Von: Dennis L.
Urlaub

Warum kommt uns der Rückweg kürzer vor?

Wer kennt es nicht: Grade noch im Urlaub, schon wieder auf dem Rückweg. Trotz stundenlangem Stau kommt man zu Hause an und denkt sich: „Hey, schön wieder daheim zu sein. Das ging doch schneller als vermutet.“ Aber warum kommt einem der Rückweg immer schneller vor als der Hinweg?

Der Rückweg, gerade aus dem Urlaub, kommt einem immer kürzer vor als der Hinweg. Aber warum ist das so?
© Th. Reinhardt / pixelio.de

Kyoto (Japan). Diese Erfahrung ist auch als der „Rückreise Effekt“ (return trip effect) bekannt. Sehr oft haben Menschen den Eindruck, dass der Rückweg, obwohl er die exakt selbe geographische Länge überbrücken musste, merklich schneller von Statten ging und weniger Zeit in Anspruch nahm als der Hinweg. Das stimmt natürlich nicht. Davon ausgehend, dass alle die Reise beeinflussenden Faktoren absolut identisch sind, also selbe Strecke, selbe Distanz, selbe Geschwindigkeit, keine Verzögerungen und die selbe Anzahl an Pausen während der Reise, dann ist auch die Dauer der Fahrt annähernd gleich. Dennoch fühlt sich der Rückweg kürzer an. Woran liegt dies? Die Antwort darauf ist: Zeit. Nicht Zeit an sich, sondern die menschliche Wahrnehmung von Zeit. Eine kürzlich von PLOS ONE veröffentlichte Studie zu diesem Thema ist nur eine von vielen, die sich immer tiefer damit auseinandersetzen, wie das menschliche Gehirn Zeit verarbeitet und interpretiert.

Auch der return trip effect ist keine Neuentdeckung im Rahmen dieser Forschungen. Um die mit ihm einhergehende Erfahrung besser verstehen zu können, hier einige Punkte zum derzeitigen Stand der Forschung:

  • Bekanntheit: Wer seinen Weg kennt und auf eventuelle Schwierigkeiten vorbereitet ist, der geht mit einem größeren Gefühl der Sicherheit auf die Reise. Wenn Unvorhergesehenes eintritt, also fremde Stimuli auf uns einprallen, dann nehmen wir Zeit plötzlich langsamer wahr.
  • Übererwartung: Wer eine Reise beginnt, der tut dies meist mit optimistischen Erwartungen. Auch nur kurze Verzögerungen entfernen uns weiter von dem Ziel als erhofft und werden dadurch als deutlich länger wahrgenommen. Auch beim Rückweg kalkulieren wir diese Verzögerungen ein, haben aber dennoch den Eindruck, dass weniger Zeit vergeht.
  • Zeitliche Relevanz: Wer einen Termin einzuhalten hat, ist sich Zeit allgemein viel bewusster und reagiert empfindlich auf Verzögerungen. Dies ist auf einem Hinweg eher der Fall als auf dem Rückweg. Auf letzterem besteht weniger Druck, weniger Notwendigkeit Termine einzuhalten. Durch diese entspannte Haltung, nehmen wir auch Zeit viel entspannter wahr.

Aber das ist noch lang nicht alles. Ryosuke Ozawa von der Universität Kyoto und sein Team haben Teilnehmer ihrer Untersuchung simulierte Reisen unternehmen lassen. Zu diesem Zweck wurden den Untersuchungsteilnehmern 20 minütige Videos von Personen vorgespielt, die zu Fuß zu einem Ziel gingen. Die Videos zeigten entweder Rundreisen oder nur einen Weg. Denjenigen, denen Videos mit nur dem Hinweg gezeigt wurden, bekamen zusätzlich noch ein weiteres Video vorgespielt, in dem alternative Routen hin und vom Ziel weg aufgeführt wurden.

Unabhängig von der Art des Videos wurden die Teilnehmer gebeten anzugeben, wann ihrer Meinung nach drei Minuten vergangen waren, ohne dabei auf die Uhr zu sehen. Beiden Gruppen nahmen den Zeitfluss auf die gleiche Art wahr. Wenn sie aber gebeten wurden den simulierten Weg zu reflektieren wurden Unterschiede in dieser Wahrnehmung offenkundig. Der kontextualisierte Eindruck von Zeit innerhalb der eigenen Erzählung ist nämlich an eine bestimmte Region im menschlichen Gehirn gekoppelt – und genau diese kann betrogen werden.

Die innere Uhr

Unsere Gehirne messen Zeit auf unterschiedliche Arten. Zum einen werden Neuronen in genauen Intervallen abgefeuert und diese Intervalle werden über bestimme zeitliche Abläufe hin gezählt. Hierzu aber ist Bewusstsein für Zeit von Nöten. Zum anderen verlangen die Momente, in denen Zeit eine wichtige Rolle spielt, von uns erhöhte Achtsamkeit auf den Verbrauch an Zeit. Je mehr Aufmerksamkeit wir aber auf Zeit verwenden, desto langsamer scheint sie zu verstreichen. Dies wird „prospective timing“ (zu Deutsch: voraussehender Zeitablauf) genannt. Aber auch durch Erinnerung und sprachliche Prozesse kann unser Gehirn Zeit messen. Wenn beispielsweise jemand fragt, wie lang ein Film war, dann kommen (ohne die richtige Antwort zu wissen) viele Faktoren ins Spiel. War der Film unterhaltsam? Mussten wir im Vorfeld bereist warten bis die ersehnte Begleitung eingetroffen war? Dies ist als „retrospective timing“ (zu Deutsch: rückblickender Zeitablauf) bekannt und hier kommen eben extrem viele Faktoren hinzu, die das Ergebnis beeinflussen.

All diejenigen Teilnehmer der Studie nun, die das Video mit der Rundreise vorgeführt bekamen, konnten nun in vielen Fällen gar keinen Rückweg erkennen. Sie hatten also nicht den Eindruck bereits Erlebtes noch einmal zu erfahren und entsprechend vorbereitet zu sein. Die Teilnehmer, denen nur der Hinweg und die Auswahl an Rückwegen vorgeführt wurden, hatten nun den Eindruck extrem gut auf kommendes vorbereitet zu sein. Ihnen kam also der erkannte Rückweg kürzer vor, denn erwartete Komplikationen blieben aus oder waren direkt mental eingeplant.

Folgen Sie uns
Oft gelesen