Dennis L.
Wenn Menschen sich frei durch einen offenen Raum bewegen, folgen sie offenbar einer verborgenen Regel, die kaum jemandem bewusst ist. Ein internationales Forschungsteam wertete Videoaufnahmen von Fußgängern in Spanien und Japan aus und stieß dabei zufällig auf ein verblüffend stabiles Bewegungsmuster. In 32 von 33 Versuchsdurchläufen drifteten die Gruppen in dieselbe Richtung, unabhängig von Kultur, Geschlecht oder Alter. Die Forschenden prüften mehrere naheliegende Erklärungen, doch keine hielt der Analyse stand. Warum der menschliche Körper diese Vorliebe zeigt, bleibt bislang ein offenes Rätsel.
Wie sich Menschen durch den Raum bewegen, erscheint im Alltag chaotisch und zufällig, folgt tatsächlich aber erstaunlich klaren Regeln. Die Erforschung solcher Abläufe gehört zur Fußgängerdynamik, einem Feld zwischen Physik, Psychologie und Ingenieurwissenschaft, das untersucht, wie Einzelpersonen und Gruppen ihre Wege wählen, einander ausweichen und spontan geordnete Muster bilden. Schon lange ist bekannt, dass sich in dichten Strömen selbstorganisierte Spuren herausbilden, in denen Menschen hintereinander in dieselbe Richtung ziehen. Auch das Ausweichverhalten ist regional geprägt, denn in Mitteleuropa weichen Fußgänger einander meist nach rechts aus, in Japan dagegen häufig nach links. Ein zentrales Bewegungsmuster blieb jedoch lange unbeachtet, weil es sich erst zeigt, wenn keine Zielvorgabe, kein Verkehr und keine Enge das Verhalten dominieren. Genau dieser Fall stand nun im Mittelpunkt einer neuen Untersuchung.
Interessant wird die Frage vor allem deshalb, weil viele Bewegungen des Menschen unbewusst ablaufen und dennoch messbaren Gesetzmäßigkeiten folgen. Wer eine belebte Fläche überquert, trifft Dutzende kleiner Entscheidungen, ohne darüber nachzudenken, in welche Richtung der Körper sich dreht oder auf welche Seite er ausweicht. Solche automatisierten Abläufe entstehen aus einem Zusammenspiel von Wahrnehmung, Gleichgewicht, Muskelsteuerung und erlernten Gewohnheiten. Für die Planung von Bahnhöfen, Stadien oder Fußgängerzonen ist es entscheidend, diese verborgenen Neigungen zu kennen, denn schon kleine Verschiebungen in der Bewegungspräferenz einer Menschenmenge können darüber entscheiden, ob eine Fläche flüssig durchströmt wird oder ob sich gefährliche Staus bilden. Wenn eine solche Neigung tatsächlich universell auftritt, ließe sie sich gezielt für sichereres und angenehmeres Design nutzen. Genau hier setzt die neue Studie an.
Entdeckt wurde das Muster eher beiläufig. Während der Corona-Pandemie untersuchten Forschende um Iñaki Echeverría-Huarte von der Universidad de Navarra ursprünglich, wie Menschen im öffentlichen Raum Abstand halten, um Empfehlungen zum Infektionsschutz zu prüfen. Eine Drohne filmte dazu Gruppen von oben, während die Teilnehmer sich frei bewegen sollten. Bei der Auswertung fiel auf, dass sich die Gruppen in 32 von 33 Versuchsdurchläufen bevorzugt gegen den Uhrzeigersinn drehten, also nach links. Für rund 80 Prozent der Personen trat dieser Linksdrall fast unmittelbar auf. Die Beobachtung war so unerwartet, dass das Team ihr systematisch nachging und die Ergebnisse im Fachjournal Nature Communications vorstellte, wo die Auswertung von fünf Experimenten mit insgesamt 573 Teilnehmern dokumentiert ist. Das Muster erwies sich als robust und blieb auch dann bestehen, wenn die Bedingungen verändert wurden.
Um auszuschließen, dass es sich nur um eine örtliche Eigenheit handelt, wiederholten die Wissenschaftler vergleichbare Versuche in Spanien und in Japan. Obwohl sich die Verkehrsführung und das übliche Ausweichverhalten in beiden Ländern deutlich unterscheiden, zeigte sich dieselbe Tendenz zur Linksdrehung. Auch die Händigkeit lieferte keine Erklärung, denn Rechts- wie Linkshänder verhielten sich ähnlich, und selbst Fuß- und Augendominanz führten zu keinem Unterschied. Geschlecht und soziale Gruppendynamik spielten ebenfalls kaum eine Rolle. Lediglich das Alter zeigte einen kleinen Effekt, denn bei Kindern und Jugendlichen trat das Bewegungsmuster besonders deutlich hervor, was gegen eine rein kulturell erlernte Ursache spricht. Wichtig ist zudem, dass die Neigung auf individueller Ebene entsteht und nicht erst durch das Zusammenspiel vieler Personen, anders als etwa bei extremer Dichte, in der sich eine Menschenmenge zeitweise wie eine zähe Flüssigkeit verhält.
Auch wenn die Ursache noch ungeklärt ist, finden sich im Alltag zahlreiche Spuren dieser Vorliebe. Laufwettbewerbe in Stadien sowie viele Auto- und Pferderennen werden traditionell gegen den Uhrzeigersinn ausgetragen, und auch Supermärkte führen ihre Kundschaft oft in dieser Drehrichtung durch die Regale. Ob diese Konventionen den natürlichen Hang widerspiegeln oder ihn nur zufällig treffen, lässt sich derzeit nicht abschließend sagen. Als mögliche Ursachen nennen die Forschenden neurologische oder biomechanische Faktoren, etwa eine leichte Asymmetrie in der Steuerung von Gleichgewicht und Schrittfolge, die bislang kaum untersucht wurde. Einige Autoren vermuten sogar ein tieferliegendes biologisches Prinzip der Symmetriebrechung. Dass der Mensch über weitere unbewusste Orientierungsleistungen verfügt, zeigt die Debatte um einen möglichen magnetischen Orientierungssinn, der ebenfalls kaum spürbar im Hintergrund wirkt. Künftige Experimente, etwa in virtuellen Umgebungen, sollen nun klären, woher der Drang nach links stammt.
Nature Communications, Individual locomotor bias drives counterclockwise motion in pedestrian crowds; doi:10.1038/s41467-026-73713-w