Kambrium

Ernährung von Hallucigenia immer noch unklar

 Dennis L.

(KI Symbolbild). Ein Tier aus dem Kambrium wirkt sehr bizarr, doch seine Anatomie folgt Regeln. Bei Hallucigenia rückt nun ausgerechnet die Nahrung in den Mittelpunkt. Neue Indizien zeigen, wie schwer sich frühe Nahrungsketten aus Fossilien rekonstruieren lassen. Dabei entscheidet oft der Fundkontext, nicht nur die Form. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 
Auf den Punkt gebracht
  • Fossilien zeigen Spurensuche nach Nahrung im Kambrium
  • Ein rätselhafter Mundapparat passt nicht zu alten Annahmen
  • Die Tiefseeökologie entsteht, als Aas auf den Boden sinkt

Ein stacheliger Körper, zarte Beinpaare und ein Kopf, der lange falsch verstanden wurde: Hallucigenia gehört zu den ikonischen Tieren der frühen Tierwelt. Doch ausgerechnet sein Speiseplan blieb schwer greifbar. Neue Funde aus dem Burgess Schiefer verbinden mehrere Exemplare mit einem auffälligen Fundkontext, der mehr als Zufall sein könnte. Entscheidend ist dabei eine Größenordnung im Millimeterbereich, die sich nur unter außergewöhnlicher Erhaltung abzeichnet.

Das Kambrium steht für eine Zeit, in der sich die Baupläne vieler Tiergruppen rasch ausdifferenzierten und neue Rollen in marinen Ökosystemen entstanden. Aus dieser Epoche sind zahlreiche Organismen bekannt, deren Körper weich, klein oder nur schwach verhärtet war. Genau deshalb sind Weichkörperfossilien so wertvoll, weil sie nicht nur Schalen oder Zähne zeigen, sondern ganze Körperumrisse, Sinnesorgane und manchmal sogar Details der inneren Anatomie. Hallucigenia passt perfekt in dieses Bild: ein schlauchförmiges Tier mit Beinanhängen und starren Stacheln, das lange Zeit sprichwörtlich auf dem Kopf rekonstruiert wurde. Solche Irrtümer zeigen, wie dünn die Datenbasis selbst bei berühmten Fossilien sein kann und wie stark jede neue Beobachtung die Deutung verschieben kann.

Gerade die Ernährung ist bei frühen Meerestieren besonders schwer zu fassen, weil direkte Spuren selten eindeutig sind. Selbst wenn ein Tier einen Mundapparat besitzt, sagt das nicht automatisch, ob es Beute jagte, Partikel filterte oder organische Reste verwertete. Hinzu kommt, dass die kambrische Explosion nicht nur Formenvielfalt bedeutet, sondern auch das Entstehen stabilerer Nahrungsketten, in denen Detritus, Aas und Räuber eine neue Dynamik erzeugen können. In ruhigen Ablagerungsräumen können tote Organismen relativ ungestört absinken und überdeckt werden, doch genau dort wirken auch Prozesse, die Zusammenhänge vortäuschen oder verwischen. Für die Tiefseeökologie ist das entscheidend, weil sie oft von episodischen Einträgen lebt, etwa wenn organisches Material in kurzer Zeit auf den Meeresboden gelangt. Fossilien liefern deshalb häufig Indizienketten, keine direkten Beweise, und jede Interpretation muss gegen Zufall, Umlagerung und Zersetzung getestet werden.

Hallucigenia im Bauplan der frühen Tiere

Hallucigenia wird meist als kleiner, weichkörperiger Vertreter früher Panarthropoden beschrieben, mit mehreren Beinpaaren und markanten Stacheln entlang des Rückens. Je nach Art und Erhaltung liegen Größen im Bereich weniger Millimeter bis rund 50 mm, was die Suche nach feinen Strukturen schwierig macht. Genau diese Feinheiten sind jedoch entscheidend, weil ein Tier in dieser Größenordnung sehr unterschiedliche Ernährungsweisen haben kann, vom Abweiden mikrobieller Beläge bis zum Verwerten weicher Beute. Ein Blick auf die Epochen der Erdgeschichte hilft, die zeitliche Einordnung zu klären: Im mittleren Kambrium waren viele heutige Großgruppen bereits angelegt, aber ihre ökologischen Rollen konnten sich noch deutlich von modernen Analogien unterscheiden. Für Hallucigenia kommt hinzu, dass Körperteile je nach Blickwinkel und Kompression im Gestein anders erscheinen, was die Zuordnung von Kopfende, Bauchseite und Bewegungsrichtung lange umstritten machte.

Auch der Fundraum spielt eine zentrale Rolle. Der Burgess Schiefer ist bekannt für eine Erhaltung, bei der feine Konturen als Kohlenstofffilme oder mineralisierte Abdrücke überliefert werden, was Weichkörperfossilien überhaupt erst auswertbar macht. Gleichzeitig ist diese Erhaltung selektiv: Manche Details bleiben sichtbar, andere verschwinden, obwohl sie biologisch vorhanden waren. Für Aussagen zur Ernährung zählt deshalb nicht nur die Anatomie, sondern auch, ob ein Fossil isoliert liegt, in einer Ansammlung vorkommt oder mit anderem Material räumlich verknüpft ist. Solche Muster können auf eine ökologische Interaktion hindeuten, sie können aber auch durch Strömung, Hangrutschungen oder eine späte Überdeckung entstanden sein. Genau an dieser Schnittstelle zwischen Biologie und Erhaltungsprozessen entscheidet sich, ob aus einem kuriosen Tier ein belastbarer Baustein für frühe Nahrungsketten wird.

Ernährung aus Fossilien lesen, Indizien statt Beweis

Wenn Fossilien keine eindeutigen Darminhalte zeigen, bleiben mehrere messbare und vergleichbare Indizien, die zusammen ein Bild ergeben können. Dabei geht es selten um ein einziges Merkmal, sondern um das Zusammenspiel aus Form, Abnutzung, Häufigkeit und Fundkontext. Für Hallucigenia ist besonders relevant, ob der Mundapparat eher zum Greifen, Schaben oder Durchleiten weicher Nahrung passt, und ob die Umgebung Hinweise auf die Verfügbarkeit bestimmter Nahrungsquellen liefert. Selbst scheinbar klare Zusammenhänge müssen dabei gegen taphonomische Effekte getestet werden, weil Kompression im Gestein Strukturen verzerren kann und weil sich Organismen nach dem Tod häufig bewegen, bevor sie endgültig eingebettet werden.

  • Form und Orientierung von Mundöffnung und Vorderkörper im Abdruck
  • Verfestigte Elemente im Mundapparat, Größe, Anordnung, Symmetrie
  • Mikroskopische Abnutzungsspuren an harten Strukturen, sofern erhalten
  • Räumliche Nähe zu möglichen Nahrungsresten, wiederholt auf mehreren Platten
  • Häufigkeit bestimmter Kopplungen im gleichen Schichtniveau
  • Hinweise auf Zersetzung, Zerfallsmuster und Überdeckungsgeschwindigkeit

Diese Indizien sind stark, aber nicht automatisch eindeutig. Ein Tier kann in der Nähe eines Kadavers liegen, ohne daran gefressen zu haben, etwa weil es denselben Ablagerungsprozess teilte. Umgekehrt kann tatsächliches Fressen unsichtbar bleiben, wenn weiche Nahrung keine Spuren hinterlässt. Deshalb spielt Statistik eine große Rolle: Wiederholt sich ein Muster auf unabhängigen Funden, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass ein ökologischer Zusammenhang dahintersteht. Gleichzeitig bleibt Unsicherheit, weil Fossilserien meist unvollständig sind und weil seltene Ereignisse wie Aasfälle eine überproportionale Wirkung auf das Bild haben können. Genau diese Mischung aus plausibler Mechanik und begrenzter Datenlage macht neue Befunde so brisant.

Ein Fundkomplex im Burgess Schiefer verändert die Diskussion

Ein neuer bioRxiv-Preprint 2025 beschreibt einen Fundkomplex, der Hallucigenia nicht nur als Einzelorganismus zeigt, sondern in auffälliger räumlicher Verknüpfung mit weichem organischem Material. Entscheidend ist dabei, dass mehrere Exemplare in unmittelbarer Nähe zu einer einzigen, großflächigen Struktur liegen, deren Form und Erhaltung eher zu einem gallertigen Tier passt als zu einer harten Schale. Die Autoren interpretieren diese Struktur als Rippenqualle und leiten daraus ab, dass Hallucigenia zumindest gelegentlich weiche Biomasse verwertet haben könnte. Der Befund ist deshalb interessant, weil er nicht allein auf Anatomie setzt, sondern auf eine wiedererkennbare Szene im Gestein, die eher nach Interaktion als nach Zufall aussieht. Für die Rekonstruktion früher Nahrungsketten ist das ein seltenes Format von Evidenz, weil es Verhalten indirekt, aber kontextreich abbildet.

Gleichzeitig bleibt die Deutung angreifbar, weil genau solche Szenen besonders anfällig für Alternativerklärungen sind. Eine gemeinsame Einbettung kann durch kurzfristige Sedimentereignisse entstehen, die Organismen und organische Reste zusammenführen, ohne dass ein direkter Fraßakt stattgefunden hat. Auch der Zustand der gallertigen Struktur ist wichtig: Wenn sie bereits stark zersetzt war, könnte Hallucigenia eher Detritus aufgenommen haben als frische Beute. Zudem hängt die Aussagekraft davon ab, wie oft sich das Muster wiederholt und ob es in unterschiedlichen Schichten unabhängig beobachtet wird. Der neue Fundkomplex verschiebt damit nicht automatisch die Lehrbuchantwort, er zwingt aber dazu, einfache Etiketten wie reiner Jäger oder reiner Pflanzenfresser zu hinterfragen und die Bandbreite an opportunistischen Strategien im Kambrium ernster zu nehmen.

Konsequenzen für die Tiefseeökologie und frühe Nahrungsketten

Wenn Hallucigenia tatsächlich an weicher Biomasse beteiligt war, passt das gut zu einem Szenario, in dem Aas und zerfallende Organismen als punktuelle Energiequellen für Bodentiere dienen. In modernen Meeren können einzelne Kadaver lokale Hotspots erzeugen, an denen viele kleine Organismen in kurzer Zeit Nahrung finden, ohne selbst aktiv zu jagen. Übertragen auf das Kambrium wäre das ein Mechanismus, der die Tiefseeökologie stabilisiert, weil Energie nicht nur über kontinuierlichen Partikelregen, sondern auch über seltene, aber große Einträge verfügbar wird. Ob Hallucigenia dafür anatomisch geeignet war, hängt am Mundapparat, insbesondere an der Frage, ob er weiche Substanz aufnehmen konnte, ohne harte Beute knacken zu müssen. Hinweise auf verfestigte Elemente im Kopfbereich und eine bezahnte Vorderdarmregion wurden bereits in einer Studie 2015 beschrieben, was grundsätzlich zu einer aktiven Verarbeitung von Nahrung passen kann, ohne eine einzige Strategie festzuschreiben.

Ökologisch wäre der Befund auch deshalb relevant, weil das Kambrium nicht nur Räuber und Beute hervorbrachte, sondern auch Übergangsrollen, die zwischen Detritus, Aas und gelegentlicher Beute wechseln konnten. Ein kurzer Blick auf Räuber im frühen Meer zeigt, dass zeitgleich bereits deutlich spezialisierte Fleischfresser existierten, was die Frage nach Nischen umso spannender macht. Hallucigenia könnte in einem solchen System weniger ein Spitzenräuber gewesen sein als ein flexibler Verwerter, der an weichen Ressourcen teilhatte, wenn sich Gelegenheit bot. Entscheidend ist dabei, dass sich solche Rollen nicht allein aus spektakulären Körperformen ergeben, sondern aus wiederholbaren Mustern im Fundmaterial. Künftige Arbeiten können die Hypothese weiter testen, indem sie ähnliche Kopplungen in anderen Lagerstätten suchen und die Variabilität des Mundapparat systematisch mit Fundkontexten vergleichen.

bioRxiv, Hallucigenia's diet illuminates the feeding ecology of Cambrian lobopodians; doi:10.64898/2025.12.28.696761
Nature, Hallucigenia's head and the pharyngeal armature of early ecdysozoans; doi:10.1038/nature14573

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