Wasservögel

Nahrungskette verbreitet Fische in entlegenen Gewässern

Robert Klatt

Wasservögel verbreiten über ihre Ernährung Fischeier in entlegene Gewässer. Etwa 0,2 Prozent der weichschaligen Eier überstehen das Verdauungssystem einer Stockente und sind am Ausscheidungsort lebensfähig.

Debrecen (Ungarn). Fische bevölkern selbst isolierte Gewässer im Hochgebirge, in Wüstenoasen und in Vulkankratern. Biologen sind deshalb schon seit Langem damit beschäftigt, zu erforschen, wie diese entlegenen Lebensräume ursprünglich besiedelt wurden. Als plausibelste Theorie haben sich dabei Wasservögel herausgestellt, die Fischeier durch die Luft über weite Entfernung auch an entlegene Orte transportieren. Wie dies genau geschieht, konnte die Wissenschaft bisher aber noch nicht beantworten.

Mögliche Verbreitungswege sind entweder der klebrige Laich, der an den Federn von Wasservögel haftet und sich dann in anderen Gewässern wieder löst oder der Verzehr von Fischeiern, die später an anderen Orten wieder lebensfähig ausgeschieden werden und dort schlüpfen. Eine im Fachmagazin PNAS veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern Ádám Lovas-Kiss des ungarischen Donau-Forschungszentrums in Debrecen hat die möglichen Verbreitungswege nun erstmals detailliert untersucht.

Stockente, Karpfen und Giebel als Versuchstiere

Als Versuchstiere nutzten die Forscher aufgrund ihrer weiten Verbreitung den gewöhnlichen Karpfen (Cyprinus carpio) und den Giebel (Carassius gibelio) sowie die Stockente (Anas platyrhynchos). Beide Fischarten vermehren sich über weiche Eier, die auch bei anderen Fischen hauptsächlich vorkommen. Um zu untersuchen, ob diese Eier das Verdauungssystem einer Stockente überstehen können, verfütterten die Wissenschaftler acht dieser Wasservögel jeweils 500 Fischeier. Im Anschluss analysierten sie die Ausscheidungen, um lebensfähig ausgeschiedene Eier zu identifizieren.

Überlebensquote von 0,2 Prozent

Die Analyse zeigt, dass etwa 0,2 Prozent der Eier auch nach der Verdauung durch die Enten noch lebensfähig sind. Die enthaltenen Embryonen sind laut den Studienautoren vollkommen unbeschadet und können deshalb am Zielort schlüpfen und die Basis einer Fischpopulation bilden.

Dabei ist zu berücksichtigen, dass eine Überlebensquote von 0,2 Prozent sich zwar gering anhört, aufgrund der oft tausenden gefressenen Eier aber eine beträchtliche Menge ist. Laut Lovas-Kiss  ist die Nahrungskette der Wasservögel deshalb sehr wahrscheinlich der „bedeutendeste Verbreitungsweg.“

Verbreitung von bis zu 60 Kilometern

Stockenten können laut einer Schätzung der Forscher Fischeier bis zu 60 Kilometer in andere Gewässer transportieren. Die Schätzung des Verbreitungspotenzials basiert auf einer Ausscheidung nach einer Stunde und der durchschnittlichen Fluggeschwindigkeit der Vögel. In einigen Fällen ist auch mit einem deutlich höheren Verbreitungsweg zu rechnen, weil die Eier für bis zu sechs Stunden in den Vögeln verbleiben können.

Weitere Studien sollen laut den Wissenschaftlern nun untersuchen, „wie oft solche Ausbreitungsereignisse zur erfolgreichen Etablierung neuer Populationen von Süßwasserfischen führen.“ Außerdem soll analysiert werden, bei welchen Vogel- und Fischarten dieser Verbreitungsweg auftritt und welche weiteren Faktoren dabei eine Rolle spielen.

PNAS, doi: doi.org/10.1073/pnas.2004805117

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