Der Wind streicht durch das offene Grasland, und zwischen den Steinen liegt ein Schatten, der zur Sonne passt, als hätte ihn jemand bewusst hingelegt. Wer an Stonehenge steht, sieht zuerst den monumentalen Kreis, aber die eigentliche Uhr steckt in Gräben, Pfostenlöchern und Aschekörnern im Boden. Die große Frage lautet nicht nur, wann hier ein Stein aufgerichtet wurde, sondern wann die Baustelle überhaupt begann und wie oft sie neu organisiert wurde. Genau diese Zeitsprünge entscheiden, ob Stonehenge ein einzelnes Projekt war oder eine Abfolge von Generationenentscheidungen.
Wer morgens über den Weg auf das Gelände zuläuft, hört oft zuerst Kies unter Schuhen und das leise Klacken der Kameras, bevor der Steinkreis sichtbar wird. Dann stehen die Blöcke plötzlich vor einem, hoch, schwer, scheinbar eindeutig, und doch ist die wichtigste Information unsichtbar. Die Frage nach dem Bauzeitpunkt klingt nach einem Datum, aber bei Stonehenge bedeutet sie eine Zeitspanne, mehrere Umbauten und verschiedene Materialien, die aus ganz unterschiedlichen Landschaften stammen. Das Monument liegt auf der Salisbury Plain, doch seine Geschichte beginnt nicht mit den großen Steinen, sondern mit Erde, Gräben und Pfostenstellungen, die heute nur noch als Verfärbungen im Kreideboden auffallen. Weil Besucher vor allem den fertigen Kreis sehen, entsteht leicht der Eindruck eines einmaligen Bauakts, dabei verhält sich Stonehenge eher wie eine Baustelle, die immer wieder neu geplant, erweitert und umgedeutet wurde.
In den Depots und Laboren wirkt der Ort weniger spektakulär, aber dort entsteht die Chronologie. In kleinen Beuteln liegen winzige Holzkohlereste, verbrannte Knochenfragmente oder Reste von Geweihhacken, die einst als Werkzeuge dienten. Die Radiokarbondatierung macht aus solchen Proben keine Punktzahl, sondern Wahrscheinlichkeitsbereiche, die je nach Material und Kontext enger oder breiter ausfallen. Entscheidend ist, aus welcher Schicht eine Probe stammt, ob sie wirklich zum Bauereignis gehört und wie gut sie stratigrafisch gesichert ist. Methodische Fortschritte, wie sie unter Radiokarbonmethode eingeordnet werden, haben dazu geführt, dass manche Phasen heute bis auf wenige Jahrzehnte eingegrenzt werden können. Gleichzeitig bleibt Raum für Unsicherheiten, weil spätere Eingriffe, Erosion und Wiederverwendung von Material die Spuren vermischen können.
Wenn der Steinkreis wie ein fertiges Bauwerk wirkt, ist das eine optische Täuschung, die der Erhaltung geschuldet ist. Archäologisch betrachtet besteht Stonehenge aus einem Erdwerk mit Graben und Wall, aus Pfosten- und Grubenreihen, aus Steinsetzungen und aus späteren Umlagerungen, die den Eindruck eines einzigen Plans erst nachträglich erzeugen. Das früheste Element ist nicht der bekannte Steinring, sondern ein kreisförmiger Graben mit Innenbereich, dessen Durchmesser im Bereich von etwa 100 m liegt und dessen Aushub eine helle Kreidekante hinterlässt. Von dort aus führen Spuren zu den sogenannten Aubrey Holes, kleinen Gruben, die als frühere Positionen für Pfosten oder kleinere Steine diskutiert werden. Auf History of Stonehenge wird dieser frühe Ausbau als Ausgangspunkt einer langen Abfolge beschrieben, und genau diese Abfolge macht die Datierung so anspruchsvoll. Wer nach einem Baujahr fragt, fragt in Wirklichkeit, welche dieser Schichten gemeint ist, denn jede Schicht steht für einen anderen Eingriff in die Landschaft und damit für eine andere Generation von Bauleuten.
Eine typische Ausgrabungsszene beginnt nicht mit Steinen, sondern mit Schnüren, Maßband und farbigen Markierungen auf nackter Kreide. Sobald eine Verfärbung im Boden eine Grube andeutet, wird klar, dass die sichtbaren Megalithen nur das Endprodukt vieler kleiner Schritte sind. Fachpublikationen rekonstruieren diese Schritte als aufeinanderfolgende Bauphasen, die teils kurz, teils sehr lang dauern können, und sie verbinden sie mit Datierungen aus Proben und mit stratigrafischen Beobachtungen. In Stonehenge remodelled wird eine mehrstufige Bauabfolge mithilfe modellierter 14C-Daten diskutiert, wodurch die Frage nach dem Bauzeitpunkt zu einer Frage nach Übergängen wird. Daraus ergibt sich ein Bild, in dem die Anlage nicht an einem Tag entstand, sondern über viele Jahrhunderte immer wieder neu gefasst wurde, mit Phasen, in denen Erdarbeiten im Vordergrund standen, und späteren Phasen, in denen Steinsetzungen den Ort visuell dominieren.
Der Zeitraum, in dem diese Abfolge stattfindet, wird meist grob von etwa 3000 v. Chr. bis in die Zeit um 1500 v. Chr. beschrieben, wobei die ikonische Steinarchitektur in der Mitte dieses Spektrums liegt. Für die Einordnung hilft es, Stonehenge nicht als Momentaufnahme zu sehen, sondern als Prozess vom Neolithikum bis in die Bronzezeit hinein, in dem jede neue Generation vorhandene Strukturen übernimmt, umdeutet oder überbaut. Gerade weil vieles überdeckt oder verlagert wurde, sind Datierungen immer an konkrete Befunde gebunden, und ein Datum ohne Kontext sagt über die tatsächliche Bauleistung oft weniger aus als eine sauber dokumentierte Schichtfolge.
In der Praxis beginnt Datierung oft mit einem unscheinbaren Fund: ein verkohltes Holzstück, ein Rest aus einem Feuer, ein Fragment aus einer Grubenfüllung. Solche Proben liefern in der Radiokarbondatierung zunächst Wahrscheinlichkeitsbereiche, die durch Kalibration in Kalenderjahre überführt werden, weil der 14C-Gehalt der Atmosphäre über die Zeit schwankt. Entscheidend ist dann, ob eine Probe wirklich den Bauakt datiert oder nur eine spätere Nutzung derselben Stelle. Um aus vielen Einzelwerten eine konsistente Abfolge zu bauen, werden häufig statistische Modelle eingesetzt, die stratigrafische Reihenfolgen als zusätzliche Information nutzen und so die Bereiche enger machen können. Unter The Bayesian Process wird beschrieben, wie solche Modelle Probenpools, Annahmen und archäologische Vorinformationen zusammenführen, und genau hier entscheidet sich, wie belastbar eine Feinchronologie wird. Eine scheinbar präzise Jahreszahl kann dabei weniger wert sein als ein breiterer, aber methodisch sauberer Bereich, wenn unklar bleibt, ob Material wiederverwendet wurde oder ob eine Grube später nachgefüllt wurde.
Der Moment, in dem ein großer Block erstmals steht, lässt sich selten direkt datieren, weil der Stein selbst keinen organischen Kohlenstoff enthält. Deshalb rücken Spuren rund um den Stein in den Fokus: Unterbauten, Packlagen, Keilsteine, Rampenreste, Werkspuren und die Füllschichten in den Fundamentgruben. Bei Stonehenge sind es vor allem die Sarsensteine, die den äußeren Ring prägen, und die Blausteine, die als kleinere Elemente im Inneren und in früheren Anordnungen eine Rolle spielen. Beide Materialgruppen zwingen zu logistischen Fragen, weil Transport, Aufrichten und passgenaues Setzen eine organisierte Arbeitskraft voraussetzen, die über längere Zeit verfügbar ist. Für die Datierung ist dabei wichtig, dass solche Großaktionen oft mit begleitenden Aktivitäten einhergehen, etwa mit Festen, Bestattungen oder dem Bau von Zufahrten, und diese Aktivitäten können organische Reste hinterlassen, die sich datieren lassen. Ein klassisches Beispiel dafür ist Dating Stonehenge, wo die Zuverlässigkeit von Proben und ihr archäologischer Kontext als Schlüssel zur Chronologie diskutiert werden, bevor aus Messwerten eine Baugeschichte wird. So wird verständlich, warum die Frage nach dem Bauzeitpunkt oft über Nebenfunde beantwortet wird, während die Steine selbst als stumme Zeugen im Zentrum stehen.
Viele populäre Erzählungen suchen nach dem einen Moment, in dem Stonehenge fertig wurde, weil das zum Bild eines geplanten Monuments passt. Archäologische Chronologien liefern aber eher eine gestaffelte Geschichte, in der frühe Erdwerke, spätere Steinsetzungen und noch spätere Umbauten in einem langen Zeitraum zusammenhängen. Dadurch kann dieselbe Frage je nach Fokus unterschiedliche, aber trotzdem korrekte Antworten haben: Wer nach dem Beginn der Anlage fragt, meint etwas anderes als jemand, der den Bau des großen Sarsenrings datieren will. Gleichzeitig zeigt die Forschung, dass selbst gut etablierte Zeitlinien verfeinert werden können, wenn neue Proben, neue Kalibrationsdaten oder neu ausgewertete Altgrabungen hinzukommen. Dass solche Verschiebungen realistisch sind, verdeutlicht Beginning of the circle an einem verwandten Monumenttyp, der als chronologischer Bezugspunkt diskutiert wird, und damit wird die Datierung von Stonehenge als Teil eines größeren Bau- und Ideenraums verständlich. Wer sich dem Thema nähert, kommt deshalb am besten nicht mit der Erwartung einer einzigen Jahreszahl, sondern mit dem Blick auf Bauphasen, Unsicherheitsbereiche und die Frage, welche Handlung genau datiert werden soll.