Dennis Lenz
Ein Forschungsteam aus Jena, Halle-Leipzig und Oxford hat den Energieaufwand von Hannibals legendärem Alpenmarsch neu berechnet und dabei einen überraschenden Unterschied zwischen Mensch und Tier gefunden. Die bioenergetische Modellierung erlaubt erstmals einen quantitativen Vergleich der vier historisch diskutierten Alpenpässe. Für die gesamte Armee ergibt sich auf der günstigsten Route ein Energiebedarf von rund 5,42 Terajoule. Während die Soldaten schwer unter der Belastung litten, verkrafteten ausgerechnet die tonnenschweren Kriegselefanten den Marsch erstaunlich gut. Die Ergebnisse liefern ein neues Argument in einer seit Generationen geführten Debatte.
Der Zug des karthagischen Feldherrn Hannibal über die Alpen im Jahr 218 vor unserer Zeitrechnung zählt zu den bekanntesten militärischen Unternehmungen der Antike. Nach den überlieferten Angaben führte er eine Armee von etwa 40.000 Soldaten, rund 7.000 Pferden und 37 Kriegselefanten aus dem heutigen Frankreich über das Hochgebirge in die norditalienische Poebene, um von dort aus Rom anzugreifen. Historiker und Altertumsforscher streiten seit dem 19. Jahrhundert über die genaue Route dieses Marsches, weil die antiken Quellen von Polybios und Livius keine eindeutige geografische Zuordnung erlauben. Zur Auswahl stehen vier Alpenpässe, die sich in Höhe, Länge und Steilheit deutlich unterscheiden. Die Frage berührt nicht nur militärhistorische Details, sondern auch, wie eine vormoderne Armee mit ihren Tieren extreme Geländebedingungen bewältigen konnte und welche logistischen Grenzen dabei galten.
Bislang stützten sich Rekonstruktionen der Route vor allem auf Textquellen, geografische Plausibilität und vereinzelte archäologische Funde wie Münzhorte oder Kotspuren. Ein bioenergetisches Modell verfolgt einen anderen Ansatz: Es übersetzt Körpermasse, Geländeneigung und zurückgelegte Strecke in einen konkreten Energieverbrauch, gemessen in Joule. Solche Modelle stammen ursprünglich aus der Verhaltens- und Bewegungsökologie, wo sie den Energiehaushalt wildlebender Tiere beschreiben. Überträgt man sie auf eine historische Armee, lässt sich abschätzen, welcher Weg für Menschen, Pferde und Elefanten den geringsten Aufwand bedeutet hätte. Der Grundgedanke lautet, dass ein Feldherr unter dem Druck knapper Vorräte und feindlichen Geländes intuitiv jene Strecke wählt, die seine Streitmacht am wenigsten erschöpft. Damit rückt die körperliche Realität des Marsches in den Mittelpunkt der historischen Analyse.
Das Team um Emilio Berti vom Deutschen Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung und der Friedrich-Schiller-Universität Jena berechnete gemeinsam mit Fritz Vollrath von der Universität Oxford den Energieaufwand für jede der vier historisch diskutierten Routen. Die Ergebnisse erschienen Anfang Juli in der Fachzeitschrift Proceedings of the National Academy of Sciences und sind über die Originalpublikation zu den Energiekosten der Alpenüberquerung nachvollziehbar. Am günstigsten schnitt der Col de la Traversette ab, ein 2.947 Meter hoher Pass in den Cottischen Alpen an der heutigen Grenze zwischen Frankreich und Italien, mit einem Gesamtaufwand von 5,42 Terajoule für die komplette Armee. Der zweitplatzierte Weg über den Col de Montgenèvre hätte 6,02 Terajoule erfordert. Der lange als wahrscheinlichste Route gehandelte Col du Clapier folgte mit 6,28 Terajoule, während der Col du Mont Cenis mit 6,45 Terajoule den höchsten Bedarf verursacht hätte. In relativen Zahlen bedeutet das einen Mehraufwand von 11, 16 und 19 Prozent gegenüber der Traversette-Variante.
Die Berechnungen beruhen auf Routenmodellen, hochauflösenden Höhendaten und einem bioenergetischen Ansatz, der aus früheren Untersuchungen an heutigen afrikanischen Elefanten abgeleitet wurde. Für jedes Individuum ließ sich so der Energieverbrauch in Abhängigkeit von Körpermasse und Steigung schätzen und über die gesamte Streckenlänge aufsummieren. Bemerkenswert ist, dass die kürzeste zugleich die energieeffizienteste Route war, obwohl der Col de la Traversette als besonders steil und hoch gilt. Die Modellierung stützt damit eine These, die der Ingenieur und Alpinist John Prevas und später der Geomorphologe Bill Mahaney bereits mit anderen Methoden vertreten hatten. Ähnliche quantitative Zugänge zur Rekonstruktion vergangener Bewegungen kennt die aktuelle Archäologie zunehmend, weil sie überlieferte Berichte mit messbaren physikalischen Größen verbindet und so Spekulation durch belastbare Größenordnungen ersetzt.
Der überraschendste Befund betrifft den unterschiedlichen Tribut, den der Marsch von Menschen und Tieren forderte. Den Modellrechnungen zufolge hätten die Soldaten auf der Traversette-Route rund 19 Prozent ihrer Körperfettreserven verloren, ein Wert, der die überlieferten hohen Verluste plausibel macht. Antike Quellen berichten, dass nur etwa die Hälfte der Männer die Überquerung überlebte. Die Pferde büßten nach den Berechnungen etwa 11 Prozent ihrer Fettreserven ein. Die Kriegselefanten dagegen verloren lediglich rund 4 Prozent ihrer Energiereserven. Der Grund liegt in der Physiologie großer Tiere: Ihre absolute Fettmasse ist enorm, während der relative Energiebedarf pro Kilogramm Körpermasse mit zunehmender Größe sinkt. Diese günstige Skalierung erklärt, warum viele der 37 Elefanten die Strapazen überstanden und später in der Schlacht an der Trebia zum Einsatz kamen, obwohl man den sperrigen Tieren die größten Schwierigkeiten zugetraut hätte.
Trotz der klaren Rangfolge betonen die Forscher, dass ihr Modell nicht alle Unsicherheiten beseitigt. Der berechnete Energieaufwand ist nur einer von mehreren Faktoren, die Hannibals tatsächliche Routenwahl bestimmt haben könnten. Verfügbarkeit von Wasser und Weideflächen, die Haltung lokaler keltischer Stämme und taktische Erwägungen bleiben in einem rein bioenergetischen Ansatz außen vor. Auch die genaue Zusammensetzung und das Gewicht der antiken Ausrüstung lassen sich nur schätzen. Offen bleibt zudem die grundsätzliche Frage, warum Hannibal überhaupt Elefanten mitführte, deren Versorgung im Hochgebirge enormen Aufwand bedeutete. Diskutiert werden ein psychologischer Überraschungseffekt in den ersten Schlachten gegen Rom sowie der Wunsch, keltische Verbündete zu beeindrucken. Als methodisches Beispiel zeigt die Arbeit, wie sich Erkenntnisse aus der Bewegungsökologie und der Biologie mit überlieferten historischen Berichten verknüpfen lassen, um alte Fragen mit neuen Größenordnungen zu beleuchten.
Proceedings of the National Academy of Sciences, Energy costs of Hannibal's alpine crossing; doi:10.1073/pnas.2612764123