Konkurrenz um Nahrung?

Erstmals tödliche Attacken von Schimpansen auf Gorillas beobachtet

Robert Klatt

Schimpansen sind für ihr aggressives Verhalten bekannt. Nun wurde erstmals beobachtet, wie große Schimpansen-Gruppen gezielt Gorillas getötet haben.

Osnabrück (Deutschland). Schimpansen sind für ihr aggressives Verhalten bei Kämpfen um die Hierarchie innerhalb ihrer Gruppe und bei der Jagd nach kleinen Säugetieren sowie anderen Affen bekannt. Wissenschaftler der Universität Osnabrück und des Max-Planck-Institutes für evolutionäre Anthropologie haben im Loango-Nationalpark in Gabun nun erstmals beobachtet, dass große Schimpansen-Gruppen gezielt Gorillas angreifen.

Laut ihrer Publikation im Fachmagazin Scientific Reports wollten die Wissenschaftler bei ihrer Expedition eigentlich das Sozialverhalten der rund 45 Schimpansen beobachten. Der Fokus lag dabei auf den sozialen Beziehungen, den Interaktionen mit Nachbargruppen, dem Werkzeuggebrauch und der Kommunikation der Tiere und ihrem Jagdverhalten.

Plötzliche Verhaltensänderung

Wie die Biologen berichten, hatten die Schimpansen zu den ebenfalls im Nationalpark lebenden Gorillas zuvor ein gutes Verhältnis. „Wir haben beide Arten regelmäßig friedlich in Futterbäumen beobachtet, und unsere Kollegen aus dem Kongo wurden sogar Zeugen von gemeinsamen Spielen zwischen Schimpansen und Gorillas“, erklärt Simone Pika.

Die plötzlichen Angriffe der Schimpansen auf die Gorillas waren deshalb sehr unerwartet. „Zunächst hörten wir nur Schreie der Schimpansen und dachten, wir würden eine typische Begegnung zwischen benachbarten Schimpansen-Gemeinschaften beobachten. Doch dann hörten wir Brusttrommeln, ein Imponierverhalten, das charakteristisch für Gorillas ist, und stellten fest, dass die Schimpansen auf eine Gruppe von fünf Gorillas gestoßen waren“, sagt Lara Southern.

27 Schimpansen gegen fünf Gorillas

Beobachten konnten die Forscher zwei Kämpfe, in denen jeweils 27 Schimpansen einmal eine fünfköpfige Gorillagruppe und einmal gegen eine siebenköpfige Gorillagruppe angriffen. Dabei versuchten die Silberrücken und Gorillaweibchen zunächst ihre Jungtiere zu verteidigen. Als die unterlegenen Gorillas die Flucht ergriffen, konnten die Schimpansen zwei Jungtiere entreißen und töten. Welche Ursache die beiden Attacken hatten, ist laut den Biologen noch unklar.

„Es könnte sein, dass das Zusammenleben von Schimpansen, Gorillas und Waldelefanten im Loango-Nationalpark zu stark erhöhter Konkurrenz um Nahrung geführt hat, die sich in Extremfällen in tödlichen Konflikten zwischen den beiden Menschenaffenarten entlädt“, erklärt Tobias Deschner. Womöglich haben die Schimpansen die Gorillas also getötet, weil sie sie als Konkurrenz um Nahrung angesehen haben.

Noch steht die Wissenschaft bei der Erforschung der Auswirkungen der Nahrungskonkurrenz auf das Verhalten von Menschenaffen aber noch am Anfang. „Unsere Studie zeigt, dass es noch sehr viel über unsere nächsten lebenden Verwandten zu erforschen und zu entdecken gibt“, konstatiert Pika.

Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-021-93829-x

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