Dennis L.
Wer viel Zeit bei hellem Tageslicht verbringt, könnte sein Gehirn bis ins hohe Alter schützen. Eine große Auswertung von Bewegungs- und Lichtdaten aus der UK Biobank hat den Zusammenhang zwischen gemessener Helligkeit und dem späteren Auftreten von Demenz erstmals in dieser Größenordnung untersucht. Dabei zeichnet sich ab, dass bereits eine überraschend niedrige Lichtschwelle statistisch mit einem deutlich veränderten Risiko verbunden ist. Besonders bemerkenswert ist, wie stark der Effekt im Vergleich zu bekannten Risikofaktoren ausfällt.
Demenz zählt zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen einer alternden Gesellschaft, und die Suche nach beeinflussbaren Risikofaktoren hat in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Neben Bluthochdruck, Diabetes, Bewegungsmangel oder Hörverlust rückt zunehmend ein Faktor in den Blick, der bislang wenig beachtet wurde, nämlich die tägliche Lichtexposition. Der menschliche Organismus ist evolutionär auf einen klaren Wechsel zwischen hellem Tag und dunkler Nacht ausgelegt. Dieses Signal steuert über spezialisierte Sinneszellen in der Netzhaut die innere Uhr, die wiederum Schlaf, Stoffwechsel, Hormonhaushalt und kognitive Leistungsfähigkeit reguliert. Helligkeit wird dabei in der Einheit Lux gemessen, wobei ein bewölkter Himmel im Freien bereits mehr als das Zehnfache einer typischen Innenraumbeleuchtung liefert. Genau diese Größenordnung könnte für die langfristige Gesundheit des Gehirns eine bislang unterschätzte Rolle spielen.
Der Begriff des zirkadianen Rhythmus beschreibt die etwa 24 Stunden umfassenden inneren Zyklen, die nahezu alle Körperfunktionen takten. Wird dieser Rhythmus dauerhaft gestört, etwa durch zu wenig Tageslicht am Tag oder zu viel künstliche Helligkeit in der Nacht, geraten viele Regelkreise aus dem Gleichgewicht. Da auch chronisch verkürzter Schlaf mit einem erhöhten Demenzrisiko in Verbindung gebracht wird, liegt der Verdacht nahe, dass Licht und Schlaf eng zusammenspielen. Offen blieb jedoch lange, wie stark sich die tatsächlich am Körper gemessene Lichtmenge auf das spätere Auftreten von Demenz auswirkt. Subjektive Angaben zur Zeit im Freien sind ungenau, und Laborbedingungen bilden den Alltag nur eingeschränkt ab. Erst tragbare Sensoren am Handgelenk erlauben es, die individuelle Lichtexposition über mehrere Tage hinweg objektiv und kontinuierlich zu erfassen.
Ein internationales Forschungsteam wertete für seine Untersuchung Daten von 87577 Erwachsenen aus der britischen Langzeitstudie UK Biobank aus, die zu Beginn keine Demenz aufwiesen und im Mittel rund 62 Jahre alt waren. Alle Teilnehmer trugen sieben Tage lang einen Sensor am Handgelenk, der Bewegung und Lichtexposition unter Alltagsbedingungen aufzeichnete. In der im Fachjournal General Psychiatry veröffentlichten prospektiven Kohortenstudie verfolgten die Forscher über eine mittlere Beobachtungszeit von 8,1 Jahren, bei wem sich eine Demenz entwickelte. Insgesamt erkrankten 741 Personen. Wer tagsüber im Schnitt mehr als 1000 Lux ausgesetzt war, wies ein um 16 Prozent geringeres Demenzrisiko auf. Längere Phasen mit mindestens 5000 Lux waren mit einer weiteren Senkung verbunden. Nächtliches Licht zeigte dagegen keinen belastbaren Zusammenhang mit dem Erkrankungsrisiko.
Der wichtigste vermutete Mechanismus liegt in der Stabilisierung des zirkadianen Rhythmus. Helles Tageslicht am Morgen und über den Tag verteilt schärft das Signal der inneren Uhr, verbessert die Schlafqualität und unterstützt Reinigungs- und Reparaturprozesse im Gehirn, die vor allem in der Nacht ablaufen. In der Auswertung erklärten Veränderungen der Ruhe-Aktivitäts-Rhythmik sowie messbare Hirnstrukturen bis zu ein Drittel des beobachteten Zusammenhangs, was die Bedeutung der inneren Taktung stützt. Dass Lichtreize weit über das bloße Sehen hinaus wirken, ist aus anderen Bereichen bekannt, denn schon künstliche Helligkeit zur falschen Tageszeit kann Stimmung und Lernleistung verändern. Auch der Zusammenhang zwischen gutem Schlaf und geistiger Gesundheit ist gut belegt. Tageslicht könnte damit gleich mehrere schützende Prozesse zugleich anstoßen und so das alternde Gehirn stabilisieren.
Für die Demenzprävention ist besonders bemerkenswert, dass bereits weniger als 0,7 Stunden sehr hellen Tageslichts pro Tag ein stärkerer Vorhersagewert für eine spätere Erkrankung war als sechs klassische Risikofaktoren zusammengenommen. Da natürliches Licht praktisch überall verfügbar und kostenlos ist, eröffnet der Befund eine niedrigschwellige Möglichkeit, das Risiko für Neurodegeneration zu beeinflussen. Gerade in Deutschland, wo viele Menschen im Herbst und Winter kaum ins Freie kommen und die Innenraumbeleuchtung selten die nötige Helligkeit erreicht, ist diese Erkenntnis von praktischer Bedeutung. Einschränkend gilt, dass es sich um eine Beobachtungsstudie handelt, die Zusammenhänge, aber keine sichere Ursache belegt. Wie viel zusätzliche Zeit im Freien den kognitiven Abbau tatsächlich verlangsamt, müssen kontrollierte Interventionsstudien noch zeigen. Ähnlich wie bei der frühen Versorgung von Hörverlust dürfte auch hier ein Bündel an Maßnahmen entscheidend sein.
General Psychiatry, Associations between wearable-device-measured daytime and nighttime light exposures and dementia risk: A prospective cohort study; doi:10.1002/gps3.70039