Stellarator

Warum 411 Millionen Euro Deutschlands Kernfusion beschleunigen

 Dennis L.

(Symbolbild). Die Kernfusion gilt als eine der großen Hoffnungen für eine klimaneutrale Grundlaststromversorgung. Im Zentrum des deutschen Ansatzes steht der Stellarator mit seinen komplex verdrehten Magnetfeldern. Eine Rekordfinanzierung bringt das Konzept nun einen entscheidenden Schritt näher an ein kommerzielles Fusionskraftwerk. )nessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 

Das Münchner Start-up Proxima Fusion hat in einer einzigen Finanzierungsrunde 411 Millionen Euro für den Bau eines Fusionsreaktors eingesammelt und erreicht damit den Status eines Einhorns. Mit einer Bewertung von mehr als 2,4 Milliarden Euro ist das Unternehmen nun das bestfinanzierte Fusionsunternehmen Europas. Der Kapitalzufluss erfüllt zugleich eine zentrale Bedingung, damit der Freistaat Bayern weitere 400 Millionen Euro bereitstellt. Beteiligt an der Runde waren unter anderem der Energiekonzern RWE und die Google-Mutter Alphabet. Damit rückt ein kommerzielles Stellarator-Kraftwerk in Deutschland spürbar näher.

Die Kernfusion verspricht eine nahezu unerschöpfliche Energiequelle, weil sie den Prozess nachahmt, der auch Sterne wie die Sonne leuchten lässt. Dabei verschmelzen leichte Atomkerne wie die Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium zu schwereren Kernen und setzen enorme Energiemengen frei. Anders als bei der Kernspaltung entsteht dabei kein direktes Kohlendioxid, und eine unkontrollierte Kettenreaktion ist physikalisch ausgeschlossen, da die Reaktion bei Störungen von selbst erlischt. Die große technische Hürde liegt darin, ein bis zu mehrere hundert Millionen Grad Celsius heißes Plasma stabil und lange genug einzuschließen, damit die Fusion mehr Energie liefert, als zum Aufheizen benötigt wird. Für diesen magnetischen Einschluss konkurrieren weltweit vor allem zwei Bauformen, die sich in der Geometrie ihrer Magnetfelder grundlegend unterscheiden.

Der eine Ansatz ist der weit verbreitete Tokamak, dessen Plasma in einer donutförmigen Kammer gehalten wird und der etwa dem internationalen Großprojekt ITER in Frankreich zugrunde liegt. Der andere ist der technisch anspruchsvollere Stellarator, bei dem komplex geformte Magnetspulen das Plasma zu einem verdrehten Band verzwirbeln. Diese Bauweise ermöglicht theoretisch einen stabilen Dauerbetrieb, stellt jedoch extrem hohe Anforderungen an die Fertigung der Magnete, die millimetergenau modelliert und reproduzierbar hergestellt werden müssen. Genau in diesem Feld besitzt Deutschland durch das Forschungsexperiment Wendelstein 7-X am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik in Greifswald eine international führende Kompetenz. Auf dieser wissenschaftlichen Grundlage baut das aktuelle Vorhaben auf, das nun von der neuen Kapitalspritze in eine industrielle Umsetzungsphase überführt werden soll.

Was die Rekordfinanzierung konkret auslöst

Die 411 Millionen Euro erfüllen laut Unternehmensangaben die im Februar 2026 vereinbarte Voraussetzung eines Memorandum of Understanding zwischen dem Freistaat Bayern, Proxima Fusion, RWE und dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik. Kern dieser Vereinbarung war, dass zunächst private Investitionen in erheblichem Umfang eingeworben werden müssen, bevor öffentliche Fördermittel von 400 Millionen Euro fließen. Diese Bedingung wurde nach Angaben des Start-ups innerhalb von nur drei Monaten nicht nur erreicht, sondern übertroffen, wie auch die begleitenden Pläne zum Fusionskraftwerk in Deutschland dokumentieren. Das frische Kapital fließt in den Reaktorbau, in den Ausbau der Fertigungskapazitäten und in die Weiterentwicklung zentraler Technologien. Bereits jetzt werden erste Komponenten produziert, und ein erster Magnet soll bis Ende des kommenden Jahres fertiggestellt sein. Dieser Fokus auf konkrete Hardware unterscheidet die Runde von reinen Ankündigungen.

Der Weg von Alpha nach Gundremmingen

Als nächster sichtbarer Meilenstein soll bis Anfang der 2030er Jahre in Garching bei München der Demonstrationsreaktor Alpha entstehen, der räumlich nah am Max-Planck-Institut errichtet wird. Allein diese Anlage ist mit rund zwei Milliarden Euro veranschlagt. Alpha soll gezielt jene Fragen beantworten, die über die reine Machbarkeit hinausgehen, insbesondere die Skalierung des Wärmeeinschlusses und der Wärmeabfuhr für ein späteres kommerzielles Kraftwerk. Während Wendelstein 7-X vor allem den Nachweis des Dauerbetriebs erbringt, soll Alpha die technologische Lücke zur industriellen Nutzung schließen. Auf dieser Basis ist langfristig das Pilotkraftwerk Stellaris geplant, das auf dem Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks Gundremmingen Strom ins Netz einspeisen könnte. Um die Gesamtsumme aufzubringen, hofft das Unternehmen zusätzlich auf eine Bundesförderung, deren Ausschreibung im Herbst erwartet wird.

Wettbewerb und offene Fragen

Trotz des Meilensteins bleibt der Ausgang offen, denn die internationale Konkurrenz ist finanzstark. In den USA und China sind bereits Milliardenbeträge in Fusions-Start-ups geflossen, sodass ein Vorsprung keineswegs gesichert ist. Zudem verfolgen Wissenschaftler die kommerzielle Fusionsenergie seit Jahrzehnten, und manche Fachleute halten den Weg weiterhin für riskant, während andere ihn als große Chance sehen. Bei der Stellarator-Technologie sieht sich das Münchner Unternehmen jedoch in einer Spitzenposition, gerade weil es als Spin-out unmittelbar auf die Erfahrungen mit dem magnetischen Plasmaeinschluss zurückgreifen kann. Für Deutschland steht dabei mehr als ein einzelnes Projekt auf dem Spiel. Sollte die Technik gelingen, könnte aus der Fusionsforschung eine neue industrielle Wertschöpfungskette entstehen, die wissenschaftliche Exzellenz mit einer klimafreundlichen Energieversorgung verbindet. Die kommenden Jahre entscheiden, ob dieser Anspruch tragfähig ist.

Max-Planck-Gesellschaft, Proxima Fusion sammelt 411 Millionen Euro ein; Pressemitteilung Max-Planck-Institut für Plasmaphysik

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