Dennis L.
Ein internationales Forscherteam hat die Daten von mehr als 1,5 Millionen Erwachsenen ausgewertet und dabei den Zusammenhang zwischen zuckerhaltigen sowie künstlich gesüßten Getränken und Leberkrebs untersucht. Die Analyse gilt als bislang größte Erhebung dieser Art und stützt sich auf elf prospektive Langzeitstudien aus den USA und Europa. Über einen Beobachtungszeitraum von im Mittel rund 18 Jahren traten mehrere Tausend Neuerkrankungen auf. Auffällig ist vor allem, dass sich das Risikobild zwischen Zucker und Süßstoff klar unterscheidet.
Leberkrebs zählt weltweit zu den häufigsten tödlichen Krebserkrankungen und entsteht meist auf dem Boden chronischer Leberschäden. Zu den etablierten Risikofaktoren gehören Leberzirrhose, chronische Infektionen mit Hepatitis B oder C, starker Alkoholkonsum sowie eine Fettleber. Der überwiegende Anteil der Fälle verteilt sich auf zwei Unterformen: das hepatozelluläre Karzinom, das direkt aus den Leberzellen hervorgeht, und das intrahepatische Cholangiokarzinom, einen Krebs der kleinen Gallengänge innerhalb der Leber. Beide Formen unterscheiden sich in Entstehung und Verlauf, teilen aber viele Risikofaktoren. In den vergangenen Jahren rückte zunehmend die Ernährung in den Blick, weil metabolische Belastungen wie Übergewicht und Typ-2-Diabetes stark mit Leberschäden verknüpft sind. Zuckerhaltige Getränke stehen dabei besonders im Verdacht, weil sie erhebliche Mengen schnell verfügbarer Kohlenhydrate liefern.
Zuckergesüßte Getränke wie klassische Limonaden, Colagetränke oder gesüßte Säfte gelten als konzentrierte Quelle freier Zucker. Ein großer Teil dieses Zuckers besteht aus Fruktose, die überwiegend in der Leber verarbeitet wird und dort die Fettbildung ankurbeln kann. Über diesen Stoffwechselweg entsteht eine Verbindung zu Übergewicht, gestörtem Zuckerhaushalt und einer Fettlebererkrankung, die als Vorstufe schwerer Leberschäden gilt. Künstlich gesüßte Varianten liefern dagegen kaum Kalorien, weil sie den süßen Geschmack über Süßstoffe wie Aspartam erzeugen. Ob diese Süßstoffe eigene gesundheitliche Risiken bergen, wird seit Jahren diskutiert, insbesondere seit die Internationale Agentur für Krebsforschung Aspartam 2023 als möglicherweise krebserregend einstufte. Die jetzt vorgelegte Auswertung liefert für diese Debatte neue und differenzierte Anhaltspunkte, die den Blick auf beide Getränkegruppen schärfen.
Für die im Fachjournal JAMA Network Open veröffentlichte Untersuchung bündelte ein Team um Cody Watling vom US-amerikanischen National Cancer Institute die Daten aus elf prospektiven Kohorten mit insgesamt 1.518.411 Erwachsenen, die zu Beginn keine Krebsdiagnose aufwiesen. Der Getränkekonsum wurde über validierte Ernährungsfragebögen erfasst, das Durchschnittsalter lag bei rund 58 Jahren, etwa 58 Prozent der Teilnehmer waren Frauen. Über eine mittlere Nachbeobachtungszeit von etwa 17,8 Jahren traten 2811 neue Fälle von Leberkrebs auf, darunter 1699 hepatozelluläre Karzinome und 444 intrahepatische Cholangiokarzinome. Jedes zusätzliche zuckerhaltige Getränk pro Tag war rechnerisch mit einem um zehn Prozent höheren Risiko für das hepatozelluläre Karzinom und einem um fünfzehn Prozent höheren Risiko für das Cholangiokarzinom verbunden, während das Gesamtrisiko für Leberkrebs statistisch nicht klar anstieg.
Ein zentrales Ergebnis betrifft die künstlich gesüßten Getränke. Nach vollständiger Berücksichtigung möglicher Störfaktoren fand das Team keinen belastbaren Hinweis auf ein eigenständig erhöhtes Leberkrebsrisiko durch Süßstoffe, auch nicht für die beiden Unterformen. Zwar wiesen Menschen, die häufig zu Diätgetränken griffen, im Mittel einen höheren Body-Mass-Index auf oder litten bereits an Diabetes, doch genau diese Faktoren sind selbst bekannte Risikotreiber. Als die Forscher den Einfluss des Körpergewichts herausrechneten, verschwand der scheinbare Zusammenhang zwischen Süßstoffen und Leberkrebs vollständig. Die Autoren werten die Süßstoffe daher eher als Begleiterscheinung eines belasteten Stoffwechsels als selbst als Ursache. Ähnliche Debatten begleiten auch andere Auswertungen zum Konsum von zuckerhaltigen Getränken und deren gesellschaftlichen Folgekosten.
Die Verfasser betonen ausdrücklich, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt. Sie kann statistische Zusammenhänge aufzeigen, aber nicht beweisen, dass zuckerhaltige Getränke Leberkrebs unmittelbar verursachen. Der Getränkekonsum beruhte überwiegend auf Selbstangaben und wurde in den meisten Kohorten nur einmal erhoben, sodass spätere Veränderungen der Trinkgewohnheiten kaum abgebildet werden konnten. Zudem lassen sich nicht alle Einflussfaktoren vollständig kontrollieren. Trotz dieser Grenzen verleihen die große Teilnehmerzahl, die 2811 dokumentierten Krebsfälle und die lange Nachbeobachtung den Befunden erhebliches Gewicht. Einzuordnen bleibt, dass die gemessenen Risikoerhöhungen deutlich geringer ausfallen als bei etablierten Faktoren wie einer Leberzirrhose oder chronischen Virushepatitiden. Als plausible Erklärung nennen die Forscher, dass hoher Zuckerkonsum Übergewicht, Typ-2-Diabetes und Fettleber begünstigt und so indirekt die Entstehung von Leberkrebs fördern könnte, wobei der genaue Mechanismus offen bleibt.
JAMA Network Open, Artificially Sweetened and Sugar-Sweetened Beverage Intake and Risk of Liver Cancer; doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.17754