Ein kleiner Nagelabschnitt von wenigen Millimetern reicht offenbar aus, um Ernährungsgewohnheiten und Lebensstil erstaunlich präzise abzubilden. Ein Forschungsteam der Hochschule Fulda hat die stoffliche Zusammensetzung von Fingernägeln systematisch mit Ernährung, Nahrungsergänzung und Gesundheitsdaten verknüpft. Dabei zeigte sich, dass sich bestimmte Muster im Nagel deutlich zwischen einzelnen Gruppen unterscheiden. Die Methode gilt als kostengünstig, schmerzfrei und alltagstauglich und könnte die Ernährungsdiagnostik nachhaltig verändern.
Fingernägel bestehen aus dem Faserprotein Keratin und wachsen beim Menschen um durchschnittlich rund drei Millimeter pro Monat. Während dieses Wachstums lagern sich Spurenelemente und Mineralstoffe aus dem Blut in die Nagelplatte ein und bleiben dort über Wochen bis Monate gespeichert. Dadurch wirken Nägel wie ein biologisches Archiv, das zurückliegende Stoffwechsel- und Versorgungszustände konserviert. In der Umwelttoxikologie werden Nagelproben deshalb seit Langem genutzt, um eine Belastung mit Schwermetallen nachzuweisen. Deutlich weniger erforscht war bislang, ob sich aus dem Mineralprofil auch verlässliche Rückschlüsse auf die alltägliche Ernährung und den Lebensstil ziehen lassen. Genau an dieser Lücke setzt ein aktueller Forschungsansatz an, der die Zusammensetzung der Nagelplatte nicht als Zufall, sondern als messbaren Informationsträger begreift und damit ein neues Feld der personalisierten Gesundheitsvorsorge eröffnet.
Als Biomarker bezeichnet die Wissenschaft messbare Merkmale im Körper, die verlässlich auf einen bestimmten Zustand hinweisen. Klassische Biomarker stammen meist aus Blut oder Urin und erfassen häufig nur eine Momentaufnahme des Stoffwechsels. Nägel hingegen bilden längere Zeiträume ab und lassen sich völlig schmerzfrei sowie ohne medizinisches Fachpersonal gewinnen. Für die präzise Bestimmung der enthaltenen Elemente kommt die Massenspektrometrie mit induktiv gekoppeltem Plasma zum Einsatz, kurz ICP-MS, ein hochempfindliches Verfahren, das noch Konzentrationen im Bereich weniger Mikrogramm pro Kilogramm auflöst. Damit rückt eine unscheinbare Körperstruktur ins Zentrum moderner Präventionsforschung. Die entscheidende Frage lautet, ob solche Nagelmuster stabil genug sind, um individuelle Ernährungsweisen, die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln oder sichtbare Nagelveränderungen zuverlässig voneinander zu trennen und in nutzbare Aussagen zu übersetzen.
In der sogenannten Fulda NutriNAIL Studie hat ein Team um den Biochemiker Marc Birringer an der Hochschule Fulda die Nägel von 184 Probanden im Alter zwischen 18 und 81 Jahren analysiert. Bereits ein Materialabschnitt von etwa einem Millimeter genügte, um über die Nagelanalyse mittels ICP-MS ein detailliertes Elementprofil zu erstellen. Anschließend verknüpfte das Team die Messwerte mit Angaben zu Ernährung, körperlicher Aktivität, Nahrungsergänzung und Gesundheitszustand. Besonders deutlich fiel dabei das Element Selen ins Gewicht, denn wer entsprechende Präparate einnahm, wies rund 21 Prozent höhere Selengehalte im Nagel auf als Personen ohne Supplementierung. Die Ergebnisse dieser im Fachjournal BioFactors dokumentierten Auswertung zeigen zudem, dass omnivor lebende Teilnehmer im Mittel höhere Werte aufwiesen als vegan oder vegetarisch ernährte Personen.
Neben den ernährungsbedingten Unterschieden fanden die Forscher stabile Zusammenhänge zwischen einzelnen Mineralstoffe im Nagel. Natrium und Kalium traten mit einem Korrelationskoeffizienten von 0,89 fast im Gleichschritt auf, Calcium und Magnesium hingen mit einem Wert von 0,57 zusammen, Eisen und Cobalt mit 0,66. Solche Paarungen deuten darauf hin, dass die Elemente über gemeinsame Stoffwechselwege in die Nagelplatte gelangen. Auffällig war zudem, dass sichtbare Nagelveränderungen wie brüchige Nägel, Längsrillen oder weiße Flecken mit Abweichungen im Kalium-, Natrium- und Chromgehalt einhergingen. Ähnlich wie bei der Beobachtung, dass manche Menschen aus identischer Nahrung mehr Kalorien aufnehmen, offenbart sich auch im Nagelmuster, wie individuell der Stoffwechsel arbeitet und wie stark er den messbaren Elementgehalt prägt.
Der praktische Reiz der Methode liegt in ihrer Einfachheit. Eine Nagelprobe lässt sich ohne Blutentnahme, ohne Labortermin und ohne Belastung für den Körper gewinnen, was großangelegte Reihenuntersuchungen erheblich erleichtert. Die Arbeitsgruppe der Hochschule Fulda ordnet den Ansatz deshalb als kostengünstiges und alltagstaugliches Werkzeug für die Ernährungs- und Präventionsforschung ein. Der Nagel liefert dabei nicht nur eine punktuelle Messung, sondern ein zusammenhängendes chemisches Muster, das mittelfristige Gewohnheiten abbildet. Gerade für Verlaufskontrollen und individuell zugeschnittene Empfehlungen eröffnet das eine niedrigschwellige Perspektive, die klassische Laborverfahren sinnvoll ergänzen könnte, ohne diese vollständig zu ersetzen.
Zugleich betonen die Beteiligten die Grenzen der Untersuchung. Es handelt sich um eine Querschnittsstudie, die Zusammenhänge, aber keine Ursache-Wirkungs-Beziehungen belegt, und die Übertragbarkeit auf größere Bevölkerungsgruppen muss in weiteren Kohorten überprüft werden. Künftige Auswertungen sollen die Mineralstoffpaare Kalium und Natrium sowie Calcium und Phosphor genauer beleuchten und die Aussagekraft der einzelnen Werte weiter absichern. Auch eine Kopplung mit etablierten Blutmarkern gilt als vielversprechender nächster Schritt. Ähnlich wie bei der wissenschaftlichen Neubewertung, ob rotes Fleisch tatsächlich so ungesund ist, könnte auch die Nagelanalyse manche etablierte Annahme über einzelne Ernährungsweisen verschieben und die Diskussion um objektive Messgrößen neu beleben.
BioFactors, Fingernail Mineral Profiling as a Non-Invasive Tool to Assess Dietary and Lifestyle Factors: Results From the Cross-Sectional Fulda NutriNAIL Study; doi:10.1002/biof.70056