Dennis L.
Wie stark prägen Gerüche die Kommunikation zwischen Mensch und Tier? In einer Studie erhalten 43 Pferde Schweißproben aus verschiedenen Gefühlslagen direkt an die Nüstern, danach folgen 4 standardisierte Tests. Erfasst werden Verhaltensreaktionen per Video, dazu die Herzfrequenz in min−1 und Veränderungen von Stresshormonen. Entscheidend ist, ob schon der Geruch allein genügt, um Aufmerksamkeit und Annäherung messbar zu verschieben.
Pferde sind Fluchttiere, die ihre Umgebung ständig auf potenzielle Gefahren abtasten. Meist denkt man dabei an Ohren, Augen und an die feinen Signale der Körpersprache zwischen Mensch und Tier. Mindestens genauso wichtig ist jedoch der Geruchssinn: In Schweiß, Atem und Hautfetten stecken flüchtige Stoffe, die unbewusst Informationen über Aktivität, Gesundheit und Erregung transportieren können. Solche chemische Signale entstehen durch Stoffwechselprozesse, durch Mikroben auf der Haut und durch Hormonsysteme, die in Stresssituationen anders arbeiten als in Ruhe. Bei Menschen verändert Angst unter anderem Atmung, Schweißzusammensetzung und die Abgabe von geruchsaktiven Molekülen, ohne dass dafür bewusst ein Signal gesetzt werden muss. Für Tiere mit empfindlicher Nase kann das eine zusätzliche Informationsschicht sein, die neben Gestik und Stimme wirkt. Ähnliche Ansätze sind aus Arbeiten bekannt, in denen Hunde riechen Stress unter kontrollierten Bedingungen geprüft wird und damit zugleich zeigt, wie stark Gerüche zwischen Arten wirken können.
Das Problem ist methodisch: In echten Begegnungen kommen Gerüche nie allein vor, sondern zusammen mit Stimme, Blickrichtung, Muskeltonus und Bewegung. Wer den Einfluss von Angstschweiß isolieren will, muss Reize trennen, Störfaktoren kontrollieren und die Reihenfolge der Tests standardisieren. Üblich sind Schweißproben, die unter klar definierten Bedingungen gesammelt, luftdicht verpackt und später in reproduzierbarer Distanz zur Nase eines Tieres präsentiert werden. Parallel werden Verhaltensreaktionen per Video kodiert, während Sensoren die Herzfrequenz in min−1 erfassen und Proben aus Speichel oder Blut zur Abschätzung von Stresshormonen dienen. Entscheidend ist zudem Verblindung, damit die Erwartungen der Versuchsleiter nicht unbemerkt das Tier beeinflussen. Solche Designs lassen sich aus der Forschung zur zwischenartlichen Kommunikation ableiten, in der soziale Gehirn von Hunden als Beispiel dafür dient, wie stark Sinneskanäle zusammenwirken, selbst wenn man einen davon experimentell herauslöst.
Um zu testen, ob Pferde Angst rein über den Geruch wahrnehmen, nutzten Forscher ein Studiendesign, das den Kontakt zwischen Mensch und Tier in klar abgegrenzte Situationen zerlegt. Menschen trugen dabei Baumwollpads, während sie entweder ein angstauslösendes oder ein freudiges Video sahen, zusätzlich gab es unbenutzte Pads als Kontrolle. Diese Schweißproben wurden anschließend so präsentiert, dass sie unmittelbar an den Nüstern von 43 Pferden lagen, ohne dass ein Mensch dabei aktiv mit dem Tier kommunizieren musste. Danach folgten vier standardisierte Aufgaben, darunter eine Annäherung an eine Person, eine kurze Pflege, ein plötzlicher Reiz sowie ein neuartiger Gegenstand, sodass sowohl soziale als auch überraschungsbedingte Situationen abgedeckt waren. Die Auswertung kombiniert Beobachtungsdaten zu Verhaltensreaktionen mit Messungen der Herzfrequenz und mit Proben, die Veränderungen in Stresshormonen erfassen sollen. Die Details des Versuchsaufbaus sind in der Originalarbeit PLOS ONE Studie 2026 beschrieben, wobei die Autoren die Geruchsstimuli als potenzielle chemische Signale in der Mensch-Pferd-Interaktion diskutieren.
In den Verhaltensdaten zeigten sich systematische Unterschiede zwischen den Geruchsbedingungen, die sich nicht auf eine einzelne Situation beschränkten. Bei Angstschweiß suchten Pferde im Annäherungstest seltener körperlichen Kontakt zu der Person, während sie in der Aufgabe mit einem neuartigen Objekt häufiger hinsahen und bei einem plötzlichen Ereignis stärker erschraken. Die Autoren berichten dabei Effektstärken, die in Richtung höherer Furchtreaktionen weisen, zum Beispiel eine Rate Ratio von 0,60 für das Berühren der Person und eine Rate Ratio von 1,32 für die Blickhäufigkeit zum Objekt. Auch physiologisch zeigte sich ein Signal: Im plötzlichen Reiz lag die maximale Herzfrequenz unter Angstschweiß höher, mit einer berichteten Effektstärke von Cohen d 1,16, während andere Herzparameter nicht konsistent abwichen. Bei den Stresshormonen war das Bild weniger eindeutig, weil die Streuung zwischen Individuen groß war und die Testserie nur begrenzte statistische Power bot. Insgesamt sprechen diese Muster dafür, dass Geruch allein das Zusammenspiel aus Aufmerksamkeit, Annäherung und Alarmbereitschaft modulieren kann.
Trotz der klaren Unterschiede bleibt offen, welche flüchtigen Stoffe in menschlichem Schweiß die Reaktion der Pferde auslösen und ob es sich um ein spezifisches Geruchsmuster oder um unspezifische Stressmetabolite handelt. Außerdem ist die Präsentation direkt an den Nüstern eine starke Stimulation, die im Alltag meist mit visuellen und akustischen Hinweisen zusammenfällt. Für die Einordnung ist hilfreich, dass eine frühere Studie mit einem Habituations und Diskriminationsprotokoll zeigte, dass Pferde Gerüche aus Angst und Freude voneinander unterscheiden können, wie in der Originalarbeit Scientific Reports Studie 2023 ausgeführt wird, wobei auch Verblindung eine zentrale Rolle spielte. Ob daraus eine verlässliche Einschätzung der menschlichen Angst in realen Situationen folgt, hängt von Kontext, Training, individueller Erfahrung und von der Frage ab, wie stark Geruch im Verhältnis zu Körpersprache gewichtet wird. Für Praxis und Forschung ergibt sich damit vor allem eine Frage: Unter welchen Bedingungen wird Angstgeruch zu einem Signal, das das Verhalten der Pferde messbar verschiebt.
PLOS ONE, Human emotional odours influence horses’ behaviour and physiology; doi:10.1371/journal.pone.0337948
Scientific Reports, Horses discriminate human body odors between fear and joy contexts in a habituation-discrimination protocol; doi:10.1038/s41598-023-30119-8