Entdeckung des Feuers

Frühmenschen machten bereits 350.000 Jahre früher als angenommen Feuer

 Dennis L.

(KI Symbolbild). Feuer macht aus Zufall eine planbare Ressource und verändert Alltag, Ernährung und Schutz. Ob Frühmenschen es selbst entzünden konnten, lässt sich nur über Spuren im Sediment und belastbare Datierung klären. Genau diese Indizien werden derzeit neu bewertet. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 
Auf den Punkt gebracht
  • Feuer hinterlässt Holzkohle und Hitzeverfärbung im Sediment
  • Frühmenschen trennten Naturbrand von Zündtechnik durch Indizketten
  • Datierung klärt Zeiträume, Thermolumineszenz ergänzt geochemische Tests

Feuer kann Sedimente auf über 970 K erhitzen und dadurch Minerale dauerhaft verändern. Solche Signaturen sind selten, weil Asche verweht und Holzkohle verwittert oder verlagert wird. Forscher kombinieren deshalb Geochemie, Mikrostratigraphie und räumliche Muster, um Naturbrand von Planung zu trennen. Eine neue Analyse legt nahe, dass die Schwelle zur verlässlichen Feuerherstellung deutlich früher überschritten wurde als bislang als sicher galt.

Feuer gehört zu den wenigen kulturellen Techniken, die gleichzeitig Biologie, Ökologie und soziale Organisation verändern können. Wer Flammen zuverlässig nutzt, gewinnt Wärme in kalten Nächten, Licht in langen Dunkelphasen und einen Schutzraum gegen Raubtiere, aber auch eine kontrollierbare Energiequelle für Prozesse wie Garen, Trocknen oder das Bearbeiten von Werkstoffen. Für Frühmenschen ist deshalb nicht nur entscheidend, ob sie Brände in der Landschaft opportunistisch ausnutzen konnten, sondern ob sie Feuer im Alltag planbar machten. Planbarkeit heißt, eine Ressource von einer seltenen Gelegenheit in ein Werkzeug zu verwandeln, das jederzeit verfügbar ist, wenn Wetter, Nahrung oder Sicherheit es verlangen. Gerade in kühleren Klimaphasen kann der Unterschied zwischen zufälligem Feuerfund und verlässlicher Feuererzeugung darüber entscheiden, wie weit Gruppen Räume erschließen, wie sie Nahrung verwerten und wie lange Aktivitäten nach Sonnenuntergang möglich sind.

In der Praxis muss ein Befund zeigen, dass Hitze vor Ort wirkte und nicht zufällig in eine Schicht gelangte. Forscher prüfen dafür räumliche Muster, mikroskopische Schichtfolgen und mineralogische Umwandlungen, die nur bei länger anhaltender, lokal begrenzter Erwärmung entstehen. Wie solche Indizketten aufgebaut werden, lässt sich an archäologischen Forschungsmethoden gut nachvollziehen, weil Datierung, Materialkunde und Kontext immer zusammen gedacht werden müssen. Besonders heikel ist, dass viele klassische Spuren kurzlebig sind: Asche wird verweht, Holzkohle zerfällt, und spätere Bodenbildung kann Schichten verwischen. Deshalb gewinnen Verfahren an Bedeutung, die erhitzte Minerale direkt erkennen, etwa Thermolumineszenz an geeigneten Materialien oder geochemische Signaturen in Sedimenten. Entscheidend bleibt, dass jede Datierung und jedes Laborergebnis in ein räumlich stimmiges Gesamtbild eingebettet wird.

Feuer im Befund: Zufall oder Planung

Ein zentrales Problem ist die Trennlinie zwischen verbrannter Landschaft und menschlich gelenkter Feuerstelle. Wildfeuer können Holzkohle, verbrannte Knochen und erhitzte Steine hinterlassen, sie erzeugen aber oft großflächige Muster und vermischen Material über unterschiedliche Mikroumgebungen. Menschliche Feuerstellen sind dagegen meist räumlich begrenzt, häufig wiederholt genutzt und mit Aktivitäten verknüpft, die unmittelbar am Brandherd stattfinden, etwa Werkzeugproduktion oder das Zerlegen von Beute. Deshalb achten Forscher auf kleinräumige Cluster, klare Grenzen eines Brennflecks und darauf, ob die betroffene Sedimentschicht im Profil ungestört wirkt. Zusätzlich wird geprüft, ob erhitzte Artefakte zu den übrigen Funden passen oder ob sie als Fremdmaterial durch Erosion, Hangabtrag oder Bioturbation eingetragen sein könnten. Aus der Kombination solcher Kriterien entsteht erst ein belastbares Argument dafür, dass Feuerstellen mehr waren als zufällige Brandreste in einer dynamischen Landschaft.

Was kontrolliertes Feuer im Alltag bedeutet

Wenn Frühmenschen ein Feuer über Stunden oder Tage erhalten, braucht das mehr als Zufall. Ob eine Gruppe kontrolliertes Feuer beherrschte, spiegelt sich in Brennstofflogistik, im Umgang mit Wind und Feuchte und in Routinen, die das Hüten, Nachlegen und Sichern organisieren. Das kann bedeuten, Glut zu transportieren, einen windgeschützten Platz zu wählen oder geeigneten Zunder griffbereit zu halten. Solche Fähigkeiten passen zu Szenarien, in denen Gruppen weite Räume nutzen und dennoch eine verlässliche Energiequelle am Lager benötigen, wie es auch bei Frühmenschen in Europa als Voraussetzung für Anpassung an wechselnde Umweltbedingungen diskutiert wird. Wichtig ist dabei der Unterschied zwischen Feuer nutzen und Feuer machen: Nutzung kann heißen, ein Naturfeuer auszubeuten oder Glut zu bewahren, während Feuerherstellung eine Zündtechnik voraussetzt, die unabhängig von Gewitter, Trockenheit oder Zufall funktioniert. Genau dieser Übergang ist archäologisch besonders schwer zu fassen, weil er sich selten in einem einzelnen, eindeutigen Objekt ausdrückt.

Spuren im Boden und im Werkzeug

Damit Feuerstellen als menschlich interpretierbar werden, suchen Forscher nach Merkmalen, die in Summe eine absichtliche Nutzung plausibel machen. Dazu gehören chemische und mineralogische Umwandlungen, die nur bei hohen Temperaturen auftreten, sowie Artefakte, deren Bruchmuster typisch für schnelle Erwärmung und Abkühlung ist. Hinzu kommen räumliche Signaturen, etwa wiederkehrende Brennflecken in derselben Zone oder eine Häufung von Werkzeugen und Beuteresten in unmittelbarer Nähe. Ein anschaulicher Überblick über die Logik solcher Nachweisketten findet sich im Projektbericht 2025 der den Weg von der Feldbeobachtung bis zur Laborinterpretation Schritt für Schritt nachvollziehbar macht. Der Kern bleibt: Einzelindikatoren sind selten beweiskräftig, erst die Übereinstimmung vieler unabhängiger Merkmale reduziert die Zahl plausibler Alternativerklärungen.

  • Verfärbte, gebrannte Sedimente mit erhaltenem Schichtkontakt im Profil
  • Holzkohle oder verkohlte Pflanzenreste, die nicht umgelagert wirken
  • Feuerstein mit charakteristischen Sprüngen durch thermischen Schock
  • Mineralphasen, deren Umwandlung eine Mindesttemperatur von vielen hundert Grad erfordert
  • Räumliche Cluster von Artefakten und Tierknochen nahe dem mutmaßlichen Brandherd
  • Magnetische oder geochemische Marker, die auf wiederholte Erwärmung deuten
  • Datierung erhitzter Materialien, um Brand und Nutzung zeitlich zu koppeln

Selbst wenn mehrere dieser Signale zusammenkommen, bleibt Unsicherheit, weil Naturbrand, Bodenchemie und menschliche Aktivitäten ähnliche Muster überlagern können. Deshalb wird häufig die lokale Geologie einbezogen: Wenn bestimmte Minerale oder mögliche Funkenmaterialien im Umfeld selten sind, kann ihr Auftreten im Brandkontext eher auf bewusste Mitnahme hindeuten, während häufige Vorkommen weniger aussagekräftig sind. Auch die räumliche Geometrie zählt, denn ein kleiner, scharf begrenzter Brennfleck spricht eher für eine Feuerstelle als ein flächiges Brandmosaik. Thermolumineszenz und verwandte Verfahren können ergänzend helfen, Hitzeeinwirkung an geeigneten Materialien zu bestätigen, doch auch hier sind Probenahme, Kontext und Datierungskette entscheidend. Im Ergebnis entsteht keine einfache Ja Nein Antwort, sondern ein Grad an Evidenz, der offenlegt, wie robust eine Interpretation gegen plausible Alternativen ist.

Neue Befunde verschieben die Zeitlinie

Aktuell sorgt eine neue Auswertung eines Fundplatzes in England für Diskussionen, weil sie mehrere unabhängige Hinweise auf gezielte Feuerherstellung in sehr hohem Alter zusammenführt. Im Mittelpunkt steht ein unter Tonablagerungen erhaltener, ehemaliger Bodenhorizont, in dem ein klar begrenzter Bereich stark erhitzten Materials nachgewiesen wurde, begleitet von zahlreichen Steinartefakten mit hitzebedingten Sprüngen. Mineralogische Analysen deuten auf Erwärmung über 970 K, und mikroskopische Befunde sprechen dafür, dass die erhitzte Schicht am Ort verblieb und nicht nachträglich umgelagert wurde. Zusätzlich werden wiederholte Hitzeereignisse am selben Punkt als plausibel diskutiert, was eher zu einer wiederkehrenden Nutzung als zu einem einmaligen Naturbrand passt. Die Argumentation und die Datengrundlage fasst die peer-reviewte Studie 2025 zusammen und verbindet Sedimentanalytik mit Befundlage und Materialkontext.

Für die Einordnung ist weniger ein einzelnes Detail entscheidend als der Abstand zu dem Zeitfenster, in dem absichtliche Feuerherstellung bislang als sicher belegt galt. Wenn sich die Interpretation hält, verschiebt sie die Untergrenze um rund 350000 Jahre und macht deutlich, dass Frühmenschen in Europa nicht nur Feuer nutzten, sondern es in bestimmten Situationen selbst erzeugen konnten. Das hätte Folgen für Modelle zu Mobilität, Ressourcennutzung und sozialen Routinen, weil ein selbst entfachtes Feuer unabhängig von Wetterereignissen planbar wird und damit Lagerorganisation und Ernährungsspielraum verändert. Gleichzeitig bleibt Raum für Vorsicht: Je weiter Befunde in die Tiefe der Zeit reichen, desto wichtiger werden robuste Datierungsketten und strenge Tests gegen Naturerklärungen. Interessant ist auch der Vergleich mit späteren Hochtemperaturbefunden, wie sie bei heißen Feuerstellen diskutiert werden, weil er zeigt, dass sich Feuerkompetenz nicht nur im Alter, sondern auch in Intensität und Zweck verändern kann.

Nature, Earliest evidence of making fire; doi:10.1038/s41586-025-09855-6

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