Robert Klatt
Zwei adenovirusbasierte Impfstoffe gegen Covid-19 haben in seltenen Fällen Vakzin-induzierte immunthrombotische Thrombozytopenie (VITT) ausgelöst, die teilweise tödlich geendet ist. Nun wurde entschlüsselt, welche Prozesse dafür verantwortlich waren.
Greifswald (Deutschland). Zu Beginn der Covid-19-Impfkampagnen wurden in vielen Staaten adenovirusbasierte Impfstoffe von AstraZeneca und Johnson & Johnson verwendet. Diese haben bei etwa einer von 200.000 geimpften Personen eine sogenannte Vakzin-induzierte immunthrombotische Thrombozytopenie (VITT) ausgelöst, also Blutgerinnsel. In Europa wurden etwa 900 Fälle dokumentiert, von denen rund 200 tödlich verlaufen sind. Die Verabreichung der Impfstoffe wurde deshalb schnell eingeschränkt oder komplett verboten.
Um zu entschlüsseln, wieso die Impfungen die teilweise tödlichen Blutgerinnsel auslösen, haben Forscher der Universitätsmedizin Greifswald Blutproben von 21 betroffenen Patienten aus Deutschland analysiert. Wie die Wissenschaftler erklären, nutzen beide Impfstoffe Adenoviren als Vektoren, um die genetische Kodierung des Spikeproteins in die Zellen der geimpften Personen einzuschleusen. Bei diesem Prozess kann es bei Menschen mit einer speziellen genetischen Veranlagung dazu kommen, dass die Antikörper sich nicht nur an eine Stelle des Proteins VII binden, sondern auch an den Plättchenfaktor 4 (PF4).
Die Forscher halten es für wahrscheinlich, dass dies vor allem bei Menschen geschieht, deren Immunsystem durch eine frühere Infektion mit Adenoviren vorgeprägt ist. Die durch den Impfstoff ausgelöste Antikörperreifung aktiviert bei ihnen also die B-Lymphozyten, weiße Blutkörperchen des adaptiven Immunsystems, wieder. Anschließend aktivieren die Antikörper die Blutplättchen und lösen dadurch die Bildung von Blutgerinnseln, während parallel die Zahl der Blutplättchen abnimmt.
„Es ist so, als wenn bei einem Schlüssel ein Zacken verändert wird und der Schlüssel danach in ein anderes Schloss passt. Diese Kombination aus zufälliger Mutation und genetischer Besonderheit kommt ausgesprochen selten vor. Daher ist auch das Risiko für diese Komplikation sehr gering.“
Laut den Wissenschaftlern ist die Entdeckung nicht nur rückblickend, für die Aufarbeitung der Covid-19-Pandemie, relevant, sondern auch für die heutige Medizin. Adenovirusbasierte Impfstoffe haben eine weite Verbreitung, weil sie günstig produziert werden können und nicht ultratief gekühlt transportiert und gelagert werden müssen. Sie sind deshalb deutlich einfacher zu handhaben als mRNA-basierte Impfstoffe. Der Ebola-Impfstoff nutzt deshalb Adenovirus-Vektoren und weitere Impfstoffe, etwa gegen Influenza, Malaria und Tuberkulose, befinden sich in der Entwicklung.
Das Problem, das bei den adenovirusbasierten Impfstoffen gegen Covid-19 zu den schweren Komplikationen geführt hat, ist jedoch lösbar. Das pVII-Protein kann zwar nicht entfernt werden, es lässt sich aber so anpassen, dass es dem PF4 deutlich weniger ähnlich ist.
„Jetzt können wir die verantwortliche Stelle im Protein VII des Impfstoffs gezielt verändern und Vektor-Impfstoffe für alle sicherer machen. Relevant ist das insbesondere in Regionen, in denen auch heute noch lebensbedrohliche Infektionskrankheiten wie Ebola verbreitet sind.“
Quellen:
Pressemitteilung der Universitätsmedizin Greifswald
Studie im Fachmagazin The New England Journal of Medicine, doi: 10.1056/NEJMoa2514824