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Talent vs. Fleiß

Was ist dran an der 10.000-Stunden-Regel?

10.000 Stunden, also genau 416,67 Tage soll es dauern, um in einer Sache zum „Meister“ zu werden – zum nächsten Mozart in der Musik oder Michael Phelps im Wasser beispielsweise. Talent sei dabei unwichtig oder besser gesagt: Fähigkeiten seien nicht angeboren, sondern eine Sache von Fleiß und Disziplin. So lautete die gewagte These, welche der Psychologe Anders Ericsson von der Florida State University vor mehr als zwei Jahrzehnten aufstellte. Seine 10.000-Stunden-Regel scheidet seither die Geister und war Gegenstand zahlreicher Studien, Versuche und Untersuchungen.

Die Forschung von Ericsson basierte auf einer Hypothese aus dem Buch „Outliers: The Story of Success“. Der Autor, Malcolm Gladwell, war überzeugt, dass übermäßig erfolgreiche Menschen nicht unbedingt talentierter sind als andere, sondern schlichtweg fleißiger. Ericsson griff diese Überlegung auf und will in Studien herausgefunden haben, dass extrem erfolgreiche Menschen, wie eben Mozart oder Phelps, bis zu ihrem 20. Lebensjahr durchschnittlich 10.000 Stunden Training hinter sich hatten. Diese These fand in der Gesellschaft viel Anklang. Klar, schließlich erfüllt sie den Wunschgedanken, mit Disziplin könne jeder Mensch alles erreichen.

Es müssen nicht einmal 10.000 Stunden sein

Ein Wunderkind sein, hochbegabt oder sogar weltberühmt – diese Worte klingen in vielen Ohren verlockend. Ericsson möchte also herausgefunden haben, dass es bis zum 20. Geburtstag „nur“ 10.000 Stunden Training braucht, um all das erreichen zu können. Eine Zahl, die Gladwell übrigens willkürlich gewählt hat. Genau genommen handelte es sich im Rahmen seiner Untersuchungen nämlich um Kinder und Jugendliche, welche Geigenunterricht genommen hatten. Die besten Geiger hatten bis zu ihrem 18. Geburtstag mindestens 7.400 Stunden geübt.

Die 7.400-Stunden-Regel verkaufte sich aber weniger gut – also nahm er den groben Wert um den 20. Geburtstag herum und rundete ihn auf glatte 10.000. Prompt wurde sein Buch zum Verkaufsschlager und fand viele Kritiker auf der einen sowie Befürworter auf der anderen Seite, welche seine Thesen in Studien widerlegt oder bestätigt haben wollen. Wie lautet also die Wahrheit?

„Expertentum“ braucht drei bis vier Stunden Arbeit pro Tag

Keine Frage: Wer der oder die „Beste“ in etwas werden will, muss Fleiß, Disziplin und Durchhaltevermögen aufweisen. Alle erfolgreichen Persönlichkeiten von Einstein bis Steve Jobs haben mindestens drei bis vier Stunden Arbeit beziehungsweise Übung in ihre Leidenschaft investiert. Es braucht eine Vision, Zielstrebigkeit, eine Menge Training und einen frühen Start. Denn in der Kindheit lässt sich ein Kind bekanntlich am meisten prägen – positiver sowie negativer Art. Dass die Behauptung der 10.000-Stunden-Regel einen wahren Kern hat, ist somit unumstritten. Doch ist Übung wirklich wichtiger für den Erfolg als Talent?

Nein, sagt Ericsson selbst und relativiert damit überraschenderweise seine eigenen Studienergebnisse. Er weist nämlich darauf hin, dass die 10.000-Stunden-Regel auf dem Papier zwar stimme, allerdings durch Interpretationsfehler verfälscht und von der Gesellschaft missverständlich aufgefasst worden sei.

Übung ist wichtig – aber nicht wichtiger als Talent

Demnach könne durchaus jeder Mensch mit 10.000 Stunden Übung ein „Experte“ oder „Meister“ seines Fachgebietes werden. Unabhängig davon, ob er über ein spezielles Talent verfüge oder nicht. Jedoch bedeute das nicht, dass er dadurch tatsächlich besser werde als ein talentierter Konkurrent mit demselben Grad an Fleiß. Die 10.000-Stunden-Regel sei somit gleich auf verschiedenen Wegen falsch, schreibt Ericsson im Jahr 2016 auf Salon.com:

Einerseits seien 10.000 Stunden keine magische Zahl à la „Wer die Grenze knackt, hat es geschafft!“. Stattdessen handele es sich um einen Durchschnittswert, welcher – wie bereits erwähnt – schlichtweg besser klingt als eine ungerade Zahl. Viele der besten Geiger im Rahmen der Studie hätten an ihrem 20. Geburtstag noch nicht einmal die Zahl der 10.000 Stunden geknackt. Demnach seien viele der weltbesten Pianisten bei internationalen Wettbewerben um die 30 Jahre alt und hätten weit mehr als 20.000 Stunden Übung hinter sich.

Andererseits seien in ähnlichen Experimenten einige Teilnehmer in der geprüften Disziplin nach nur 200 Stunden Übung deutlich besser gewesen als andere mit mehreren tausend, vielleicht sogar 10.000 Stunden Training. Talent scheint also doch nicht so unwichtig zu sein, wie viele Menschen das gerne hätten.

Fleiß macht nur zwölf Prozent des Erfolgs aus

Auch, wenn die 10.000-Stunden-Regel also verlockend klingt, gilt sie mittlerweile längst als widerlegt. Tatsächlich ist die Rolle von Fleiß und Disziplin gegenüber dem angeborenen Talent einer Person aber noch unwichtiger, als eingangs von vielen Forschern angenommen. So konnte Brooke Macnamara von der Princeton University zwei Jahrzehnte nach der erstmaligen Erwähnung einer potenziellen 10.000-Stunden-Regel beweisen, dass Übung nur für zwölf Prozent des Erfolgs verantwortlich ist und demnach nicht immer den Meister macht -– auch nicht nach 10.000 Stunden. Untersucht wurden Probanden aus den Bereichen Sport, Musik, Spiel und Beruf in insgesamt 88 Studien. Ziel war herauszufinden, inwiefern die Zahl der Übungsstunden Einfluss auf die schlussendliche Performance hat. Die überraschenden Ergebnisse lauten wie folgt:

  • Ohne Übung wurde niemand gut in seinem Bereich.
  • Bei den Spielen macht Übung einen Unterschied von 25 Prozent.
  • Im sportlichen Bereich waren es immerhin noch 18 Prozent.
  • Bei der Musik waren es nur noch vier Prozent und
  • Im Beruf hat Übung nur zu einem Prozent Einfluss auf die Performance und damit auf den Erfolg.

Somit ergab sich im Rahmen der Studie ein Durchschnittswert von zwölf Prozent. Übung hat also nur zu zwölf Prozent Einfluss auf die Unterschiede zwischen der Leistung unterschiedlicher Menschen bei derselben Tätigkeit. Auf gut Deutsch: Talent ist ein wichtigerer Erfolgsfaktor als Übung – und zwar deutlich. Ganz ohne Übung geht es allerdings auch nicht.

Talent ist nicht der einzige Erfolgsfaktor in Beruf, Musik, Sport & Co

Ausschlaggebend für überdurchschnittliche Leistungen ist also viel Talent mit ein bisschen Übung. Dennoch handelt es sich dabei nicht um die einzigen Erfolgsfaktoren. Wer in einer Sache überdurchschnittlich erfolgreich werden möchte, muss stattdessen noch weitere Eigenschaften mit sich bringen. Das „Rezept“, um wirklich ein Meister zu werden, lautet demnach wie folgt:

  • Talent
  • Übung
  • Intelligenz
  • überdurchschnittliches Arbeitsgedächtnis
  • früher „Übungsstart“, bestenfalls in der Kindheit
  • Persönlichkeit

Letzterer Punkt ist besonders interessant: Forscher unterscheiden gemeinhin acht verschiedene Persönlichkeitstypen mit spezifischen Stärken sowie Schwächen. Es kommt also nicht immer nur auf die Talente an, sondern auf die Mischung von Eigenschaften, welche ein Mensch von Geburt an mitbringt. Wo also der richtige Mix aus Talent und Fleiß aufeinandertrifft, entwickelt sich unter Umständen tatsächlich ein Wunderkind, Hochbegabter, Experte, Überflieger – oder wie auch immer man überdurchschnittlich erfolgreiche Menschen nennen möchte. Das gilt für alle Bereiche vom Job über die Musik und den Sport bis hin zu Kunst, dem Erlernen von Sprachen und, und, und...

Es ist also wichtig, seinen eigenen Persönlichkeitstypen herauszufinden, gezielt nach seinen individuellen Talenten zu suchen und diese anschließend durch Übung zu perfektionieren. Auf diese Art und Weise kann jeder Mensch seine Persönlichkeit bestmöglich entfalten und überdurchschnittlichen Erfolg erlangen. Wer hingegen zu verbissen an eine Sache herangeht, 10.000 Stunden Übung hinter sich hat und immer noch eher durchschnittlich als ein Meister ist, sollte darüber nachdenken, sich anderen Leidenschaften zuzuwenden. Schlussendlich ist Talent nämlich angeboren und kann auch durch Fleiß und Disziplin nicht „erzwungen“ werden. So schön die 10.000-Stunden-Regel also in den Ohren vieler Menschen klingen mag – das Fazit ist eindeutig: Sie ist definitiv nicht wahr!

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