Dennis L.
Nach dem Ende der fruchtbaren Jahre galt der Eierstock in der Reproduktionsbiologie lange als weitgehend nutzlos, vergleichbar mit einem stillgelegten Organ. Eine neue Untersuchung an Mäusen widerspricht dieser Annahme deutlich. Das Gewebe bleibt demnach molekular hochaktiv und verändert sein Profil grundlegend, statt einfach zu verstummen. Was dort geschieht, könnte erklären, warum viele Frauen nach der Menopause anfälliger für entzündungsgetriebene Alterserkrankungen sind. Die Ergebnisse verschieben den Blick auf ein Organ, das rund die Hälfte des weiblichen Lebens ohne erkennbare Aufgabe zu überdauern schien.
Der Eierstock ist eines der Organe, die im menschlichen Körper am frühesten altern. Frauen kommen mit etwa ein bis zwei Millionen unreifen Eizellen zur Welt, von denen im Lauf des Lebens nur rund 400 bis 500 heranreifen. Ist dieser Vorrat erschöpft, endet die fruchtbare Phase, typischerweise um das fünfzigste Lebensjahr. Als Menopause gilt der Zeitpunkt, an dem zwölf aufeinanderfolgende Monate ohne Regelblutung vergangen sind. Danach fällt die Produktion der Sexualhormone stark ab, was mit einem erhöhten Risiko für Osteoporose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und kognitive Einbußen verbunden ist. Was mit dem Organ selbst nach diesem Übergang passiert, blieb dagegen erstaunlich unerforscht. Die gängige Lehrmeinung sah in ihm eine leere Hülle, die keine relevante Funktion mehr erfüllt. Weil die Lebenserwartung steigt, das Alter bei der Menopause aber weitgehend konstant bleibt, verbringen immer mehr Frauen Jahrzehnte in dieser Lebensphase.
Genau in dieser Wissenslücke setzt die neue Arbeit an. Im Zentrum steht die Frage, ob der Eierstock nach dem Ende der Eizellreifung tatsächlich inaktiv wird oder ob er sich in seiner biologischen Rolle verändert. Ein Schlüsselbegriff dabei ist die zelluläre Seneszenz, also ein Zustand, in dem Zellen sich nicht mehr teilen, aber stoffwechselaktiv bleiben und entzündungsfördernde Botenstoffe abgeben. Solche Zellen sammeln sich mit dem Alter in vielen Geweben an und gelten als Treiber altersbedingter Beschwerden. Parallel dazu nimmt im alternden Ovar die Fibrose zu, bei der Bindegewebe und Kollagen zunehmend Raum einnehmen. Ob aus dieser Kombination lediglich ein passiver Verfall entsteht oder ein Organ mit neuer Funktion, ließ sich bisher nicht beantworten. Neue Methoden der Genaktivitätsmessung erlauben es inzwischen, solche Übergänge im Gewebe präzise nachzuzeichnen.
Ein Team um die Reproduktionsbiologin Francesca Duncan von der Feinberg School of Medicine der Northwestern University in Chicago untersuchte dafür Eierstöcke von Mäusen in drei Altersgruppen, mit Erstautorin Aubrey Converse. Die Tiere waren zwei Monate, achtzehn Monate und vierundzwanzig Monate alt und deckten damit die fruchtbare Phase, das reproduktive Altern und den postreproduktiven Zustand ab. Bei Mäusen endet die Eizellproduktion nach etwa zwei Lebensjahren, ohne den scharfen Östrogenabfall, den Menschen erleben, aber mit vergleichbaren Gewebeveränderungen. Jeweils ein Eierstock wurde histologisch analysiert, der andere einer RNA-Sequenzierung unterzogen, um die Genaktivität abzubilden. Wie das Team in der Fachzeitschrift Molecular Human Reproduction darlegt, gingen Marker für Eizellreifung und Hormonproduktion mit dem Alter erwartungsgemäß deutlich zurück, während die Organe älterer Tiere stärker fibrosiert waren.
Der eigentliche Befund lag jedoch im Transkriptom, also im Muster der abgelesenen Gene. Statt eines allgemeinen Herunterfahrens zeigten die postreproduktiven Eierstöcke ein eigenständiges Aktivitätsprofil, das sich klar von jenem junger Tiere unterschied. Immunzellen durchsetzten das Gewebe, und Signalwege des Immunsystems traten in den Vordergrund. Das Organ wirkt damit weniger wie ein erschöpfter Rest der Fortpflanzung, sondern eher wie eine Struktur mit immunähnlicher Identität. Frühere Arbeiten derselben Arbeitsgruppe zu alternden Zellen in menschlichem Ovargewebe deuten in dieselbe Richtung, sind bislang aber noch nicht abschließend begutachtet. Die Ergebnisse fügen sich in ein Forschungsfeld ein, das Entzündung als gemeinsamen Nenner vieler Alterungsprozesse begreift.
Wenn der postreproduktive Eierstock entzündungsfördernde Signale in den Blutkreislauf abgibt, könnte er über hormonelle und lokale Wege auf die Alterung des gesamten Körpers einwirken. Duncan formuliert dazu die Hypothese, dass eine solche chronische Entzündung erklären helfen könnte, warum Frauen im Alter häufiger gesundheitliche Beschwerden entwickeln als Männer, obwohl sie statistisch länger leben. Bestätigt sich der Mechanismus beim Menschen, ergäben sich womöglich neue Ansatzpunkte, um entzündliche und altersassoziierte Erkrankungen gezielt zu beeinflussen. Besondere Relevanz hätte das für Frauen, denen die Eierstöcke aus medizinischen Gründen entfernt wurden, denn dieser Eingriff steht bereits mit Folgen für Prozesse im Gehirn in Verbindung. Der Ansatz verschiebt die Frage weg von der reinen Hormonersatztherapie hin zu den Geweben selbst.
Zugleich sind die Einschränkungen klar zu benennen. Die zentralen Daten stammen aus Mäusen, deren Menopause der menschlichen nur teilweise ähnelt, weil der abrupte Östrogenabfall fehlt. Ein verändertes Genaktivitätsmuster belegt außerdem noch keine schädliche Wirkung auf entfernte Organe; ob tatsächlich Entzündungsbotenstoffe in relevanter Menge in den Kreislauf gelangen und dort messbare Folgen haben, muss erst gezeigt werden. Erforderlich sind Untersuchungen an menschlichem Gewebe über verschiedene Lebensphasen hinweg, was praktisch schwierig ist, weil gesunden jungen Frauen keine Eierstöcke entnommen werden. Unabhängige Fachleute bewerten den Perspektivwechsel dennoch als bedeutsam, weil er ein bislang als funktionslos abgeschriebenes Organ wieder in den Fokus der Alternsforschung rückt. Die nächsten Schritte betreffen die Frage, welche Immunzelltypen genau einwandern und welche Botenstoffe sie freisetzen.
Molecular Human Reproduction, The post-reproductive ovary shifts from a reproductive to an immune-like organ; doi:10.1093/molehr/gaag038