Fähiger Tüftler

Der Pfadfinder, der einen Reaktor im Gartenschuppen baute

Der Pfadfinder, der einen Reaktor im Gartenschuppen baute
(Symbolbild). Ein einfacher Holzschuppen im Garten eines amerikanischen Vorstadthauses, wie er zu Zehntausenden hinter Einfamilienhäusern steht. In einem solchen Schuppen entstand 1994 in Michigan ein Aufbau, den die Umweltbehörde später komplett abtragen und als radioaktiven Abfall entsorgen ließ. Gebaut hatte ihn ein Siebzehnjähriger mit Material aus dem Baumarkt, aus Trödelläden und aus Alltagsgeräten. Die Nachbarn erfuhren davon erst, als Männer in Schutzanzügen anrückten. (Foto: © Forschung und Wissen)

Im August 1994 kontrollierte die Polizei in Clinton Township im US-Bundesstaat Michigan ein Auto wegen eines ganz anderen Verdachts. Im Kofferraum lag ein Werkzeugkasten, und der Fahrer warnte die Beamten von sich aus, der Inhalt sei radioaktiv. Was folgte, war ein Einsatz mit FBI, Atomaufsicht und Umweltbehörde, an dessen Ende ein Gartenschuppen abgerissen und in Utah als schwach radioaktiver Abfall vergraben wurde. Gebaut hatte den Aufbau darin ein 17 Jahre alter Pfadfinder. Sein Ziel war ein Brutreaktor.

David Charles Hahn wurde am 30. Oktober 1976 in Royal Oak in Michigan geboren und interessierte sich früh für Chemie. Ausgangspunkt war ein altes Lehrbuch mit Experimenten, das er sich selbst beibrachte, begleitet von kleineren Verpuffungen und Unfällen im Keller. Mit 14 Jahren erwarb er am 10. Mai 1991 in seiner Pfadfindergruppe das Verdienstabzeichen für Atomenergie. Dafür musste er zeichnen, wie Kernspaltung abläuft, eine radiologische Abteilung im Krankenhaus besuchen und ein Reaktormodell bauen, in seinem Fall aus einer Saftdose, Drahtbügeln, Trinkhalmen, Streichhölzern und Gummibändern. Aus dieser Schulaufgabe entwickelte sich eine Idee, die weit über das Abzeichen hinausging.

Sein Plan war ein Brutreaktor, also ein Aufbau, der spaltbares Material erzeugt, statt es nur zu verbrauchen. Dafür brauchte er eine Neutronenquelle, ein Neutronen abbremsendes Material und spaltbare Stoffe. Nichts davon lässt sich legal kaufen. Hahn löste das Problem, indem er sich nicht auf eine Quelle stützte, sondern auf viele kleine, die in Haushalt, Handel und Sammlerbeständen völlig unauffällig sind. Er schrieb Behörden und Firmen an, gab sich als Lehrer oder als Leiter eines Forschungslabors aus und erhielt so Auskünfte und Materialproben. Der eigentliche Arbeitsplatz war der Gartenschuppen hinter dem Haus seiner Mutter in Commerce Township.

Woher das radioaktive Material stammte

David Hahn sammelte Radium-226 aus der Leuchtfarbe alter Uhrenzifferblätter, Thorium-232 aus den Glühstrümpfen von Campinglampen und Americium-241 aus Rauchmeldern. Uran bezog er als Pechblende von einem Händler, dem er ein Forschungslabor vorspiegelte. Aus diesen Alltagsquellen entstand ein Aufbau, dessen Strahlung nach späteren Schätzungen das Tausendfache des natürlichen Untergrunds überstieg.

Jeder einzelne Schritt beruhte auf einer legalen Lücke. Zifferblätter mit Radiumleuchtfarbe wurden bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts millionenfach hergestellt und tauchen bis heute auf Flohmärkten auf. Glühstrümpfe für Gaslaternen enthielten Thoriumverbindungen, weil diese hell und stabil glühen. Ionisationsrauchmelder arbeiten mit einer winzigen Menge Americium, das die Luft in der Messkammer leitfähig macht. Einzeln sind diese Mengen unbedenklich. Hahn kaufte sie in großer Zahl, zerlegte die Geräte und konzentrierte die Stoffe chemisch. Für die Abbremsung von Neutronen verwendete er Aluminiumfolie und weitere Alltagsmaterialien. Schutzkleidung trug er dabei praktisch nicht, gearbeitet wurde in einem geschlossenen Holzverschlag von wenigen Quadratmetern.

Der Reaktor im Gartenschuppen war keiner

An diesem Punkt gehört eine Korrektur in die Geschichte, weil sie fast überall fehlt. Ein Reaktor im Gartenschuppen im technischen Sinn ist dort nie entstanden. Für eine sich selbst erhaltende Kettenreaktion fehlten die Menge und die Reinheit des spaltbaren Materials um Größenordnungen. Was Hahn tatsächlich zusammenbaute, war eine grobe Neutronenquelle, also ein Aufbau, der Neutronen freisetzt, ohne dass eine Kettenreaktion in Gang kommt. Eine Explosionsgefahr wie bei einer Kernwaffe bestand zu keinem Zeitpunkt. Gefährlich war etwas anderes: die offene Handhabung stark strahlender Präparate auf engem Raum, ohne Abschirmung, ohne Messtechnik und ohne jede Entsorgung.

Genau das bemerkte Hahn im Frühjahr 1994 selbst. Ein geliehener Geigerzähler schlug bereits mehrere Häuserblocks entfernt aus. Er begann daraufhin, seine Versuche abzubauen und Material aus dem Schuppen zu schaffen. Ein Teil davon lag im Kofferraum seines Autos, als ihn die Polizei im August anhielt. Weil er die Beamten warnte, statt zu schweigen, wurde aus einer Routinekontrolle ein Einsatz mehrerer Bundesbehörden. Die eingeschalteten Stellen prüften zunächst sogar, ob der Fahrer einen Sprengsatz besitzen könnte. Erst danach wurde klar, worum es tatsächlich ging.

Der Abriss durch die Umweltbehörde

Am 26. Juni 1995, rund zehn Monate nach der Verkehrskontrolle, rückten Einsatzkräfte auf dem Grundstück in Commerce Township an. Die US-Umweltbehörde hatte das Anwesen als Standort für eine Sanierung nach dem Superfund-Programm eingestuft, jenem Verfahren, das für kontaminierte Industrieflächen gedacht ist. Der Schuppen wurde samt Inhalt zerlegt, in Fässer verpackt und in eine Deponie für schwach radioaktiven Abfall in Utah gebracht. Die rechtlichen Grundlagen dieses Verfahrens beschreibt die Umweltbehörde in ihrer Darstellung des Superfund-Programms. Für die Nachbarschaft war die Aktion der erste Hinweis darauf, dass in dem Garten etwas geschehen war.

Ein Detail macht den Fall bis heute schwer bewertbar. Die Mutter hatte aus Angst vor dem Verlust des Hauses bereits vorher einen erheblichen Teil des Materials weggeräumt und in den normalen Hausmüll gegeben. Die Behörden erfassten also nie den vollständigen Bestand. Hahn selbst lehnte eine medizinische Untersuchung auf Strahlenbelastung ab und ließ sich auch später nie testen. Fachleute gingen davon aus, dass die Belastung seine Lebenserwartung verkürzt haben dürfte. Kurz nach dem Abriss erhielt er den Rang des Eagle Scout, die höchste Auszeichnung der amerikanischen Pfadfinder, für Verdienste, die nichts mit dem Schuppen zu tun hatten.

Was von dem Fall geblieben ist

Öffentlich wurde die Geschichte erst 1998 durch einen Artikel des Journalisten Ken Silverstein im Harper's Magazine, aus dem 2004 ein Buch entstand. Seitdem trägt Hahn den Beinamen, der bis heute an ihm hängt. Sein weiterer Weg verlief unruhig: Er brach ein Metallurgiestudium ab, diente bei Marine und Marineinfanterie und wurde 2007 verurteilt, weil er Rauchmelder aus einem Wohngebäude gestohlen hatte, offenbar erneut auf der Suche nach Americium. Er starb am 27. September 2016 im Alter von 39 Jahren. Ein Zusammenhang mit Strahlung wurde dabei nicht festgestellt.

Die Wirkung des Falls liegt weniger in der Physik als in der Beschaffungsseite. Ein Jugendlicher ohne Labor, ohne Geld und ohne Zugang zu kontrollierten Stoffen kam über Uhren, Campinglampen und Rauchmelder an Mengen radioaktiven Materials, die eine Bundesbehörde zur Sanierung eines Wohngrundstücks veranlassten. Genau dieser Punkt hat in den Jahren danach zu strengeren Regeln für den Handel mit thoriumhaltigen Produkten und für den Rückbau alter Leuchtfarbenbestände geführt. Der Schuppen selbst liegt seit 1995 unter Erde in Utah, zwischen Abfällen aus staatlichen Atomanlagen.

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