Hämostaseologie

Gentherapie zeigt Langzeitwirkung bei Hämophilie A

Dennis L.

Eine aktuelle Studie aus Großbritannien zeigt, dass eine gezielte Gentherapie bei der Behandlung von Hämophilie A erfolgsvorsprechend ist. Demnach konnten Patienten durch nur eine einzige Infusion drei Jahre lang vor schweren Blutungen bewahrt werden.

London (Großbritannien). Bei Hämophilie handelt es sich um eine seltene Erbkrankheit, bei der gewisse Gerinnungsfaktoren des Blutes in zu kleinen Mengen vorhanden sind oder sogar komplett fehlen. Dies sorgt bei Betroffenen dafür, dass bereits die kleinste Blutung eine ernsthafte Gefahr für das eigene Leben darstellen kann. Eine Besonderheit von Hämophilie A, der besonders schweren Form dieser Krankheit, ist die Verteilung unter den Geschlechtern. Hämophilie A kommt quasi ausschließlich bei Männern vor, wohin hingegen mildere Formen der Hämophilie auch vermehrt bei Frauen auftreten.

In der Bundesrepublik Deutschland leben laut aktuellen Zahlen des Deutschen Hämophilieregisters rund 10.000 Menschen mit dieser Blutgerinnungsstörung, wobei etwa die Hälfte der Betroffenen unter der schweren Hämophilie-Form leiden. Rund 400.000 Menschen sind es laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weltweit.

Hämophilie mit Faktorpräparaten therapieren

Die angeborene Hämophilie ist bisher nicht heilbar. Dennoch kann man sie mit sogenannten Faktorpräparaten gut therapieren. Dabei werden die fehlenden Faktoren im Blut mit besagten Präparaten ergänzt. Jedoch sind Hämophilie-Erkrankte auf eine lebenslange Therapie angewiesen. Wie diese Therapie genau aussieht und was es für Hämophiliepatienten zu beachten gibt, hat die Hohenzollern Apotheke ausführlicher hier erklärt.

Hoffnung gibt nun eine aktuelle Studie aus der britischen Hauptstadt London, welche kürzlich im New England Journal of Medicine veröffentlich wurde. Demnach konnten forschende Mediziner mit der Gentherapie große Erfolge bei der Behandlung von Hämophilie A verzeichnen. Mit nur einer Infusion mit einem Adenovirus, welches eine korrigierte Version des F8-Gens in den Leberzellen des Patienten hinterlegt, konnten 13 Patienten mit Hämophilie A seit nun mittlerweile über drei Jahren vor schwereren Blutungen bewahrt werden. Die Forscher berichten zudem, dass es durch die Behandlung zu keinen schweren Leberschäden gekommen ist und auch keine Hemmkörperbildung beobachtet werden konnte.

US-Wirkstoff gegen Hämophilie wird erfolgreich in Großbritannien getestet

Seit dem Jahr 2015 wurden an gleich mehreren britischen Kliniken Hämophilie A-Patienten mit einer neuartigen Gentherapie behandelt. Diese wurde von dem US-Konzern BioMarin Pharmaceutical entwickelt und besteht aus einer einmaligen Infusion des Adeno-assoziierten Virus AAV5, welche das F8-Gen in die Leberzellen, der eigentlichen Produktionsstätte für die körpereigenen Gerinnungsfaktoren, transportieren soll.

Da das AAV5-Virus nicht das komplette F8-Gen transportieren konnte, mussten die Forscher das Gen verkürzen, was den Erfolg der Gentherapie gegen Hämophilie jedoch nicht geschadet hat. Bei allen Probanden kam es zum vorhergesagten Anstieg der Faktor VIII-Werte im Blut.

Wirkung im dritten Jahr nur minimal schwächer

Die Auswertung der bisherigen Ergebnisse sind vielversprechend. So sind 13 Patienten der ursprünglich 15 Probanden seit nunmehr drei Jahren frei von größeren Blutungen geblieben. Zwei Patienten haben von Beginn an eine sehr gering dosierte Infusion bekommen. Hier stellt sich schnell heraus, dass die Gentherapie bei ihnen nicht anschlagen wird.

Sieben Patienten der Studie konnten seit Beginn der Gentherapie komplett auf prophylaktische Infusionen von Gerinnungsfaktoren verzichten. Bei diesen Testpersonen haben sich auch alle Gelenkblutungen eingestellt.

Die restlichen sechs Patienten, die eine etwas geringere Dosierung als die vorherigen sieben Probanden bekamen, zeigte sich ebenfalls ein positiver Effekt der Behandlung. Auch hier sind größere Blutungen seit Therapiebeginn ausgeblieben. Die Zahl der prophylaktische Infusionen konnte von durchschnittlich 155, 5 auf 0,5 Infusionen pro Jahr reduziert werden. In dieser Gruppe haben sich bei fünf der sechs Probanden die Gelenkblutungen zurückgebildet, berichten die Forscher.

Zwar ist der Faktor VIII-Spiegel im dritten Behandlungsjahr leicht zurückgegangen, jedoch gehen die Mediziner davon aus, dass der Wert immer noch so hoch ist, um die Probanden weiterhin vor schwereren Blutungen zu schützen.

Befürchtete Nebenwirkungen blieben aus

Die begleitenden Mediziner hatten anfänglich einige Bedenken bzgl. ungewollter Nebenwirkungen. So konnte bei den meisten Probanden zu Therapiebeginn ein Anstieg der Alanin-Aminotransferase beobachtet werden, der aber schnell durch eine Glukokortoiden-Behandlung entgegengewirkt werden konnte. Die Befürchtung ernsthafter Leberschäden konnten glücklicherweise nicht beobachtet werden, so die Mediziner. Zur Debatte stand auch die Bildung von Antikörpern gegen Faktor VIII, die aber ebenfalls ausblieb.

BioMarin Pharmaceutical geht nun in die Phase-3-Studie über, die im September 2023 abgeschlossen sein soll. Bei einem positiven Ausgang der klinischen Studie ist mit einer Zulassung der Gentherapie zu rechnen.

The New England Journal of Medicine, doi: 10.1056/NEJMoa1908490

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