohr-Modul mit Batterien und Signalverarbeitungsprozessor nahezu unsichtbar im Gehörgang verschwinden kann.

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