Ladenschluss

Handel fordert komplette Freigabe der Sonntagsöffnung in Deutschland

 Dennis L.

(KI Symbolbild). Der Handel fordert die vollständige Sonntagsöffnung für alle Geschäfte in Deutschland. Anlass ist ein aktueller Gesetzentwurf, der bislang nur Bäckereien und Bibliotheken längere Öffnungszeiten am Sonntag erlauben soll. In Ländern wie Schweden oder den Niederlanden sind offene Sonntage dagegen seit Langem Alltag. Studien zeigen, welche wirtschaftlichen und sozialen Folgen eine Freigabe tatsächlich hätte. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 

Die Diskussion um offene Geschäfte am Sonntag hat in Deutschland neue Fahrt aufgenommen. Handelsverbände fordern die vollständige Freigabe der Ladenöffnungszeiten und begründen dies mit einem veränderten Einkaufsverhalten sowie jährlichen Umsatzverlusten von rund 2,5 Milliarden Euro an internationale Onlineplattformen. Auslöser ist ein aktueller Gesetzentwurf, der bislang nur einzelnen Branchen längere Öffnungszeiten am Sonntag erlauben soll. Ein Blick auf mehrere Nachbarländer zeigt zudem, dass Deutschland mit seinem strengen Ladenschluss in Europa inzwischen eine Ausnahme darstellt.

In Deutschland gehört der weitgehend geschützte Sonntag seit mehr als einem Jahrhundert zum rechtlichen Fundament der Arbeitswelt. Die Verfassung garantiert den Sonntag als Tag der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung, weshalb der Einzelhandel seine Türen an diesem Tag grundsätzlich geschlossen halten muss. Zuständig für die konkreten Ladenöffnungszeiten sind seit der Föderalismusreform des Jahres 2006 die Bundesländer, die in eigenen Gesetzen festlegen, wie viele verkaufsoffene Sonntage pro Jahr zulässig sind. In den meisten Ländern liegt die Obergrenze zwischen vier und acht Terminen, die zudem an einen konkreten Anlass wie ein Stadtfest oder eine Messe gebunden sein müssen. Dieser Anlassbezug führt in der Praxis regelmäßig zu Rechtsstreitigkeiten, weil Gerichte bereits genehmigte Öffnungen kurzfristig wieder untersagen können. Für Händler bedeutet das erhebliche Planungsunsicherheit bei Personal, Logistik und Werbung.

Neu entfacht wurde die Debatte durch einen Referentenentwurf des Bundesarbeitsministeriums, der Anfang Juli 2026 vorgelegt wurde und einzelnen Branchen längere sonntägliche Öffnungszeiten zugestehen soll. Den Handelsverbänden geht diese punktuelle Lockerung nicht weit genug, sie verlangen stattdessen eine grundlegende Reform für alle Geschäfte. Die Forderung berührt einen alten gesellschaftlichen Konflikt, in dem wirtschaftliche Interessen, der verfassungsrechtliche Sonntagsschutz, die Belange der Beschäftigten und die Zukunft der Innenstädte gegeneinander abgewogen werden müssen. Während der Handel auf zusätzliche Umsätze, mehr Flexibilität für Kunden und belebte Stadtzentren hofft, warnen Gewerkschaften und Kirchen vor einer schleichenden Aushöhlung des freien Sonntags. Wie eine Freigabe wirken könnte, lässt sich an europäischen Nachbarländern ablesen, in denen Geschäfte teils seit Jahrzehnten an jedem Sonntag öffnen dürfen.

Referentenentwurf löst neue Debatte aus

Konkret sieht der Entwurf des Bundesarbeitsministeriums vom 1. Juli 2026 vor, dass Bäckereien und Konditoreien ab dem 1. Januar 2027 an Sonntagen bis zu acht Stunden verkaufen dürfen, während Bibliotheken künftig maximal sechs Stunden öffnen könnten. Der Handelsverband Deutschland setzt sich seit Jahren für verlässliche und rechtssichere Sonntagsöffnungen ein und bewertet den Entwurf deshalb nur als ersten Schritt. Hauptgeschäftsführer Stefan Genth verwies darauf, dass Einkaufen für viele Menschen inzwischen Teil der Freizeitgestaltung sei und offene Geschäfte die Innenstädte attraktiv und lebendig halten könnten. Auch der Handelsverband Berlin-Brandenburg unterstützt die Position und plädiert dafür, die Entscheidung über offene Sonntage künftig in das Ermessen von Kaufleuten und Kunden zu legen. Die Verbände fordern daher die vollständige Freigabe der Sonntagsöffnung für alle Branchen.

Hinter der Forderung steht auch die als widersprüchlich empfundene Rechtslage. Während Gastronomie, Kinos, Museen, Tankstellen und viele Industriebetriebe am Sonntag selbstverständlich arbeiten, bleibt dem stationären Handel der Verkauf weitgehend untersagt. Hinzu kommt, dass genehmigte Öffnungstermine in den vergangenen Jahren wiederholt durch Klagen der Gewerkschaft Verdi vor Verwaltungsgerichten gekippt wurden, teils nur wenige Tage vor dem geplanten Termin. Händler mussten in solchen Fällen bereits bezahlte Werbekampagnen abschreiben und kurzfristig ihre Personalplanung ändern, was insbesondere kleinere Betriebe finanziell belastet. Aus Sicht der Verbände wäre eine bundesweit einheitliche und vollständige Freigabe der Öffnungszeiten deshalb nicht nur eine wirtschaftliche Chance, sondern vor allem ein Gewinn an Rechtssicherheit, weil der bisherige Anlassbezug und die damit verbundenen Gerichtsverfahren entfallen würden. Ob die Bundesregierung den Entwurf entsprechend ausweitet, ist derzeit offen.

Milliardenpotenzial für Handel und Innenstädte

Wirtschaftlich argumentiert der Handel vor allem mit entgangenen Umsätzen. Nach Verbandsangaben verliert der stationäre Einzelhandel jährlich rund 2,5 Milliarden Euro an chinesische Onlineplattformen, die keinerlei zeitlichen Beschränkungen unterliegen, zudem sollen bereits etwa 40.000 Arbeitsplätze in der Branche weggefallen sein. Der Onlinehandel wächst seit Jahren dynamisch und bedient Kunden rund um die Uhr, während Ladengeschäfte am umsatzträchtigen Wochenende nur eingeschränkt verkaufen dürfen. Frühere Hochrechnungen des Handelsverbands bezifferten das Potenzial eines einzelnen offenen Sonntags auf bundesweit rund eine Milliarde Euro Umsatz, wobei ein Teil davon aus Verlagerungen von anderen Wochentagen und aus dem Internet stammen würde. Befürworter erhoffen sich darüber hinaus belebte Stadtzentren, in denen Einkaufen, Gastronomie und Kultur am Sonntag zu einem gemeinsamen Freizeiterlebnis verschmelzen und Leerstände seltener werden.

Die ökonomische Forschung stützt einige dieser Erwartungen zumindest teilweise. Eine Studie im Fachjournal Economic Inquiry ermittelte anhand von Daten aller deutschen Lebensmittelgeschäfte, dass die Freigabe der Öffnungszeiten an Werktagen die Beschäftigung um etwa 0,4 Mitarbeiter pro Geschäft und damit um rund vier Prozent erhöhte, getragen vor allem von Teilzeitstellen in größeren Filialen. Auch internationale Untersuchungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen: In Italien stieg die Beschäftigung im Handel nach einer regionalen Freigabe der Öffnungszeiten um rund drei Prozent, die Zahl der Geschäfte nahm um etwa zwei Prozent zu, und in Kanada wuchs die Beschäftigung nach der Erlaubnis des Sonntagsverkaufs ebenfalls messbar. Profiteure waren dabei allerdings überwiegend große Handelsketten, die zusätzliche Stunden personell leichter abdecken können als kleine Fachgeschäfte.

Sonntagsschutz und Kritik der Gewerkschaften

Gegner einer generellen Freigabe führen zunächst das Grundgesetz an, das den Sonntag über die übernommenen Artikel der Weimarer Verfassung ausdrücklich schützt und dem Bundesverfassungsgericht zufolge nur begrenzte Ausnahmen erlaubt. Die Gewerkschaft Verdi und die kirchlich getragene Allianz für den freien Sonntag warnen zudem, dass regelmäßige Sonntagsarbeit das Familienleben, das Ehrenamt und den Vereinssport beeinträchtigen würde, weil ein gemeinsamer freier Tag der gesamten Gesellschaft verloren ginge. Auch gesundheitliche Aspekte spielen in der Debatte eine Rolle, da Wochenendarbeit die Erholung erschweren kann und Studien die Erschöpfung von Beschäftigten stärker mit fehlendem Handlungsspielraum als mit reiner Stundenzahl verknüpfen. Kleine Händler befürchten außerdem steigende Personalkosten, die sie im Gegensatz zu großen Ketten kaum auffangen könnten.

Ökonomisch ist der Nutzen ebenfalls nicht eindeutig. Eine Analyse im Fachjournal European Economic Review zeigt anhand der deutschen Deregulierung der Jahre nach 2006, dass zwar die Beschäftigungswahrscheinlichkeit im Handel insgesamt stieg, der Zuwachs jedoch fast vollständig auf geringfügige Teilzeitjobs entfiel, während Beschäftigte in kleinen Betrieben seltener Arbeit fanden und insgesamt mehr Menschen weniger Stunden arbeiteten, als sie sich wünschten. Kritiker verweisen zudem darauf, dass die Kaufkraft der Haushalte durch zusätzliche Öffnungsstunden nicht wächst, sodass Umsätze vor allem zwischen Wochentagen, Anbietern und Vertriebskanälen verschoben würden. Einzelne Untersuchungen deuten sogar auf leicht steigende Preise hin, weil längere Öffnungszeiten die Betriebskosten je verkauftem Artikel erhöhen. Ob offene Sonntage die Verödung der Innenstädte tatsächlich stoppen können, gilt in der Forschung deshalb als offen.

Blick in andere europäische Länder

Wie eine liberalisierte Sonntagsöffnung im Alltag funktioniert, zeigt vor allem Skandinavien. Schweden schaffte sein Ladenschlussgesetz bereits im Jahr 1972 vollständig ab, seither entscheiden Händler völlig frei über ihre Öffnungszeiten, und große Supermärkte haben dort auch sonntags meist zwischen acht und zweiundzwanzig Uhr geöffnet. In den Niederlanden übertrug der Gesetzgeber die Entscheidung im Jahr 2013 den Kommunen, woraufhin nahezu alle größeren Städte den wöchentlichen Sonntagsverkauf einführten, häufig mit verkürzten Kernzeiten zwischen zwölf und achtzehn Uhr. Großbritannien wählte einen Mittelweg: Der Sunday Trading Act von 1994 erlaubt großen Geschäften mit mehr als 280 Quadratmetern Verkaufsfläche in England und Wales sonntags maximal sechs zusammenhängende Verkaufsstunden, kleinere Läden dürfen unbegrenzt öffnen, und in Schottland existieren überhaupt keine Beschränkungen. Negative Folgen für das gesellschaftliche Leben werden in diesen Ländern kaum noch diskutiert.

Es gibt allerdings auch eine gegenläufige Entwicklung. Polen führte ab dem Jahr 2018 schrittweise ein Sonntagsverkaufsverbot ein, das seit 2020 an fast allen Sonntagen gilt und nur noch wenige Ausnahmetermine pro Jahr zulässt, unter anderem vor Weihnachten und Ostern. Begründet wurde der Schritt mit dem Schutz der Beschäftigten und der Familien, während Kritiker auf Umsatzverschiebungen zugunsten von Tankstellen, kleinen Familienläden und dem Internet verweisen. Die Schweiz wiederum kennt ähnlich strenge Regeln wie Deutschland und erlaubt regulären Sonntagsverkauf nur in Tourismusgebieten und Bahnhöfen, Frankreich gestattet Ausnahmen vor allem in ausgewiesenen internationalen Touristenzonen großer Städte. Deutschland steht mit seiner restriktiven Linie in Europa also nicht völlig allein, gehört aber zu einer schrumpfenden Minderheit. Ob die Bundesregierung den aktuellen Entwurf über Bäckereien und Bibliotheken hinaus ausweitet, dürfte sich im weiteren Gesetzgebungsverfahren bis zum Jahreswechsel entscheiden.

European Economic Review, After work shopping? Employment effects of a deregulation of shop opening hours in the German retail sector; doi:10.1016/j.euroecorev.2015.08.011
Economic Inquiry, The Employment Effect of Deregulating Shopping Hours: Evidence from German Food Retailing; doi:10.1111/ecin.12394

Spannend & Interessant
VGWortpixel