Dennis L.
Gemeinsame Abendessen, geteilte Erinnerungen und Vorfreude auf kommende Erlebnisse gelten seit Langem als Kitt vieler Partnerschaften. Eine neue Studie der University of Illinois mit 589 Teilnehmern liefert dafür nun erstmals systematische Daten zum sogenannten Joint Savoring. Das bewusste gemeinsame Auskosten glücklicher Momente hängt demnach messbar mit weniger Streit und höherer Beziehungszufriedenheit zusammen. Warum dieser Effekt ausgerechnet in stressigen Lebensphasen besonders wichtig wird, zeigt ein genauer Blick auf die Ergebnisse.
In der Psychologie beschreibt der Begriff Savoring die Fähigkeit, positive Erlebnisse bewusst wahrzunehmen, auszukosten und gedanklich zu verlängern. Menschen genießen dabei entweder den gegenwärtigen Moment, erinnern sich gezielt an schöne Erfahrungen oder freuen sich aktiv auf kommende Ereignisse. Zahlreiche Untersuchungen haben in den vergangenen Jahren gezeigt, dass dieses bewusste Genießen das individuelle Wohlbefinden steigert, negative Gefühle abschwächt und die psychische Gesundheit stabilisiert. Bislang betrachtete die Forschung Savoring jedoch überwiegend als persönliche Eigenschaft einzelner Personen. Weitgehend offen blieb die Frage, was geschieht, wenn zwei Partner glückliche Momente gemeinsam auskosten, also als Paar über schöne Erlebnisse sprechen, gemeinsame Erinnerungen wachrufen oder Vorfreude teilen. Genau an diesem Punkt setzt eine neue Untersuchung aus den USA an, die das sogenannte Joint Savoring erstmals systematisch in romantischen Beziehungen vermessen hat.
Für die Paarforschung ist diese Perspektive interessant, weil stabile Beziehungen nicht allein vom Umgang mit Konflikten abhängen, sondern auch davon, wie Partner positive Erfahrungen miteinander teilen und verarbeiten. Viele klassische Studien konzentrieren sich auf Streitverhalten, Kommunikationsfehler oder Trennungsrisiken, während die aktive Pflege des Positiven lange ein Randthema blieb. Dabei zeigen Befragungen immer wieder, dass Alltagsstress durch Beruf, Finanzen oder familiäre Verpflichtungen zu den größten Belastungen für eine Partnerschaft gehört. Ein Verhalten, das Paare mit geringem Aufwand selbst steuern können und das zugleich Zufriedenheit erhöht und Stressfolgen abfedert, hätte deshalb erheblichen praktischen Wert. Die neue Untersuchung liefert dazu nun konkrete Zahlen aus einer vergleichsweise großen Stichprobe und beschreibt zugleich, unter welchen Bedingungen der Effekt am stärksten ausfällt.
Ein Forscherteam um den Psychologen Noah Larsen von der University of Illinois Urbana-Champaign hat für die Untersuchung 589 Erwachsene aus den gesamten USA online befragt. Wie aus einer Mitteilung der University of Illinois hervorgeht, stammten die Teilnehmer aus einem größeren Projekt zur Resilienz romantischer Beziehungen. Erfasst wurde mit einer eigens angepassten Skala namens Joint Savoring in Romantic Relationships, wie häufig Paare positive Erlebnisse in ihrer Partnerschaft bewusst gemeinsam auskosten. Die Skala basiert auf dem etablierten Savoring Beliefs Inventory, das individuelles Genießen misst. Zusätzlich beantworteten die Probanden Fragen zur Zufriedenheit mit dem Partner, zur Häufigkeit von Konflikten in der Kommunikation und zur Zuversicht, dass die Beziehung dauerhaft halten wird. Auch der empfundene Stress im zurückliegenden Monat, die Lebensqualität, der allgemeine Gesundheitszustand und die psychische Belastung wurden abgefragt.
Von den 589 Befragten waren mehr als 85 Prozent verheiratet, rund zehn Prozent verlobt und etwa vier Prozent in einer festen Datingbeziehung. Das Durchschnittsalter lag bei etwa 39 Jahren, etwas mehr als die Hälfte der Teilnehmer war weiblich und das typische Haushaltseinkommen bewegte sich zwischen 85.000 und 95.000 US-Dollar pro Jahr. Die jeweiligen Partner nahmen nicht an der Befragung teil, sodass alle Angaben auf der Einschätzung nur einer Person pro Paar beruhen. Insgesamt berichteten die Teilnehmer über vergleichsweise hohe Werte sowohl beim individuellen als auch beim gemeinsamen Auskosten positiver Erlebnisse und über eher geringe Stresswerte. Diese Zusammensetzung der Stichprobe ist für die Einordnung der Ergebnisse wichtig, denn sie bildet vor allem etablierte, überwiegend zufriedene Partnerschaften ab und nicht akut krisenhafte Beziehungen kurz vor einer möglichen Trennung.
Die Auswertung zeigt einen klaren Zusammenhang. Je häufiger Paare glückliche Momente gemeinsam auskosteten, desto seltener berichteten sie von Konflikten in der Kommunikation und desto höher fielen Beziehungszufriedenheit und die Zuversicht in eine gemeinsame Zukunft aus. Nach Angaben der Autoren brachte das geteilte Auskosten dabei die größten Vorteile für die Partnerschaft selbst, während es zusätzlich auch dem persönlichen Wohlbefinden und der Gesundheit der einzelnen Partner zugutekam. Erstautor Larsen zählt Joint Savoring deshalb zu den konkreten Verhaltensweisen, die Menschen gezielt einsetzen können, um ihre Beziehung stärken und langfristig pflegen zu können. Die Befunde ergänzen frühere Untersuchungen, die gezeigt haben, dass glückliche Paare vor allem in wenigen zentralen Punkten kompatibel sein müssen, während alltägliche gemeinsame Gewohnheiten in der Forschung bislang deutlich seltener im Mittelpunkt standen.
Besonders auffällig war der Effekt bei Teilnehmern, die über erhöhten Stress berichteten. In der im Fachjournal Contemporary Family Therapy publizierten Studie beschreiben die Autoren, dass gemeinsames Genießen in belasteten Lebensphasen wie ein Puffer wirkt und sowohl die Zuversicht in die Beziehung als auch die psychische Gesundheit schützt. Während hoher Stress normalerweise mit sinkender Zufriedenheit und wachsenden Zweifeln an der Partnerschaft einhergeht, blieb dieser negative Zusammenhang bei Paaren mit ausgeprägtem Joint Savoring deutlich schwächer. Koautor Allen Barton hebt hervor, dass solche Puffereffekte für die Praxis besonders wertvoll sind, weil sie Paaren greifbare Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, mit denen sich eine Beziehung auch unter erschwerten Bedingungen stabil halten lässt. Damit rückt ein Verhalten in den Fokus, das weder Geld noch therapeutische Begleitung erfordert und sich in nahezu jedem Alltag umsetzen lässt.
Als praktische Empfehlung nennen die Forscher ein bewusst eingeplantes gemeinsames Ritual, etwa einmal pro Woche. Paare können dabei über eine schöne Erinnerung aus der Anfangszeit ihrer Beziehung sprechen, ein Abendessen ohne Ablenkung genießen oder gemeinsam Vorfreude auf ein bevorstehendes Ereignis entwickeln. Gerade in stressigen Phasen sei es wichtig, solche Gespräche nicht ausfallen zu lassen, sondern gezielt Zeit dafür zu reservieren. Die Autoren weisen zugleich auf Einschränkungen ihrer Untersuchung hin. Da es sich um eine Querschnittsbefragung handelt, lässt sich nicht eindeutig klären, ob das gemeinsame Auskosten die Zufriedenheit erhöht oder ob zufriedene Paare schlicht häufiger genießen. Zudem beruhen alle Angaben auf Selbstauskünften nur eines Partners, und die Stichprobe war hinsichtlich Herkunft und Einkommen wenig divers. Längsschnittstudien mit beiden Partnern sollen die Befunde deshalb künftig überprüfen.
Contemporary Family Therapy, Joint Savoring in Romantic Relationships: Correlates and Protective Effects; doi:10.1007/s10591-025-09769-5