Dennis L.
Millionen Menschen nutzen Melatonin als sanfte Einschlafhilfe. Eine umfangreiche Meta-Analyse aus Australien deutet nun darauf hin, dass das Schlafhormon auch chronische Muskel- und Gelenkschmerzen spürbar dämpfen könnte. Ausgewertet wurden 23 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 2028 Erwachsenen. Die berichtete Schmerzlinderung erreicht eine Größenordnung, die mit der gängiger Schmerzmittel vergleichbar ist. Fachleute mahnen dennoch zur Vorsicht bei der eigenmächtigen Einnahme.
Melatonin ist ein körpereigenes Hormon, das in der Zirbeldrüse im Gehirn gebildet wird und dem Organismus den Wechsel zwischen Tag und Nacht signalisiert. Bekannt ist es vor allem als Schlafhormon, das über die innere Uhr den nächtlichen Schlaf-Wach-Rhythmus steuert und in Form von Tabletten, Kapseln oder Pflastern beim Einschlafen helfen soll. Weniger im Blick der Öffentlichkeit steht, dass Melatonin auch entzündungshemmende und schmerzmodulierende Eigenschaften besitzt, die im Nervensystem und in verschiedenen Geweben wirken können. Chronische Schmerzen wiederum zählen zu den größten Herausforderungen der modernen Medizin, da rund ein Fünftel der Erwachsenen dauerhaft betroffen ist und viele auf Dauer Medikamente mit erheblichen Nebenwirkungen benötigen. Vor diesem Hintergrund rückt die Frage in den Fokus, ob ein gut verträglicher und weit verbreiteter Wirkstoff einen Teil dieser Last übernehmen kann.
Besonders relevant ist diese Frage angesichts der Risiken herkömmlicher Schmerztherapien. Nichtsteroidale Entzündungshemmer belasten bei langer Einnahme Magen, Nieren und das Herz-Kreislauf-System, während starke Opioide ein hohes Abhängigkeitspotenzial besitzen und in mehreren Ländern zu schweren gesundheitlichen Krisen beigetragen haben. Gleichzeitig ist seit Langem bekannt, dass Schlaf und Schmerz eng zusammenhängen, denn schlechter Schlaf verstärkt das Schmerzempfinden und anhaltende Schmerzen stören ihrerseits die Nachtruhe. Ein Wirkstoff, der beide Ebenen zugleich beeinflusst, wäre daher von großem praktischem Wert. Genau hier setzt die neue Auswertung an, die erstmals systematisch prüft, wie stark und wie sicher Melatonin bei muskuloskelettalen Beschwerden wirkt und wie sich der Effekt im Vergleich zu Placebos und zu aktiven Vergleichsmedikamenten einordnen lässt.
Ein Team um Kangchao Wu und Paulo Ferreira von der University of Sydney und der Edith Cowan University fasste die Daten aus 23 randomisierten kontrollierten Studien mit 2028 Erwachsenen zusammen. Die eingeschlossenen Untersuchungen stammen unter anderem aus den Vereinigten Staaten, Brasilien, China, Ägypten und dem Iran und umfassten Menschen mit Rückenschmerzen, Arthrose und Fibromyalgie sowie Patienten nach orthopädischen Operationen wie Gelenkersatz und Wirbelsäuleneingriffen. Die Teilnehmer erhielten täglich ein bis zehn Milligramm Melatonin über Zeiträume von wenigen Tagen bis zu drei Monaten. Wie die im Fachjournal PAIN veröffentlichte Meta-Analyse berichtet, sank die Schmerzintensität bei chronischen Beschwerden im Mittel um rund neun Punkte auf einer Skala von null bis hundert.
Diese Größenordnung ist bemerkenswert, weil sie ungefähr der Wirkung nichtsteroidaler Entzündungshemmer wie Ibuprofen entspricht. In den methodisch besonders belastbaren Studien fiel die gemessene Linderung mit knapp zehn Punkten sogar noch etwas höher aus. Zusätzlich verbesserte sich in mehreren Studien die Schlafqualität, was den bekannten Zusammenhang zwischen erholsamem Schlaf und geringerem Schmerzempfinden unterstreicht. Nach Angaben der beteiligten Forscher der University of Sydney ließe sich mit einem bereits gut verstandenen Wirkstoff möglicherweise die Abhängigkeit von risikoreicheren Präparaten verringern. Die verwendeten Dosen von ein bis zehn Milligramm galten dabei als gut verträglich, unerwünschte Wirkungen traten ähnlich häufig auf wie unter Placebo, und schwere Nebenwirkungen wurden nicht berichtet.
Trotz der ermutigenden Zahlen bleibt Zurückhaltung angebracht. Die eingeschlossenen Studien unterscheiden sich in Dosis, Dauer, Beschwerdebild und Qualität, sodass sich die Ergebnisse nicht bruchlos auf jeden einzelnen Patienten übertragen lassen. Für akute Schmerzen nach Operationen war die Datenlage weniger eindeutig als für chronische Beschwerden. Fachleute raten daher ausdrücklich von einer eigenmächtigen Selbstmedikation ab und empfehlen, eine mögliche Anwendung mit einer Ärztin oder einem Arzt zu besprechen, da Melatonin mit anderen Medikamenten wechselwirken kann und nicht für jeden geeignet ist. Dass sich chronische Schmerzen auch ohne Medikamente beeinflussen lassen, zeigt zudem die Forschung zu nichtmedikamentösen Verfahren, etwa wenn ein gezieltes Gehirntraining chronische Schmerzen dämpft.
Für die Praxis eröffnet die Auswertung dennoch eine interessante Perspektive, weil sie einen weithin verfügbaren Wirkstoff in ein neues Licht rückt und die Suche nach nebenwirkungsärmeren Alternativen zu klassischen Schmerzmitteln unterstützt. Die Autoren fordern weitere, größere und einheitlich angelegte Studien, um die optimale Dosierung, die geeignete Anwendungsdauer und die Wirkung bei einzelnen Krankheitsbildern genauer zu bestimmen. Auch die zugrunde liegenden Mechanismen im zentralen Nervensystem und in entzündeten Geweben müssen weiter aufgeklärt werden. Neben pharmakologischen Ansätzen gewinnen zugleich körpereigene Strategien an Bedeutung, wie Untersuchungen zeigen, in denen eine Achtsamkeitsmeditation die neuronalen Schmerzschaltkreise messbar drosselt. In der Summe deutet die Studienlage darauf hin, dass die Regulation von Schlaf und innerer Uhr eine größere Rolle für das Schmerzempfinden spielt als lange angenommen.
PAIN, Efficacy and effectiveness of melatonin for the management of musculoskeletal pain; doi:10.1097/j.pain.0000000000004045