Dünenmeer

In Brasiliens Wüste entstehen jedes Jahr tausende Seen mit Fischen

In Brasiliens Wüste entstehen jedes Jahr tausende Seen mit Fischen
(Symbolbild) Die Lençóis Maranhenses im Nordosten Brasiliens bilden das größte Dünenfeld Südamerikas, und trotzdem füllt sich die scheinbare Wüste Jahr für Jahr mit tausenden Süßwasserseen. Zwischen den weißen Dünen schwimmen dann sogar Fische, obwohl das Wasser wenige Monate später restlos verschwindet. Hinter dem jährlichen Wechselspiel aus Sand und Wasser steckt ein Mechanismus, der die Region weltweit einzigartig macht. (Foto: © Forschung und Wissen)

Weiße Dünen bis zum Horizont, dazwischen tausende türkisfarbene Seen: Die Lençóis Maranhenses im Nordosten Brasiliens sehen aus wie eine Wüste und sind doch keine. Jedes Jahr füllt sich das größte Dünenfeld Südamerikas mit Süßwasserlagunen, in denen sogar Fische schwimmen. Wenige Monate später ist das Wasser verschwunden, und die Landschaft kehrt in ihren trockenen Zustand zurück. Hinter diesem Wechselspiel steckt ein Zusammenspiel aus Klima, Sand und Untergrund, das es in dieser Größe nirgendwo sonst auf der Erde gibt.

Der Name klingt nach Poesie und beschreibt doch nur, was Besucher tatsächlich sehen: Lençóis heißt auf Portugiesisch Bettlaken, und aus der Luft wirken die Lençóis Maranhenses wie ein riesiges, zerknittertes weißes Tuch, das über die Küste des brasilianischen Bundesstaats Maranhão geworfen wurde. Das Gebiet liegt rund 250 Kilometer von der Regionalhauptstadt São Luís entfernt und umfasst etwa 155.000 Hektar mit rund 70 Kilometern Atlantikküste. Seit dem Jahr 1981 schützt ein Nationalpark diese Landschaft aus schneeweißem Quarzsand, deren Dünenketten sich bis zu 75 Kilometer weit ziehen und mehr als 20 Kilometer in das Hinterland vordringen. Es ist das größte zusammenhängende Dünenfeld Südamerikas, eine Fläche fast doppelt so groß wie Berlin. Wer über die Kämme läuft, sieht in jeder Richtung nichts als Sand, und genau dieser Eindruck führt in die Irre.

Denn so sehr die Lençóis Maranhenses an die Sahara erinnern, eine Wüste im fachlichen Sinn sind sie nicht. Im Jahresmittel fallen hier zwischen 1.200 und 2.000 Millimeter Regen, deutlich mehr als in Deutschland und ein Vielfaches dessen, was in den größten Wüsten der Erde vom Himmel kommt. Als Wüste gilt eine Region üblicherweise erst unterhalb von etwa 250 Millimetern Jahresniederschlag, und diese Marke verfehlt die Region um ein Mehrfaches. Der Widerspruch zwischen Wüstenbild und Tropenklima ist der Schlüssel zu allem, was diese Landschaft besonders macht. Der viele Regen fällt fast vollständig in der ersten Jahreshälfte, und wenn er fällt, verwandelt er das Sandmeer in ein Labyrinth aus tausenden Süßwasserseen, in denen Fische jagen, Vögel rasten und Menschen baden. Warum das Wasser nicht einfach im Sand versickert, entscheidet sich einige Meter unter der Oberfläche.

So entstehen die Lagunen der Lençóis Maranhenses

Die Lagunen der Lençóis Maranhenses entstehen, weil unter dem lockeren Sand eine wasserundurchlässige Schicht liegt. In der Regenzeit zwischen Januar und Juni fallen bis zu 2.000 Millimeter Niederschlag, das Wasser kann nicht abfließen, der Grundwasserspiegel steigt über die Talsohlen, und die Senken zwischen den Dünen füllen sich zu tausenden Süßwasserseen.

Die Sperrschicht besteht aus älteren, dicht verbackenen Sedimenten, die kaum Wasser durchlassen. Über ihr sammelt sich der Regen wie in einer riesigen flachen Wanne, deren Oberfläche nur dort sichtbar wird, wo die Dünentäler tief genug liegen. Jede Lagune ist damit ein Fenster zum Grundwasser, kein isolierter Tümpel. Die bekanntesten Becken wie die Lagoa Azul oder die Lagoa Bonita werden mehrere Meter tief, ihr Wasser erwärmt sich auf rund 30 Grad und schimmert über dem hellen Quarzsand türkis bis smaragdgrün. Ab etwa Juli dreht sich der Prozess um. Der Regen bleibt aus, die Verdunstung übernimmt, der Wasserspiegel sinkt Tag für Tag um mehrere Zentimeter, und bis zum Jahresende sind die meisten Seen vollständig verschwunden.

Regen wie in den Tropen, Sand wie aus der Sahara

Dass hier überhaupt ein Sandmeer liegt, verdankt die Region einem zweiten Zusammenspiel. Flüsse transportieren fein zermahlenen Quarzsand aus dem Landesinneren an die Atlantikküste, Meeresströmungen und Gezeiten verteilen ihn entlang der Strände, und der beständige Passatwind mit Böen von bis zu 70 Kilometern pro Stunde weht ihn landeinwärts. Am Strand entstehen zunächst kleine Sichel­dünen von kaum einem halben Meter Höhe, die auf ihrem Weg ins Hinterland wachsen, sich seitlich verketten und nach Angaben der UNESCO Höhen von gut 20 Metern erreichen. Dieser Nachschub läuft seit Jahrtausenden, sodass heute mehrere Dünengenerationen übereinanderliegen. Die Landschaft ist also kein Rest einer ausgetrockneten Wüste, sondern das Produkt eines Fließbands aus Fluss, Meer und Wind, das bis heute in Betrieb ist.

Fische, die die Trockenzeit im Sand überdauern

Am schwersten zu glauben ist für viele Besucher, dass in Gewässern mit einer Lebensdauer von wenigen Monaten Fische leben. Ein Teil der Erklärung liegt bei Arten wie der Traíra, einem räuberischen Süßwasserfisch, der die Trockenzeit eingegraben im feucht bleibenden Sediment über der Sperrschicht überdauern kann. Ein weiterer Teil liegt am Höhepunkt der Regenzeit, wenn flache Wasserflächen und zeitweilige Rinnen viele Lagunen untereinander und mit dauerhaften Flüssen am Rand des Dünenfelds verbinden, sodass Fische aktiv einwandern können. Wie schnell Gewässer auf diesem Weg besiedelt werden, zeigen auch Fälle wie der von Bullenhaien, die nach einem Hochwasser jahrelang in einem See auf einem Golfplatz lebten.

Einen dritten Weg hat die Forschung erst vor wenigen Jahren belegt. Ein Team der brasilianischen Universität Unisinos zeigte im Jahr 2019 im Fachjournal Ecology, dass Eier einjähriger Killifische die Darmpassage von Wasservögeln überstehen können. Im Experiment mit einem Coscoroba-Schwan entwickelten sich einzelne Eier nach mehr als 30 Stunden im Verdauungstrakt normal weiter, und aus einem schlüpfte ein gesunder Jungfisch. Wasservögel, die zwischen den Lagunen und den Flüssen der Umgebung pendeln, kommen damit als Transporteure infrage und erklären, wie selbst völlig isolierte Becken mitten im Sand zu ihrem Fischbestand kommen. Jede Lagune wird so jedes Jahr neu besiedelt, und mit dem Verschwinden des Wassers beginnt der Kreislauf von vorn.

Wanderdünen begraben Wege und ganze Lagunen

Die Landschaft steht dabei niemals still. Die Dünen wandern nach Angaben der UNESCO zwischen 4 und 25 Meter pro Jahr landeinwärts, angetrieben vom stetigen Passat. Eine Lagune, die in einem Jahr an einer bestimmten Stelle liegt, kann im nächsten Jahr verschoben, verkleinert oder von Sand begraben sein, während wenige hundert Meter weiter eine neue entsteht. Mitten im Dünenfeld liegen zudem zwei dauerhafte Oasen, Queimada dos Britos und Baixa Grande, in denen einige Familien von Fischfang und Viehhaltung leben. Palmen, Süßwasserstellen und niedrige Vegetation halten sich dort seit Generationen, doch auch diese Inseln im Sand müssen mit heranrückenden Dünenkämmen leben, die Zäune, Pfade und einzelne Hütten erreichen können.

Welterbe zwischen Atlantik und Hinterland

Im Juli 2024 nahm das Welterbekomitee die Lençóis Maranhenses auf seiner 46. Sitzung in Neu-Delhi in die Welterbeliste der UNESCO auf, als bislang einzigen Ort der Erde, an dem Dünen und ausschließlich aus Regen gespeiste Süßwasserlagunen in dieser Dimension zusammentreffen. Der Zugang führt über Orte wie Barreirinhas und Atins, in den Park selbst kommen Besucher nur mit Geländefahrzeugen und ortskundigen Führern, feste Straßen gibt es im Dünenfeld nicht. Am vollsten sind die Lagunen zwischen Juni und September, wenn der Regen vorüber ist und das Wasser noch hoch steht. Wer dann auf einem Dünenkamm steht, sieht eine Wüste bis zum Horizont, in der tausende Seen glitzern, und ein halbes Jahr später ist von alledem nichts übrig als Sand.

Ecology, Killifish eggs can disperse via gut passage through waterfowl; doi:10.1002/ecy.2774

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