BTK Hemmung

Neues Medikament für schwere Form der MS in der EU zugelassen

 Dennis L.

(KI Symbolbild). Die EU-Zulassung betrifft eine schwere Form der MS, bei der sich Behinderung auch ohne neue Schübe weiter aufbauen kann. Der neue Wirkstoff setzt an Entzündungsprozessen an, die im Gehirn und Rückenmark weiterlaufen können. Für Patienten in Deutschland könnte die Entscheidung noch in diesem Jahr praktische Bedeutung bekommen. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 

Die Europäische Union hat ein neues Medikament für eine besonders schwer behandelbare Form der Multiplen Sklerose zugelassen. Cenrifki soll nicht primär akute Schübe verhindern, sondern die schleichende Zunahme von Behinderung bremsen. Entscheidend ist eine klar abgegrenzte Patientengruppe mit sekundär progredienter MS ohne Schübe in den letzten zwei Jahren. Die Studiendaten zeigen einen messbaren Effekt, aber auch wichtige Anforderungen an die Sicherheit.

Die Europäische Kommission hat mit Cenrifki ein neues Arzneimittel für eine Patientengruppe zugelassen, bei der die Multiple Sklerose nicht mehr durch klar erkennbare Schübe, sondern durch eine langsame Verschlechterung der Behinderung geprägt ist. Nach Angaben von Sanofi betrifft die Zulassung erwachsene Patienten mit sekundär progredienter MS, bei denen in den vergangenen zwei Jahren keine Schübe aufgetreten sind. Diese Abgrenzung ist wichtig, weil viele MS-Therapien vor allem akute Entzündungsschübe senken und neue Läsionen im MRT verhindern sollen. Bei der sekundär progredienten Form verschiebt sich der Schwerpunkt der Erkrankung jedoch zunehmend auf schleichende Funktionsverluste. Für Deutschland ist die Entscheidung besonders relevant, weil der Hersteller eine kommerzielle Verfügbarkeit noch in diesem Jahr ankündigt und die Einführung mit einem Risikomanagementprogramm begleiten will.

Multiple Sklerose ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, bei der Immunprozesse die Schutzschicht von Nervenfasern, Nervenzellen und Leitungsbahnen im Gehirn und Rückenmark schädigen. Viele Patienten erleben anfangs Schübe, die sich teilweise zurückbilden, später aber in eine Phase mit stetiger Verschlechterung übergehen können. Genau diese Übergangszone macht die Behandlung schwierig, weil sichtbare Entzündungsaktivität und dauerhafte Gewebeschäden nicht immer parallel verlaufen. Die Europäische Arzneimittel-Agentur beschreibt Tolebrutinib als Hemmer der Bruton-Tyrosinkinase, der die Aktivierung von B-Zellen, Makrophagen und Mikroglia im peripheren und zentralen Nervensystem beeinflussen soll. Damit rückt eine biologische Schnittstelle in den Mittelpunkt, die für Multiple Sklerose besonders relevant ist, weil chronische Entzündung auch dann weiterlaufen kann, wenn keine klassischen Schübe mehr auftreten und die Symptome langsam zunehmen.

Warum die Zulassung medizinisch relevant ist

Die Zulassung ist medizinisch bedeutsam, weil sie sich auf eine schwere Form der MS bezieht, bei der die Erkrankung ohne erkennbare Rückfälle voranschreitet. In dieser Phase stehen oft Gehfähigkeit, Gleichgewicht, Feinmotorik, Erschöpfung, Denkgeschwindigkeit und Selbstständigkeit im Alltag im Mittelpunkt. Das neue Medikament ist deshalb nicht einfach eine weitere Therapie gegen Schübe, sondern soll die Behinderungsprogression in einer klar definierten Patientengruppe verlangsamen. Cenrifki wird als Tablette mit 60 Milligramm einmal täglich mit einer Mahlzeit eingenommen und richtet sich an erwachsene Patienten mit sekundär progredienter MS ohne Schübe in den letzten zwei Jahren. Die BTK-Hemmung wird in der MS-Forschung schon länger untersucht, etwa weil verwandte Wirkstoffe versuchen, akute und chronische Entzündungsanteile besser zu trennen. Die jüngsten Daten zu BTK-Hemmern bei MS zeigen, warum diese Wirkstoffklasse derzeit besonders aufmerksam verfolgt wird.

Welche Studiendaten hinter Cenrifki stehen

Die Grundlage der EU-Zulassung ist vor allem die HERCULES Studie, eine randomisierte, doppelblinde Phase III Studie mit 1.131 Patienten mit nicht schubaktiver sekundär progredienter MS. In der Untersuchung erhielten 754 Teilnehmer Tolebrutinib und 377 Teilnehmer ein Placebo. Der wichtigste Endpunkt war eine über mindestens sechs Monate bestätigte Verschlechterung der Behinderung. In der Tolebrutinib-Gruppe trat dieser Endpunkt bei 22,6 Prozent der Patienten auf, in der Placebo-Gruppe bei 30,7 Prozent. Das entspricht einer relativen Risikoreduktion von 31 Prozent, nicht aber einer Heilung oder einem vollständigen Stopp der Erkrankung. Zusätzlich nennt die EMA eine um 38 Prozent niedrigere bereinigte mittlere Zahl neuer oder größer werdender T2-Läsionen pro Jahr. Die im New England Journal of Medicine veröffentlichten Daten zeigen damit einen messbaren Effekt auf klinische Verschlechterung und MRT-Aktivität.

Welche Einschränkungen wichtig bleiben

Für die Einordnung ist wichtig, dass Cenrifki nicht für alle Formen der MS zugelassen wurde. Die Entscheidung gilt für Erwachsene mit sekundär progredienter MS ohne Schübe in den letzten zwei Jahren. Patienten mit frisch diagnostizierter schubförmiger MS, primär progredienter MS oder weiterhin klarer Schubaktivität fallen nicht automatisch in diese Gruppe. Auch die Bildgebung bleibt bedeutsam, weil aktive MS Läsionen, ältere Herde und schleichende Gewebeschäden unterschiedliche Hinweise auf Krankheitsaktivität liefern können. Der neue Wirkstoff erweitert deshalb vor allem die therapeutische Option für eine Gruppe, bei der es bisher besonders wenige gezielte Medikamente gab. Für die Praxis wird entscheidend sein, dass Neurologen die Verlaufsform, die Schubfreiheit, die MRT-Befunde und die bisherige Krankheitsentwicklung sauber voneinander trennen.

Der wichtigste Sicherheitsaspekt betrifft die Leber. In der HERCULES Studie traten schwere unerwünschte Ereignisse bei 15,0 Prozent der Patienten unter Tolebrutinib und bei 10,4 Prozent unter Placebo auf. Erhöhungen des Leberenzyms Alanin-Aminotransferase auf mehr als das Dreifache des oberen Normalwerts wurden bei 4,0 Prozent unter Tolebrutinib und bei 1,6 Prozent unter Placebo beobachtet. Die EMA nennt zudem Infektionen, Petechien, eine erhöhte Neigung zu blauen Flecken, starke Menstruationsblutungen, Bauchschmerzen, Prellungen und erhöhte Leberenzymwerte als häufige Nebenwirkungen. Die Leberüberwachung ist deshalb kein Randthema, sondern Teil der Nutzen-Risiko-Bewertung und der geplanten Einführung in der Versorgung. Die Zulassung macht Cenrifki zu einer neuen Option für eine bislang schwer behandelbare Patientengruppe, verlangt aber eine engmaschige ärztliche Kontrolle, regelmäßige Laborwerte und eine klare Auswahl der passenden Patienten.

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