Werkzeuggebrauch

Warum die dominante Hand erst durch Übung geschickter wird

 Dennis L.

(KI Symbolbild). Ob die dominante Hand tatsächlich geschickter ist, zeigt sich vor allem beim Führen von Werkzeugen wie Stift oder Besteck. Eine neue Bewegungsstudie legt nahe, dass dieser Vorsprung nicht angeboren ist, sondern durch jahrelange Übung entsteht. Ohne Werkzeug arbeiten beide Hände fast gleich präzise. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 

Die meisten Menschen sind mit einer Hand deutlich geschickter als mit der anderen und halten das für eine angeborene Eigenschaft ihres Gehirns. Eine neue Untersuchung aus den USA stellt diese Sicht nun infrage und legt nahe, dass der Vorsprung der geübteren Seite vor allem durch jahrelanges Training entsteht. Mit hochauflösender Bewegungserfassung verglichen die Forscher, wie präzise beide Arme dieselben Aufgaben lösen. Der entscheidende Unterschied zeigte sich erst, als die Teilnehmer ein einfaches Werkzeug führen mussten. Ohne dieses Hilfsmittel schrumpfte der vermeintlich klare Vorteil der starken Hand auf ein Minimum.

Ob jemand Rechts- oder Linkshänder ist, gehört zu den auffälligsten Eigenheiten des menschlichen Verhaltens. Der Begriff Händigkeit vermischt dabei zwei Dinge, die genau genommen getrennt betrachtet werden müssen. Zum einen gibt es die Präferenz, also die Neigung, für die meisten Tätigkeiten immer wieder dieselbe Hand zu wählen. Zum anderen gibt es die Handdominanz, die den tatsächlichen Unterschied in der Geschicklichkeit zwischen beiden Seiten beschreibt. Im Alltag fallen beide Aspekte zusammen, weil wir mit der bevorzugten Hand meist auch feiner und sicherer arbeiten. Untersuchungen zeigen, dass sich die Präferenz für eine Seite bereits im Mutterleib herausbildet und sich später zuverlässig fortsetzt. Damit gilt die Vorliebe für eine Hand als weitgehend angeboren. Deutlich weniger klar war bislang jedoch, warum ausgerechnet diese bevorzugte Hand im Lauf des Lebens auch die geschicktere wird.

Lange dominierte in der Neurowissenschaft die Annahme, dass eine der beiden Gehirnhälften von Natur aus besser für die Steuerung von Bewegungen ausgestattet sei. Nach dieser Vorstellung wäre die dominante Hand gewissermaßen ab Werk leistungsfähiger, weil die zuständige Hirnregion einen eingebauten Vorteil besitzt. Eine konkurrierende Erklärung setzt dagegen bei der Erfahrung an, denn vielleicht wird eine Hand nicht bevorzugt, weil sie geschickter ist, sondern sie wird geschickter, weil sie ständig bevorzugt eingesetzt wird. In diesem Fall wäre der Unterschied kein festes Merkmal einer Gehirnhälfte, sondern das Ergebnis unzähliger Wiederholungen. Wie groß die Rolle von Übung im Vergleich zum angeborenen Talent ist, wird in vielen Bereichen des Lernens diskutiert. Genau diese Grundfrage überträgt die neue Studie erstmals systematisch auf die Geschicklichkeit der Hände.

Wie die Forscher beide Arme gegeneinander antreten ließen

Ein Team um den Neurologen Ahmet Arac von der University of California in Los Angeles ging der Frage mit einem aufwendigen Bewegungsexperiment nach und stellte seine Ergebnisse in den Proceedings of the National Academy of Sciences vor. Die Details der im Fachjournal PNAS veröffentlichten Untersuchung beruhen auf einer markerlosen dreidimensionalen Bewegungserfassung, mit der gesunde Erwachsene beim Greifen nach Zielpunkten gefilmt wurden. Die Teilnehmer absolvierten dieselben Aufgaben unter drei Bedingungen. Zunächst griffen sie ganz normal nach den Zielen. Anschließend wiederholten sie die Bewegung mit einem etwa 1,8 Kilogramm schweren Gewicht am Handgelenk, das die Dynamik des Arms zusätzlich forderte. In der dritten Bedingung führten sie einen leichten Stab, der am Unterarm befestigt war und den Umgang mit einem Werkzeug nachahmte. So ließ sich genau bestimmen, wann die dominante und die nichtdominante Seite auseinanderdriften.

Der Vorsprung zeigt sich erst mit dem Werkzeug

Das Ergebnis fiel überraschend deutlich aus. Beim gewöhnlichen Greifen und auch beim Greifen mit dem Handgelenksgewicht war kaum ein Unterschied zwischen beiden Armen messbar. Erst der am Unterarm befestigte Stab brachte einen klaren Vorsprung der dominanten Seite zum Vorschein, weil die schwächere Hand die komplexe Bahn der Stabspitze nur ungenau kontrollieren konnte. Nach Einschätzung der Forscher liegt der Unterschied also nicht in einer generell überlegenen Gehirnhälfte, sondern im geübten Umgang mit Gegenständen, wie die begleitende Mitteilung der University of California zusammenfasst. Der Werkzeuggebrauch verlangt präzise geschwungene Bewegungen, die sich nur durch jahrelanges Training aufbauen. Ähnlich wie bei anderen Fragen zur Feinmotorik der Hand hängt die Leistung damit stark davon ab, wie das Gehirn eingespielte Bewegungsmuster abruft.

Was das für Lernen und Rehabilitation bedeutet

Die Neubewertung hat praktische Folgen, denn sie verschiebt den Fokus von einer festen biologischen Anlage hin zu der Frage, wie stark sich motorische Kontrolle durch Training verbessern lässt. Wenn der Leistungsunterschied vor allem aus Übung entsteht, lässt sich die schwächere Hand gezielter fördern, etwa in der Neurorehabilitation nach einem Schlaganfall. Auch für gesunde Rechtshänder und Linkshänder bedeutet der Befund, dass die scheinbar unveränderliche Rangordnung der Hände stärker vom eigenen Verhalten abhängt als bislang angenommen. Die Autoren betonen, dass die grundlegende Vorliebe für eine Seite weiterhin biologisch verankert bleibt und sich nicht einfach umtrainieren lässt. Erst die tägliche Nutzung formt daraus über Jahre die vertraute Geschicklichkeit. Interessant wird nun der Blick auf Menschen, bei denen Vorliebe und Übung auseinanderfallen, etwa umgeschulte Linkshänder oder Patienten, deren bevorzugte Hand sich nach einer Erkrankung verändert. An solchen Fällen ließe sich prüfen, wie weit sich die dominante Hand tatsächlich neu ausbilden lässt.

PNAS, Arm dominance is an emergent effect of practice executing complex trajectory shapes required by tools and objects; doi:10.1073/pnas.2601569123

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