Neopagetopsis ionah

Weltgrößtes Fischbrutgebiet in der Antarktis entdeckt

Robert Klatt

Nester des antarktischen Eisfisches )maeT-SBOFO/IWAsehcsifsiE nehcsitkratna sed retseN(Foto: © 

Bei einer Expedition in der Antarktis entdeckten Forscher zufällig das größte Fischbrutgebiet der Erde. Es enthält etwa 60 Millionen Nester mit jeweils 1.700 Eiern.

Bremerhaven (Deutschland). Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) haben bei einer Expedition mit dem deutschen Forschungsschiff Polarstern zufällig das größte Fischbrutgebiet der Erde in der Antarktis entdeckt. Das eigentliche Ziel der Expedition war die Vermessung des Meeresgrunds des südlichen Weddellmeeres. Dazu zog das Schiff einen Instrumentenschlitten mit Sonar und hochauflösenden Kameras eineinhalb Meter über dem Meeresboden.

Wie das Team um Autun Purser im Fachmagazin Current Biology berichtet, fanden sie auf den Aufnahmen in 420 bis 534 Wassertiefe unzählige Nester des Eisfisches Neopagetopsis ionah. Es handelt sich dabei um einen größeren Raubfisch, der dank seines fast hämoglobinfreien Bluts und spezieller Gefrierschutzproteine in den eisigen Gewässern überleben kann.

Fischnester überraschen Entdecker

„Wir hatten nicht erwartet, dort überhaupt Fischnester zu finden – das war eine völlige Überraschung“, erklärt Purser. Zuvor wurden im Weddellmeer nur kleinere Ansammlungen von Nestern und einzelne Eisfische entdeckt. Die nun vorliegenden Kameraaufnahmen zeigen hingegen tausende Fischnester nahbeieinander. „Wir haben eine Fläche von 45.600 Quadratmetern abgefahren und dabei unfassbare 16.160 Fischnester auf dem Foto- und Videomaterial gezählt“, so Purser.

60 Millionen Fischnester

Im Mittel liegen die dreiviertel Meter großen Nester nur 25 Zentimeter auseinander. Sie werden jeweils von einem Eisfisch bewacht und enthalten etwa 1.700 Eier. Im gesamten 240 Quadratkilometer großen Brutgebiet könnten deshalb bis zu 60 Millionen Fischnester liegen. „Die Vorstellung, dass ein solch riesiges Brutgebiet von Eisfischen im Weddellmeer bisher unentdeckt war, ist total faszinierend“, erklärt Purser.

Warmes Tiefenwasser schafft gute Brutbedingungen.

Ihr Brutgebiet haben die Eisfische am Rand des Filchner-Schelfeises platziert, weil dort verstärkt warmes Tiefenwasser emporsteigt. Dieses ist rund zwei Grad Celsius wärmer als das Oberflächenwasser des Weddelmeeres und schafft somit gute Lebensbedingungen für Plankton und andere Meerestiere, die den jungen Eisfischen dann als Nahrung dienen. Gleichzeitig sind aber auch die Eisfische eine wichtige Nahrungsressource für die dort lebenden Weddellrobben, die bevorzugt im Bereich der Fischbrutkolonie jagen.

Ökosystem des Weddellmeeres

Laut den Autoren ist das gigantische Fischbrutsystem deshalb entscheidend für das Ökosystem des Weddellmeeres. „Wenn man bedenkt, wie wenig wir über das Leben im antarktischen Weddellmeer wissen, unterstreicht dies um so mehr die Notwendigkeit internationaler Bemühungen, ein Meeresschutzgebiet (MPA) einzurichten“, kommentiert AWI-Direktorin Antje Boetius die Ergebnisse ihrer Kollegen. Ein Vorschlag dafür wurde bereits im Jahr 2016 bei der internationalen Kommission zur Erhaltung der lebenden Meeresschätze der Antarktis (CCAMLR) eingereicht.

„Leider ist das MPA im Weddellmeer immer noch nicht einstimmig von der CCAMLR verabschiedet worden. Aber jetzt, da der Standort dieser außergewöhnlichen Brutkolonie bekannt ist, sollten Deutschland und andere CCAMLR-Mitglieder dafür sorgen, dass dort auch in Zukunft keine Fischerei und ausschließlich nicht-invasive Forschung stattfindet. Bisher haben die Abgeschiedenheit und die schwierigen Meereisbedingungen in diesem südlichsten Bereich des Weddellmeeres das Gebiet geschützt, aber angesichts des zunehmenden Drucks auf die Ozeane und die Polarregionen sollten wir beim Meeresschutz viel ehrgeiziger sein“, konstatiert Boetius.

Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2021.12.022

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