Atemsteuerung

Mediziner testen Pille gegen Schlafapnoe

 Dennis L.

(KI Symbolbild). Eine Pille gegen Schlafapnoe könnte die Behandlung einer häufigen Atemstörung verändern, bei der die oberen Atemwege im Schlaf wiederholt kollabieren. Neue Studiendaten zeigen, wie stark ein medikamentöser Ansatz Atemaussetzer und Sauerstoffmangel beeinflussen kann. Für Patienten, die eine Atemmaske nicht dauerhaft nutzen können, wäre das ein wichtiger neuer Therapieansatz. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 

Mediziner haben eine Pille gegen Schlafapnoe in einer großen Phase-3-Studie getestet. Der Wirkstoffkandidat AD109 soll nicht wie eine CPAP-Maske mechanisch Luftdruck erzeugen, sondern die Muskelsteuerung im oberen Atemweg beeinflussen. Die aktuellen Daten zeigen weniger Atemaussetzer und eine bessere Sauerstoffversorgung während des Schlafs. Noch ist die Tablette nicht zugelassen, doch die Ergebnisse markieren einen wichtigen Schritt für Patienten, die mit Maskentherapien nicht zurechtkommen.

Schlafapnoe gehört zu den häufigen, aber oft unterschätzten Atemstörungen des Menschen. Bei der obstruktiven Schlafapnoe erschlaffen im Schlaf Strukturen im Rachen so stark, dass die oberen Atemwege wiederholt teilweise oder vollständig blockiert werden. Dadurch sinkt der Luftstrom, der Sauerstoffgehalt im Blut kann abfallen, und das Gehirn reagiert mit kurzen Weckreaktionen, die Betroffene am nächsten Morgen oft nicht bewusst erinnern. Trotzdem wird der Schlaf fragmentiert, die nächtliche Erholung nimmt ab, und der Körper steht wiederholt unter Stress. Die Standardtherapie ist bisher häufig eine CPAP-Maske, die mit kontinuierlichem Überdruck die Atemwege offenhält. Sie kann sehr wirksam sein, wird aber nicht von allen Patienten langfristig akzeptiert. Druckgefühl, trockene Schleimhäute, Geräusche, Hautreizungen oder das Schlafen mit Maske führen dazu, dass ein Teil der Patienten die Behandlung abbricht oder gar nicht erst beginnt.

Genau an dieser Lücke setzt AD109 an. Die Tablette kombiniert Aroxybutynin 2,5 mg mit Atomoxetin 75 mg und wird als einmal täglich einzunehmender Wirkstoffkandidat vor dem Schlafengehen entwickelt. Anders als eine Maske soll AD109 die Atemwege nicht von außen offenhalten, sondern die neuromuskuläre Kontrolle im Rachen verbessern. Das Ziel ist eine stärkere Aktivierung der Muskeln, die den oberen Atemweg im Schlaf stabilisieren. Die neue SynAIRgy Phase-3-Studie untersuchte deshalb Erwachsene mit leichter, moderater oder schwerer obstruktiver Schlafapnoe, die eine positive Atemdrucktherapie nicht vertrugen oder ablehnten. Für die Gesundheit ist dieser Ansatz relevant, weil unbehandelte nächtliche Atemaussetzer mit Sauerstoffmangel, Tagesmüdigkeit und langfristigen Belastungen für Herz, Stoffwechsel und Gehirn verbunden sein können.

AD109 senkt den AHI in einer großen Studie

In der SynAIRgy-Studie wurden 646 Erwachsene an 69 Zentren in den U.S.A. und Kanada untersucht. Die Teilnehmer hatten im Mittel einen Apnoe-Hypopnoe-Index, kurz AHI, von 19,6 Ereignissen pro Stunde und damit überwiegend eine milde bis moderate obstruktive Schlafapnoe. Der AHI beschreibt, wie oft die Atmung pro Stunde Schlaf deutlich reduziert ist oder aussetzt. Nach 26 Wochen zeigte AD109 gegenüber Placebo eine statistisch signifikante Verringerung dieses Werts. Die modellierte Abnahme lag bei 44,1 Prozent unter AD109 und bei 17,6 Prozent unter Placebo. Der direkte Behandlungsunterschied entsprach 4,0 Ereignissen pro Stunde weniger. Zusätzlich verbesserten sich Messwerte zur Sauerstoffversorgung, darunter der Sauerstoffentsättigungsindex und die hypoxische Belastung. Damit zeigen die Daten nicht nur eine Veränderung einzelner Atemereignisse, sondern auch eine Wirkung auf den Sauerstoffmangel, der viele gesundheitliche Folgen der Erkrankung mitbestimmt.

Die Tablette ersetzt die Maske noch nicht

Die Daten machen AD109 zu einem der interessantesten medikamentösen Ansätze gegen Schlafapnoe, sie bedeuten aber noch keinen allgemeinen Ersatz für die CPAP-Maske. Die Studie untersuchte gezielt Patienten, die eine positive Atemdrucktherapie nicht nutzen konnten oder nicht nutzen wollten. Für Menschen, die mit einer CPAP-Maske gut zurechtkommen, bleibt der direkte Vergleich deshalb offen. Zudem war die Wirkung auf die selbst berichtete Müdigkeit in der Gesamtgruppe nicht eindeutig stärker als unter Placebo, obwohl Patienten mit ausgeprägteren Symptomen zu Studienbeginn stärker profitieren könnten. Auch die Verträglichkeit bleibt ein wichtiger Punkt. In der Studie brachen 21,2 Prozent der Teilnehmer unter AD109 die Behandlung wegen Nebenwirkungen ab, während es unter Placebo 3,1 Prozent waren. Häufig traten Mundtrockenheit, Übelkeit, Schlaflosigkeit und Probleme beim Wasserlassen auf. Schwere behandlungsbedingte Nebenwirkungen wurden nicht berichtet, doch die Abbruchrate zeigt, dass eine Tablette nicht automatisch die einfachere Lösung für jeden Patienten ist.

FDA prüft mögliche Zulassung

Der Hersteller Apnimed hat für AD109 inzwischen einen Zulassungsantrag bei der U.S. Food and Drug Administration eingereicht. Das Unternehmen verweist auf zwei abgeschlossene Phase-3-Studien und beschreibt AD109 als potenziell erste orale Pharmakotherapie, die direkt an der neuromuskulären Ursache des Atemwegskollapses ansetzt. Laut Apnimed wird ein mögliches Entscheidungsdatum im ersten Quartal 2027 erwartet, sofern der Antrag zur Prüfung angenommen wird. Für Patienten in Deutschland ist damit noch keine kurzfristige Verfügbarkeit verbunden, weil eine mögliche europäische Zulassung getrennt erfolgen müsste. Medizinisch bleibt die Entwicklung dennoch bedeutsam. Wenn AD109 zugelassen wird, könnte die Behandlung der obstruktiven Schlafapnoe erstmals stärker zwischen Maske, Zahnschiene, operativen Verfahren, Gewichtsreduktion und medikamentöser Atemwegsstabilisierung differenzieren. Die entscheidende Frage wird sein, für welche Patientengruppen der Nutzen die Nebenwirkungen klar überwiegt.

American Journal of Respiratory and Critical Care Medicine, Aroxybutynin and atomoxetine (AD109) for obstructive sleep apnea: a randomized phase 3 trial (SynAIRgy); doi:10.1093/ajrccm/aamag215

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