Künstliche Befruchtung

Forscher verjüngen erstmals menschliche Eizellen

 Dennis L.

(KI Symbolbild). Wissenschaftler haben einen wichtigen Fortschritt in der Reproduktionsbiologie erzielt indem sie menschliche Eizellen erstmals biologisch verjüngen konnten. Die Methode zielt auf die Stabilisierung der Chromosomen während der Meiose ab und könnte die Qualität von Eizellen bei älteren Patientinnen verbessern. Dieser Ansatz basiert auf der Wiederherstellung eines entscheidenden Schutzproteins das mit dem Alter abnimmt und öffnet neue Perspektiven für die Reproduktionsmedizin. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 
Auf den Punkt gebracht
  • Die Eizellen älterer Frauen profitieren von der Shugoshin 1 Ergänzung
  • Chromosomenfehler in der Meiose werden stark reduziert
  • In-vitro-Fertilisation könnte deutlich erfolgreicher verlaufen

Die Fruchtbarkeit der Frau nimmt mit steigendem Alter ab weil die Qualität der vorhandenen Eizellen nachlässt. Forscher haben nun erstmals einen Weg gefunden diese biologisch zu verjüngen indem sie ein spezifisches Schutzprotein ergänzen. In Laborversuchen an gespendeten menschlichen Eizellen sank die Häufigkeit schwerwiegender Chromosomenfehler signifikant ohne dass die grundlegende Struktur der Zellen verändert wurde.

Die weibliche Fruchtbarkeit unterliegt einem klaren altersabhängigen Rückgang der bereits im Mutterleib angelegten Eizellen unterliegen jahrzehntelang einer strengen Arrestphase in der ersten meiotischen Teilung. Während dieser Zeit bleibt der Chromosomenzusammenhalt durch den Cohesin-Komplex erhalten der jedoch langsam abnimmt weil keine neue Synthese stattfindet. Mit zunehmendem mütterlichem Alter steigt daher das Risiko für Aneuploidien also Abweichungen in der Chromosomenzahl der entstehenden Embryonen die zu Fehlgeburten oder Implantationsversagen bei der In-vitro-Fertilisation führen können. Die zugrundeliegenden molekularen Prozesse betreffen vor allem die korrekte Trennung der Schwesterchromatiden in der Meiose II wobei das Protein Shugoshin 1 eine zentrale Rolle als molekularer Klebstoff spielt. Ohne ausreichende Mengen dieses Faktors lösen sich die Chromatidenpaare vorzeitig was zu fehlerhaften Verteilungen führt. Neuere Erkenntnisse zeigen dass dieser Verlust nicht unausweichlich ist sondern durch gezielte Intervention in vitro korrigiert werden kann. Solche Ansätze basieren auf der präzisen Mikroinjektion von mRNA oder Protein in unreife Eizellen im Keimbläschenstadium oder der Metaphase I wodurch die endogene Expression wiederhergestellt wird. Die Methode integriert sich nahtlos in bestehende Protokolle der assistierten Reproduktion und erfordert keine zusätzliche Belastung für die Patientin. Langfristig könnte sie die Erfolgsraten bei Frauen ab 35 Jahren deutlich anheben ohne die natürliche Menopause zu verschieben.

Der theoretische Rahmen der Eizellalterung umfasst mehrere ineinandergreifende Prozesse die von oxidativem Stress über veränderte Epigenetik bis hin zu reduzierter transkriptioneller Aktivität in pericentromerischen Regionen reichen. Besonders kritisch ist der Erhalt des Cohesin-Rings der aus Untereinheiten wie REC8 besteht und durch Phosphatasen wie PP2A stabilisiert wird. Shugoshin 1 rekrutiert diese Phosphatase gezielt an die Zentromere und verhindert so den vorzeitigen Abbau des Klebstoffs. Mit fortschreitendem Alter sinkt die pericentromerische Transkription wodurch weniger Shugoshin 1 lokalisiert bleibt und die Chromatidenkohäsion destabilisiert wird. Experimentelle Modelle an Maus-Eizellen haben diesen Zusammenhang bereits bestätigt und liefern die Basis für die Übertragung auf humane Zellen. Die verwendeten Messmethoden umfassen hochauflösende Live-Cell-Imaging mit fluoreszenzmarkierten Proteinen sowie quantitativer Analyse der Inter-Kinetochor-Distanzen in Mikrometern. Solche präzisen Angaben erlauben eine statistisch robuste Bewertung der Effekte und unterstreichen die Reproduzierbarkeit der Befunde. Insgesamt bietet dieser Forschungsstrang nicht nur neue Einblicke in die Grundlagen der Reproduktionsbiologie sondern auch konkrete Ansatzpunkte für therapeutische Entwicklungen die den individuellen Kinderwunsch besser unterstützen können.

Die molekulare Grundlage altersbedingter Chromosomenfehler in Eizellen

Die Meiose in menschlichen Eizellen beginnt bereits während der fetalen Entwicklung und verharrt dann bis zur Ovulation in einem Ruhezustand der mehrere Jahrzehnte andauern kann. In dieser Phase müssen die Schwesterchromatiden durch Cohesin-Komplexe zusammengehalten werden die jedoch keiner Neusynthese unterliegen und somit kumulativen Schäden ausgesetzt sind. Besonders betroffen sind die pericentromerischen Regionen wo die Transkription von nicht-codierender RNA essenziell für die Rekrutierung von Shugoshin 1 und PP2A ist. Mit steigendem Alter der Frau nimmt diese Transkription ab was zu einer verminderten Lokalisierung von Shugoshin 1 an den Zentromeren führt und letztlich die vorzeitige Separation der Schwesterchromatiden begünstigt. Diese PSSC stellt die Hauptursache für Aneuploidien dar und erklärt warum die Erfolgsrate der In-vitro-Fertilisation bei Frauen unter 35 Jahren bei etwa 35 Prozent pro transferiertem Embryo liegt während sie bei 43 bis 44 Jahren auf rund fünf Prozent sinkt. Die Forschungsgruppe um Melina Schuh vom Max-Planck-Institut hat diesen Mechanismus detailliert aufgeklärt und dabei gezeigt dass die Ergänzung von Shugoshin 1 die Kohäsion wiederherstellt. In Mausmodellen führte die Supplementierung zu einer vollständigen Rückkehr auf jugendliche Fehlerquoten. Die verwendeten Techniken umfassen Mikroinjektion von 4 Pikolitern humaner SGO1-mRNA in Konzentrationen von 20 oder 80 Nanogramm pro Mikroliter direkt in gespendete Eizellen im GV- oder MI-Stadium. Anschließend erfolgt die Reifung in vitro gefolgt von konfokaler und Super-Resolution-Mikroskopie zur Quantifizierung der Chromosomenanordnung. Solche präzisen Messungen in Nanometer- und Mikrometer-Skalen erlauben eine exakte Bewertung des Interventionserfolgs und untermauern die translationalen Potenziale. Die Ergebnisse sind konsistent über verschiedene Spenderinnen hinweg und deuten auf eine robuste Wirksamkeit hin die unabhängig von individuellen genetischen Variationen zu sein scheint.

Die Bedeutung dieser Befunde wird besonders deutlich wenn man sie mit bekannten Risikofaktoren für eingeschränkte Fruchtbarkeit vergleicht. Ähnlich wie bei der Beeinträchtigung der Eizellreifung durch externe Einflüsse zeigt sich hier ein direkter molekularer Angriffspunkt der gezielt adressiert werden kann. Die Studie liefert damit nicht nur grundlegende Erkenntnisse sondern auch konkrete Daten für die Weiterentwicklung assistierter Reproduktionstechniken. Insgesamt umfasst der Datensatz Eizellen von Spenderinnen im Alter zwischen 22 und 43 Jahren wodurch altersstratifizierte Analysen möglich wurden. Die statistische Signifikanz der Reduktion von PSSC wurde durch gepaarte Vergleiche innerhalb derselben Spenderin bestätigt was methodische Stärke demonstriert. Weitere Untersuchungen zur Langzeitsicherheit und zur embryonalen Entwicklung nach Befruchtung sind zwar noch erforderlich doch der erste Schritt hin zu einer klinisch einsetzbaren Verjüngung ist getan.

Erste experimentelle Verjüngung menschlicher Eizellen in vitro

In der wegweisenden Arbeit die als bioRxiv-Preprint der Forschungsgruppe um Melina Schuh veröffentlicht wurde gelang erstmals die funktionelle Verjüngung humaner Eizellen. Durch einmalige Mikroinjektion von SGO1-mRNA in unreife Eizellen konnte die Menge des Schutzproteins auf jugendliche Niveaus angehoben werden. In der kombinierten Auswertung aller gespendeten Eizellen sank der Anteil mit vorzeitiger Schwesterchromatidenseparation von 53 Prozent in der Kontrollgruppe auf 29 Prozent in der behandelten Gruppe. Bei Frauen ab 35 Jahren reduzierte sich der Anteil fehlerhafter Eizellen von 65 Prozent auf 44 Prozent. Gleichzeitig nahm die Anzahl einzelner Chromatiden pro Eizelle signifikant ab was auf eine verbesserte Chromosomenkohäsion hinweist. Die Versuche umfassten mehr als 100 humane Eizellen die von Patientinnen im Rahmen von IVF-Behandlungen gespendet wurden und wurden unter strengen ethischen und qualitativen Standards durchgeführt. Die behandelten Eizellen erreichten die Metaphase II ohne zusätzliche Toxizität und zeigten normale Spindelformation. Dieser Ansatz integriert sich nahtlos in bestehende IVF-Protokolle und erfordert lediglich einen zusätzlichen Injektionsschritt der bereits in der ICSI-Routine etabliert ist. Die Startup-Firma Ovo Labs die aus dem Max-Planck-Institut hervorgegangen ist treibt die klinische Übersetzung voran und hat bereits Startkapital eingeworben um Sicherheit und Wirksamkeit in kontrollierten Studien zu prüfen. Die Ergebnisse markieren einen Paradigmenwechsel weil sie zeigen dass altersbedingte Defekte in Eizellen nicht irreversibel sind sondern durch gezielte molekulare Intervention korrigiert werden können.

Die Implikationen für die Reproduktionsmedizin sind weitreichend. Frauen die ihren Kinderwunsch auf später verschieben könnten von einer deutlich höheren Erfolgsquote bei der In-vitro-Fertilisation profitieren ohne auf Eizellspenden angewiesen zu sein. Gleichzeitig bleibt die natürliche Grenze der Menopause unverändert weil die Methode keine neuen Eizellen erzeugt sondern nur die Qualität der vorhandenen verbessert. Die Forschungsgruppe betont dass weitere präklinische und klinische Studien notwendig sind um Langzeitwirkungen auf Embryonen und Nachkommen auszuschließen. Dennoch stellt dieser Durchbruch einen Meilenstein dar der die Grenzen der aktuellen Reproduktionstechnologie erweitert und Millionen Paaren neue Hoffnung geben könnte.

Klinische Perspektiven und offene Fragen der Eizellverjüngung

Die Übertragung der Laborergebnisse in die klinische Routine erfordert eine sorgfältige Validierung der Sicherheitsparameter. Dazu gehören die Analyse der genomischen Integrität nach der Injektion sowie die Entwicklungsfähigkeit der daraus entstehenden Embryonen bis zur Blastozyste. Erste Daten aus Mausmodellen zeigen keine negativen Effekte auf die nachfolgende Embryonalentwicklung und deuten sogar auf höhere Implantationsraten hin. Für den Menschen sind derartige Langzeitstudien noch ausstehend doch die Konsistenz der Befunde über verschiedene Altersgruppen hinweg lässt optimistisch stimmen. Parallel dazu arbeitet Ovo Labs an der Optimierung des Formulats um die Injektion noch schonender und skalierbarer zu gestalten. Die Integration in bestehende IVF-Zyklen würde den Aufwand für die Patientin minimal halten und könnte bereits in wenigen Jahren verfügbar sein. Offene Fragen betreffen unter anderem die optimale Dosierung die zwischen 20 und 80 Nanogramm pro Mikroliter variiert und die Interaktion mit anderen altersbedingten Veränderungen wie mitochondrialer Dysfunktion. Dennoch überwiegen die positiven Aspekte und machen diesen Ansatz zu einem der vielversprechendsten Entwicklungen in der modernen Reproduktionsbiologie.

bioRxiv, Restoring Shugoshin 1 reduces chromosome errors in human eggs; doi:10.64898/2026.01.08.698387

Spannend & Interessant
VGWortpixel