Dennis L.
Gier gilt oft als Antrieb für Geld, Status und Macht. Eine neue psychologische Analyse zeigt nun, dass der Drang nach mehr auch Freundschaften verändern kann. In vier Studien mit niederländischen und US-amerikanischen Teilnehmern ging es nicht nur um Besitz, sondern um Einsamkeit, soziale Nähe und den Nutzen anderer Menschen. Der Befund macht sichtbar, warum ein scheinbar erfolgreiches Netzwerk emotional leer bleiben kann.
Wer Gier nur mit Geld verbindet, übersieht ihren psychologischen Kern. In der Forschung beschreibt der Begriff keine einzelne Entscheidung, sondern eine relativ stabile Neigung, mit dem Erreichten unzufrieden zu bleiben und immer mehr Ressourcen erwerben zu wollen. Diese Ressourcen können Einkommen, Besitz und Konsumgüter sein, aber auch Macht, Status, Aufmerksamkeit, Kontrolle oder sexuelle Chancen. Damit gehört Gier in die Psychologie der Motivation, weil sie erklärt, warum manche Menschen selbst dann weiter suchen, sammeln oder vergleichen, wenn objektiv längst genug vorhanden ist. Entscheidend ist nicht allein der Wunsch nach Verbesserung, sondern die Kombination aus dauerhaftem Mehr-Wollen und dem Gefühl, dass der aktuelle Zustand nie ausreicht. Sie beschreibt eine motivationale Grundspannung. Genau dadurch unterscheidet sich Gier von normalem Ehrgeiz, sparsamer Planung oder rationalem Eigeninteresse.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil soziale Beziehungen anderen Regeln folgen als materielle Güter. Ein Konto, ein Titel oder ein Besitzstück kann einseitig erworben, verglichen und angehäuft werden. Freundschaften entstehen dagegen durch wiederholte Begegnungen, gegenseitige Auswahl, Verlässlichkeit und geteilte Zeit. Wer andere Menschen vor allem nach ihrem Nutzwert betrachtet, verändert damit nicht nur die eigene Erwartung, sondern auch die Qualität der Beziehung. Die aktuelle Veröffentlichung in Social Psychological and Personality Science verschiebt die Frage deshalb von wirtschaftlichen Entscheidungen zu sozialem Verhalten. Sie untersucht, ob Gier auch dort sichtbar wird, wo Menschen Nähe, Vertrauen und Zugehörigkeit suchen. Der neue Blick ist relevant, weil Freundschaften zu den stabilsten Schutzfaktoren für Wohlbefinden gehören und zugleich eine Ressource sind, die sich nicht einfach besitzen lässt.
Die Forscher arbeiteten mit der Dispositional Greed Scale, einem Messinstrument für individuelle Unterschiede in Gier. Es erfasst nicht nur den Wunsch nach Geld, sondern die breitere Tendenz, mehr haben zu wollen und sich mit dem Vorhandenen schwer zufriedenzugeben. In den vier Studien wurden große Paneldaten aus den Niederlanden mit zwei zusätzlichen Stichproben kombiniert. Dazu gehörten Daten des repräsentativen LISS-Panels mit je nach Messgröße 2.299 bis 4.943 Personen aus der Erhebung 2013 und 694 bis 892 Personen aus der späteren Erhebung 2019. Ergänzt wurden eine Laborstudie mit 205 niederländischen Psychologiestudenten und eine Online-Stichprobe aus den USA mit 503 Teilnehmern. Die Auswertungen kontrollierten Alter und Geschlecht, und Daten, Code sowie Materialien sind über ResearchBox verfügbar. Dadurch beruht der Befund nicht auf einer einzelnen kleinen Stichprobe, sondern auf mehreren methodisch unterschiedlichen Datensätzen.
Über die Studien hinweg zeigte sich ein wiederkehrendes Muster. Menschen mit höherer Ausprägung von Gier berichteten häufiger Einsamkeit und nahmen ihre sozialen Kontakte teilweise als weniger nah wahr. In zwei Stichproben wurde zudem gemessen, ob Teilnehmer Freunde stärker instrumentell betrachten. Genau dort zeigte sich eine deutlichere Objektifizierung. Gemeint ist nicht, dass diese Menschen gar keine Freundschaften wollen. Vielmehr bewerteten sie soziale Beziehungen eher danach, was andere für sie leisten, ermöglichen oder strategisch bedeuten können. Dieser Befund passt zu der Idee, dass Gier ein allgemeiner Erwerbsmodus ist. Er kann sich auf Geld richten, aber auch auf Status, Kontakte und Vorteile im sozialen Umfeld. Frühere Forschung-und-Wissen-Beiträge zu Einsamkeit zeigen bereits, warum fehlende soziale Einbindung nicht nur unangenehm ist, sondern auch gesundheitlich relevant sein kann.
Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass gierige Menschen automatisch keine Freunde haben oder jede Beziehung berechnend führen. Einige Effekte waren nicht in allen Studien gleich stark, und die Dauer enger Beziehungen oder die Gesprächshäufigkeit unterschied sich nicht zuverlässig. Gerade diese Einschränkung ist wichtig, weil sie den Befund präziser macht. Gier scheint nicht einfach die Zahl der Kontakte oder die Länge von Freundschaften zu erklären. Auffälliger ist die Qualität der Wahrnehmung. Wer stärker nach Nutzen sortiert, kann Kontakte pflegen und trotzdem weniger Verbundenheit erleben. In einer zusätzlichen Analyse blieb vor allem der Zusammenhang mit Einsamkeit bestehen, auch wenn breitere Persönlichkeitsmerkmale berücksichtigt wurden. Damit geht es nicht um eine einfache Charakterdiagnose, sondern um einen möglichen Mechanismus, der soziale Nähe schwächt, obwohl nach außen ein aktives Netzwerk vorhanden sein kann.
Für die Forschung verschiebt die Studie den Blick auf Gier deutlich. Bisher stand oft im Vordergrund, ob gierige Menschen in ökonomischen Spielen mehr für sich behalten, riskanter investieren oder stärker nach materiellen Vorteilen suchen. Die neuen Daten zeigen, dass dieselbe Grundhaltung auch in sozialen Räumen wirksam sein kann. Freundschaften lassen sich jedoch nicht wie Gegenstände ansammeln, weil sie wechselseitige Anerkennung, Zeit und emotionale Verlässlichkeit benötigen. Wenn andere Menschen stärker als Mittel zum Zweck erscheinen, kann das kurzfristig strategisch wirken, langfristig aber Beziehungszufriedenheit und Vertrauen belasten. Das passt zu Befunden über belastende Beziehungen, die zeigen, dass soziale Qualität messbare Folgen haben kann. Die Autoren betonen dennoch, dass vor allem Längsschnittdaten und dyadische Studien nötig sind, um Ursache und Wirkung genauer zu trennen.
Gesellschaftlich ist der Befund brisant, weil moderne Netzwerke oft sichtbar, zählbar und vergleichbar sind. Kontakte, Reichweite, berufliche Verbindungen und Statussignale können dadurch wie Ressourcen erscheinen, die man erweitern und optimieren kann. Die Studie legt nahe, dass genau diese Logik eine psychologische Kostenstelle haben kann. Gier nach Geld, Macht oder Kontrolle endet nicht zwingend beim Besitz, sondern kann die Art verändern, wie Menschen Nähe interpretieren. Entscheidend ist dabei nicht moralische Verurteilung, sondern die empirische Frage, welche Motivationen stabile Beziehungen tragen und welche sie aushöhlen. Wer Freundschaft vor allem als Zugriff auf Vorteile versteht, erhält möglicherweise ein größeres Netzwerk, aber weniger echte Verbundenheit. Die aktuelle Forschung macht damit sichtbar, warum ein Leben mit vielen Kontakten nicht automatisch ein sozial erfülltes Leben ist.
Social Psychological and Personality Science, Friends as Tools: Exploring the Role of Dispositional Greed in Social Relationships; doi:10.1177/19485506251324692