Wolga-Rückgang

Warum das Kaspische Meer schrumpft obwohl der Regen nicht abnimmt

 Dennis Lenz

(Symbolbild). Das Kaspische Meer ist der größte Binnensee der Erde und verliert seit Jahrzehnten spürbar an Wasser. Eine aktuelle Analyse ordnet die Ursachen neu und rückt den gesunkenen Zufluss aus den großen Flüssen in den Mittelpunkt. Trockengefallene Uferzonen zeigen bereits heute, wie stark sich der Rückgang auf Küsten, Häfen und Ökosysteme auswirkt. )nessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 

Das Kaspische Meer schrumpft seit den 1990er Jahren, doch die Gründe dafür galten lange als unklar. Eine internationale Forschungsgruppe hat nun Satellitendaten, Pegelmessungen und Klimareihen kombiniert und kommt zu einem überraschenden Ergebnis. Nicht ausbleibender Regen treibt den Verlust an, sondern ein deutlich gesunkener Zufluss aus den großen Flüssen. Besonders die Wolga liefert weniger Wasser als früher, während die Verdunstung nur einen kleineren Teil des Schwundes erklärt. Der größte Binnensee der Erde steht damit exemplarisch für das Zusammenspiel aus menschlichem Wassermanagement und Klimawandel.

Das Kaspische Meer ist das größte Binnengewässer der Erde und erstreckt sich über rund 371.000 Quadratkilometer zwischen Europa und Asien. Es grenzt an fünf Staaten, nämlich Russland, Kasachstan, Turkmenistan, Aserbaidschan und den Iran, und besitzt weder eine natürliche Verbindung zu den Ozeanen noch einen oberirdischen Abfluss. Solche abflusslosen Seen reagieren empfindlich auf jede Veränderung ihrer Wasserbilanz, weil der Wasserstand allein davon abhängt, wie viel Wasser über Flüsse und Niederschlag hineingelangt und wie viel durch Verdunstung wieder verloren geht. In den vergangenen Jahrzehnten ist der Pegel des Sees spürbar gefallen, ähnlich wie es zuvor bei anderen großen Binnengewässern beobachtet wurde. Dieser Rückgang betrifft nicht nur die Wasserfläche, sondern auch Ökosysteme, Fischerei, Häfen und ganze Küstenregionen, die auf ein stabiles Gewässer angewiesen sind.

Um zu verstehen, warum ein solcher See kleiner wird, betrachten Forscher seine gesamte Wasserbilanz. Auf der Zufuhrseite stehen der Zufluss aus großen Flüssen und der Niederschlag über der Wasserfläche, auf der Verlustseite vor allem die Verdunstung, die mit steigenden Temperaturen zunimmt. Verändert sich einer dieser Posten dauerhaft, verschiebt sich das Gleichgewicht und der Wasserstand steigt oder fällt. Lange galt die Annahme, dass vor allem sinkende Niederschläge und eine durch die Erderwärmung verstärkte Verdunstung den Schwund erklären. Der Vergleich mit dem benachbarten Aralsee, der durch Bewässerungsprojekte fast vollständig verschwand, zeigt jedoch, dass auch der Mensch über die Regulierung von Flüssen erheblichen Einfluss auf solche Gewässer nehmen kann. Genau an dieser Frage nach der wichtigsten Ursache setzt die aktuelle Untersuchung an.

Warum die Wolga zum entscheidenden Faktor wird

Die Forschergruppe um Jesse Duku von der University of California in Irvine wertete Satellitenbeobachtungen, hydrologische Messreihen und Klimadaten aus, um die eigentlichen Antriebe des Wasserverlusts zu bestimmen. In der im Fachjournal Earth's Future veröffentlichten Analyse zum schrumpfenden Kaspischen Meer zeigt sich, dass der Niederschlag über dem Einzugsgebiet seit den frühen 1990er Jahren weitgehend stabil geblieben ist. Der entscheidende Wandel liegt stattdessen im deutlich gesunkenen Flusszufluss, allen voran aus der Wolga, die den größten Teil des Süßwassers in den See liefert. Die Verdunstung über der Seeoberfläche hat zwar zugenommen, erklärt aber nur etwa 37 bis 40 Prozent des beobachteten Verlusts. Damit verschiebt sich das Bild von einer rein klimatischen Erklärung hin zu einem Zusammenspiel aus Wassermanagement und Erwärmung, an dem auch der Geodät Mohammad J. Tourian von der Universität Stuttgart beteiligt war.

Wie stark der Wasserverlust bereits sichtbar ist

Das Ausmaß des Rückgangs lässt sich in konkreten Zahlen fassen. Seit 1996 hat das Wasservolumen des Sees um rund 630 Kubikkilometer abgenommen, der Wasserstand ist dadurch um etwa zwei Meter gesunken. Die Wasserfläche verkleinerte sich um knapp 24.000 Quadratkilometer, eine Ausdehnung, die annähernd der Fläche Siziliens entspricht. Solche Größenordnungen verdeutlichen, dass es sich nicht um kurzfristige Schwankungen handelt, wie sie das Kaspische Meer im Lauf seiner Geschichte immer wieder erlebt hat, sondern um einen anhaltenden Trend. Zugleich fügt sich der Befund in ein globales Muster ein, denn Satellitendaten belegen, dass die kontinentalen Süßwasserreserven vielerorts abnehmen. Der See ist damit kein Einzelfall, sondern Teil einer weltweiten Entwicklung schrumpfender Binnengewässer, deren Ursachen sich zunehmend aus natürlichen und menschgemachten Faktoren zusammensetzen.

Was der Rückgang für Ökosysteme und Anrainer bedeutet

Der sinkende Wasserstand hat weitreichende Folgen für die Natur und die Menschen entlang der Küsten. Im flachen Nordteil des Sees registrierten die Forscher einen langfristigen Anstieg der Chlorophyll-a-Konzentration, ein Hinweis auf zunehmende Algenaktivität und nachlassende Wasserqualität. Gefährdete Arten wie die Kaspische Robbe und mehrere Störarten verlieren Laich- und Ruheplätze, wenn flache Uferzonen trockenfallen. Für die fünf Anrainerstaaten drohen zugleich wirtschaftliche Verluste, weil Häfen verlanden, Schiffe die Kais nicht mehr erreichen und Ölplattformen an Land verlegt werden müssten. Da eine gemeinsame internationale Steuerung der Wasserentnahme bislang fehlt, verschärft die fragmentierte Verwaltung die Lage zusätzlich. Regionen mit ohnehin angespannter Versorgung geraten so weiter unter Druck, was die Debatte über künftige Wasserknappheit in weiten Teilen Eurasiens befeuert.

Earth's Future, The Shrinking Caspian Sea Eco-Hydrological Responses to Human and Climate Pressures; doi:10.1029/2025EF008028

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