In der Themsemündung liegt ein Schiff, das seit August 1944 nicht mehr bewegt wurde. Die SS Richard Montgomery lief damals auf einer Sandbank auf, brach auseinander und sank, bevor die Ladung vollständig an Land gebracht werden konnte. Etwa 1.400 Tonnen Sprengstoff blieben in den gefluteten Laderäumen zurück. Seither gilt für das Wrack eine Sperrzone, ein Radar überwacht es Tag und Nacht, und jeder Bergungsplan endet bislang an derselben Rechnung.
Drei Kilometer vor der Küstenstadt Sheerness in der Grafschaft Kent verläuft eine der meistbefahrenen Schifffahrtsrinnen Europas. Direkt daneben, auf einer Sandbank in der Themsemündung, liegt die SS Richard Montgomery. Das Schiff ist in zwei Teile zerbrochen, die Laderäume stehen seit Jahrzehnten unter Wasser, und ein Ring aus gelben Bojen hält jedes Boot auf Abstand. Von der Uferpromenade aus zeigt sich bei mittlerem Tidenstand kaum mehr als eine unruhige Stelle auf der Wasseroberfläche. Der Grund für die Absperrung liegt unter dem Schlick, denn in den Laderäumen ruht Munition aus dem Zweiten Weltkrieg, die nie vollständig geborgen wurde. Die britische Seebehörde vermisst das Wrack in regelmäßigen Abständen, weil sich mit jedem Jahr dieselbe Frage neu stellt: wie lange die Stahlstruktur die Ladung noch zusammenhält.
Die SS Richard Montgomery war ein Liberty-Frachter, gebaut 1943 in Jacksonville in Florida, eines von mehr als zweitausend Massenschiffen, die die amerikanische Werftindustrie in wenigen Jahren aus vorgefertigten Sektionen zusammenschweißte. Solche Schiffe entstanden in Serie, häufig in weniger als zwei Monaten, und sie waren nicht für ein langes Leben konstruiert, sondern für eine einzige Aufgabe: Nachschub über den Atlantik zu bringen. Im August 1944 erreichte der Frachter mit einer Ladung Munition die britische Küste und sollte weiter nach Cherbourg in die Normandie. Zuvor wies ihm die Hafenaufsicht einen Ankerplatz in der Themsemündung zu, in flachem Wasser, dicht an einer Sandbank. Genau diese Zuweisung entschied über den weiteren Verlauf, denn das voll beladene Schiff hatte für die Stelle schlicht zu viel Tiefgang.
Die SS Richard Montgomery ist ein amerikanisches Frachtschiff, das im August 1944 vor Sheerness auf Grund lief und auseinanderbrach. Rund die Hälfte der Munitionsladung wurde geborgen, etwa 1.400 Tonnen Sprengstoff blieben im Wrack. Weil eine Bergung als riskanter gilt als das Liegenlassen, liegt das Munitionswrack bis heute an derselben Stelle.
In den Tagen um den 20. August 1944 drehte der Wind auf, das Schiff schleppte seinen Anker über den Grund und setzte sich auf Sheerness Middle Sand fest, einer Bank, die von der Isle of Grain nach Osten zieht. Mit der ablaufenden Tide sackte der Rumpf durch, die Plattenverbindungen vor der Brücke rissen auf, und Wasser drang in den vorderen Laderaum. Sofort begann eine Bergungsaktion, bei der Stauer über Wochen Kisten aus den Luken holten. Etwa die Hälfte der Ladung kam so an Land. Dann brach der Rücken des Schiffes endgültig, der vordere Teil lief voll, und im September 1944 wurde die Arbeit abgebrochen. Was übrig blieb, sank mit dem Wrack in den Schlick und liegt dort bis heute.
Der Sprengstoff in der Themse ist kein Gerücht, sondern amtlich erfasst. Nach den Unterlagen der britischen Seebehörde befinden sich noch etwa 1.400 Tonnen im Wrack, verteilt auf Fliegerbomben unterschiedlicher Größe, Splitterbomben, Zünder und Sprengladungen. Ein Teil davon liegt in Kisten, deren Holz längst zerfallen ist, ein anderer Teil unmittelbar im Sediment. Sprengstoffe dieser Art altern nicht gleichmäßig. Manche Verbindungen werden über Jahrzehnte träger, andere bilden empfindliche Kristalle, sobald Metallionen aus korrodierenden Hüllen hinzukommen. Genau diese Ungewissheit macht jede Einschätzung schwierig, denn von außen lässt sich nicht sagen, in welchem Zustand einzelne Zünder sind. Die zuständigen Behörden halten eine spontane Detonation für unwahrscheinlich, schließen sie aber ausdrücklich nicht aus.
Die Entscheidung, das Munitionswrack liegen zu lassen, beruht auf einem konkreten Präzedenzfall. Am 22. Juli 1967 sollte vor Folkestone das ebenfalls mit Munition beladene Wrack der Kielce geräumt werden. Während der Arbeiten detonierte die Ladung. Verletzt wurde niemand, die Erschütterung war an Land jedoch deutlich zu spüren, und in der Küstenstadt gingen Fensterscheiben zu Bruch. Seither gilt in Großbritannien die Rechnung, dass jede Manipulation an einer gealterten Ladung das Risiko erhöht, statt es zu senken. Taucher müssten in trübem Wasser mit starker Strömung arbeiten, an einem Rumpf, dessen Statik niemand zuverlässig kennt. Eine Bergung würde damit genau den Zustand herstellen, den alle Beteiligten vermeiden wollen.
Abschätzungen zu den möglichen Folgen gibt es seit Jahrzehnten. Eine Untersuchung des Royal Military College of Science aus dem Jahr 1970 kam zu dem Ergebnis, dass eine vollständige Detonation eine Wasser- und Trümmersäule von rund 3.000 Metern Höhe erzeugen und eine Welle von etwa fünf Metern auslösen könnte. Der New Scientist rechnete 2004 vor, dass es sich um eine der größten nichtnuklearen Explosionen der Geschichte handeln würde. Sheerness liegt gut anderthalb Kilometer entfernt, der Hafen mit seinen Umschlaganlagen noch näher. Auch für Southend, Gravesend und Canvey Island werden in diesen Szenarien Schäden veranschlagt. Das britische Verkehrsministerium bewertet die Eintrittswahrscheinlichkeit als gering und verweist auf die durchgehende Überwachung.
Solche Zahlen stammen aus Modellrechnungen und tragen erhebliche Unsicherheiten, weil niemand weiß, ob überhaupt die gesamte Ladung gleichzeitig reagieren würde. Ein Teil des Sprengstoffs ist von Sediment umschlossen, ein Teil liegt in getrennten Laderäumen, und Wasser dämpft Druckwellen anders als Luft. Fachleute unterscheiden deshalb zwischen einem begrenzten Ereignis, das vor allem Hafen und Fahrrinne treffen würde, und einem theoretischen Höchstfall, der nur unter sehr ungünstigen Annahmen eintritt. Die Sperrzone ist genau darauf ausgelegt, den wahrscheinlichsten Auslöser auszuschließen: eine Kollision oder einen Anker, der sich im Wrack verhakt.
Das Wrack gehört zu den am genauesten dokumentierten Objekten der britischen Küste. Ein Bojenring markiert eine Sperrzone von 500 Metern, die Hafenverwaltung von Medway verfolgt jedes Fahrzeug in der Nähe per Radar, und die Maritime and Coastguard Agency lässt die Struktur mit Fächerecholot vermessen und veröffentlicht die amtlichen Vermessungsberichte im Anschluss. Aus diesen Aufnahmen entstehen dreidimensionale Modelle, die zeigen, wo sich Sediment verlagert und wo der Rumpf nachgibt. Weil Messungen ergaben, dass die drei Masten zusätzliche Kräfte in die geschwächte Struktur einleiteten, wurde ihr Rückbau beschlossen und ab 2022 mit Unterstützung der Royal Navy umgesetzt.
Damit verschwand das sichtbarste Merkmal des Wracks, während die Ladung an Ort und Stelle blieb. Was in der Themsemündung liegt, ist kein Denkmal und kein Museumsstück, sondern eine offene Rechnung aus dem Jahr 1944. Der Rumpf rostet weiter, das Sediment verschiebt sich mit jeder Sturmflut, und jede neue Vermessung liefert nur eine Momentaufnahme eines langsamen Zerfalls. Die SS Richard Montgomery bleibt ein Fall, in dem Nichtstun die sorgfältig begründete Entscheidung ist. Zwischen Fähren, Containerschiffen und Fischerbooten, die täglich an der Sperrzone vorbeifahren, liegt eine Fracht, die niemand mehr anfassen will und die trotzdem mit jedem Jahr ein Stück älter wird.