Berührungsspuren

Menschliche DNA überdauert Jahrtausende an Höhlenwänden

 Dennis L.

(KI Symbolbild). An scheinbar stummen Höhlenwänden verbirgt sich womöglich mehr Information, als bisher angenommen wurde. Neue Analysen zeigen, dass sich menschliche DNA über Jahrtausende im Fels erhalten kann, selbst dort wo keine Malerei sichtbar ist. Damit wird die Verbindung zwischen prähistorischer Felskunst und den Menschen, die sie schufen, greifbarer. Für die Archäologie könnte sich daraus ein völlig neuer Zugang zur Vergangenheit ergeben. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 

Ein internationales Forschungsteam mit deutscher Beteiligung hat erstmals nachgewiesen, dass sich menschliches Erbgut über Jahrtausende an nackten Höhlenwänden halten kann. Untersucht wurden Malereien, Handabdrücke und schlichte Pigmentspuren aus mehreren Höhlen der Iberischen Halbinsel. Aus den Proben ließ sich menschliche DNA gewinnen, tierisches Erbgut dagegen fehlte fast vollständig. Damit rückt eine bislang übersehene Materialquelle in den Blick, die prähistorische Aktivitäten sichtbar machen könnte, ohne dass dafür überhaupt gegraben werden muss.

Wenn Wissenschaftler das Erbgut längst verstorbener Menschen untersuchen, greifen sie bislang fast immer auf wenige klassische Quellen zurück. Am häufigsten liefern Knochen und Zähne verwertbares Material, seit einigen Jahren auch Höhlensedimente und vereinzelt Werkzeuge aus Knochen. Diese sogenannte alte DNA ist ein empfindliches Molekül, das nach dem Tod eines Organismus rasch zerfällt und nur unter günstigen Bedingungen über lange Zeiträume erhalten bleibt. Kühle, konstante Temperaturen und ein stabiles Milieu wie im Inneren tiefer Höhlen begünstigen die Konservierung erheblich. Genau dort, in der Dunkelheit europäischer Kalksteinhöhlen, haben Menschen vor vielen tausend Jahren nicht nur gelebt, sondern auch Spuren hinterlassen. Sie legten die Hand an den Fels, lehnten sich an die Wand oder trugen Farbe auf, und hinterließen dabei möglicherweise weit mehr als nur sichtbare Zeichen ihrer Anwesenheit.

Höhlenmalereien zählen zu den eindrücklichsten Zeugnissen der Menschheitsgeschichte, doch längst nicht jede Spur an einer Wand ist eine große Tierszene. Oft sind es nur Punkte, Striche, verwischte Farbflächen oder die Umrisse einer Hand, die tief im Berg über Jahrtausende überdauern. Wer eine solche frühe Felskunst datiert oder chemisch analysiert, arbeitet an der Grenze zwischen menschlichem Werk und natürlicher Ablagerung. Neben Pigmenten und Mineralschichten enthält der Fels aber offenbar noch eine weitere, bislang kaum beachtete Information. Denn wo ein Mensch die Wand berührte, konnten winzige Mengen an Hautzellen, Speichel oder anderem biologischem Material zurückbleiben. Ob dieses Erbgut die Jahrtausende übersteht und sich noch auslesen lässt, war lange offen und wird nun erstmals systematisch beantwortet.

Wie das Erbgut an die Wand gelangte

Verantwortlich für die genetischen Analysen war ein Team um Alba Bossoms Mesa vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, das im Rahmen des internationalen Projekts First Art arbeitete. Wie die Forschenden in der begleitenden Mitteilung des Instituts darlegen, gelang es erstmals, mindestens 2000 Jahre alte menschliche DNA direkt von Höhlenwänden zu gewinnen. Auffällig war dabei, dass die Proben menschliches, aber praktisch kein tierisches Erbgut enthielten. Dieser Unterschied gilt als starkes Indiz dafür, dass das genetische Material nicht zufällig über Staub oder Tiere an den Fels gelangte, sondern durch unmittelbaren Körperkontakt. Eine aufgelegte Handfläche, ein Anlehnen an die Wand oder das Aufsprühen von Farbe mit dem Mund kämen als Übertragungswege infrage. Damit verbindet sich die genetische Spur erstmals plausibel mit konkreten menschlichen Handlungen an Ort und Stelle.

Für den Nachweis kombinierte das Team modernste Verfahren der DNA-Extraktion und -Sequenzierung mit einer sorgfältigen Kontrolle möglicher Verunreinigungen. Ähnlich anspruchsvoll war bereits die Rekonstruktion von urzeitlichem Erbgut aus dem Zahnstein von Neandertalern, bei der ebenfalls jüngere DNA sauber ausgeschlossen werden musste. Genau diese Trennung zwischen altem und modernem Material ist bei Oberflächenproben besonders heikel, weil Höhlenwände über Jahrtausende von zahllosen Personen berührt worden sein können. Die Forschenden verglichen deshalb pigmentierte und unpigmentierte Wandbereiche mit Referenzproben aus Sedimenten und Knochen. Nur wenn sich das gewonnene Erbgut deutlich von neuzeitlichen Verunreinigungen abhob, werteten sie es als belastbaren Nachweis. Dieses methodische Vorgehen macht die Ergebnisse trotz der geringen Materialmengen nachvollziehbar und grenzt sie gegen bloße Kontamination ab.

Was die Höhlen von Altamira bis Escoural zeigen

Im Zentrum der Untersuchung standen 24 Wandbereiche mit Felskunst aus elf Höhlen in Spanien und Portugal. Analysiert wurden schlichte Malereien wie Punkte und Linien, Handabdrücke sowie Pigmente, die in der berühmten Höhle von Altamira auf natürliche Weise von figürlichen Bildern abgefallen waren. Wie das Team in der in Nature Communications veröffentlichten Studie beschreibt, fand sich menschliches Erbgut nicht nur auf einer mit Pigment bedeckten Fläche der portugiesischen Höhle von Escoural, sondern auch in bemalungsfreien Bereichen dieser Höhle und in der Höhle Covarón im spanischen Asturien. Dass die DNA auch abseits der Malereien auftrat, ist bemerkenswert, denn es zeigt, dass nicht das Pigment selbst der Träger ist. Vielmehr scheint die bloße körperliche Anwesenheit von Menschen auszureichen, um über sehr lange Zeit auslesbare Spuren zu hinterlassen.

Nicht jede Probe lieferte allerdings ein Ergebnis, was die Grenzen der Methode deutlich macht. Ein prähistorischer Vogelknochen aus Altamira, mit dem einst roter Ocker auf die Wand geblasen worden war, enthielt trotz aller Hoffnung keine verwertbare alte DNA. Als Ursache gelten eine starke Verunreinigung durch heutiges menschliches Erbgut und die nur winzige entnommene Pigmentmenge. Solche Fehlschläge zeigen, wie fragil die Überlieferung genetischer Information an offen zugänglichen Oberflächen ist. Vergleichbar vorsichtig gehen Fachleute auch bei der Bewertung der ältesten bekannten Höhlenkunst vor, deren Alter und Urheberschaft oft nur mit erheblichem Aufwand gesichert werden können. Für die neue Studie bedeutet das, dass ihre Aussagen zwar tragfähig, aber bewusst zurückhaltend formuliert sind.

Warum der Fund die Archäologie verändern könnte

Sollte sich der Ansatz bestätigen und weiter verfeinern lassen, könnte die junge Disziplin der Archäogenetik eine neue Materialquelle gewinnen. Bislang war die Gewinnung alter DNA fast zwingend an Ausgrabungen und an das Auffinden von Knochen gebunden. Höhlenwände dagegen sind an vielen Fundorten bereits bekannt und zugänglich, ohne dass Schichten zerstört werden müssten. Grundsätzlich eröffnet sich damit die Möglichkeit, etwas über die Menschen zu erfahren, die eine Höhle einst betraten und gestalteten, selbst wenn von ihnen keine sterblichen Überreste erhalten sind. Denkbar wäre langfristig, Herkunft, Verwandtschaft oder biologische Merkmale jener Personen zu untersuchen, die eine bestimmte Wand berührten. Noch ist das Zukunftsmusik, denn die gewonnenen Mengen sind gering und die Datierung der Spuren bleibt schwierig. Der grundsätzliche Nachweis, dass Höhlenwände solches Erbgut überhaupt bewahren, ist jedoch bereits ein wichtiger Schritt.

Für die deutsche Forschung unterstreicht die Arbeit die Rolle des Leipziger Instituts, das seit Jahren zu den führenden Adressen für die Analyse alter DNA zählt. Zugleich mahnt die Studie zur Vorsicht, weil offen liegende Wände besonders leicht durch moderne Berührungen verunreinigt werden. Künftige Untersuchungen müssen daher strenge Protokolle einhalten und dürfen die empfindlichen Oberflächen nicht durch die Probennahme selbst beschädigen. Ob sich aus einzelnen Wandproben verlässliche Aussagen über ganze prähistorische Gruppen ableiten lassen, wird sich erst mit weiteren Fundorten und größeren Datensätzen zeigen. Bis dahin bleibt der Befund vor allem ein Beleg dafür, dass selbst scheinbar leere Höhlenwände eine verborgene biologische Bibliothek sein können. Die Verbindung von Felskunst, Chemie und Genetik dürfte die Erforschung früher menschlicher Aktivitäten in den kommenden Jahren spürbar erweitern.

Nature Communications, Investigating ancient human DNA preservation on cave walls and in rock art; doi:10.1038/s41467-026-59948-3

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