Selbstdiagnose

Fast jeder Zweite fragt Künstliche Intelligenz statt den Arzt

 Dennis L.

(KI Symbolbild). Immer mehr Menschen in Deutschland schildern ihre Beschwerden zuerst einem Chatbot, bevor sie eine Arztpraxis aufsuchen. Eine repräsentative Befragung unter 1.000 Krankenversicherten zeigt, wie stark Künstliche Intelligenz die medizinische Selbstauskunft bereits verändert hat. Besonders brisant ist der Einfluss der digitalen Antworten auf die Entscheidung, ob überhaupt noch ein Arzttermin wahrgenommen wird. Die Entwicklung wirft die Frage auf, wie verlässlich die Ratschläge der Systeme tatsächlich sind. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 

Immer mehr Menschen in Deutschland wenden sich bei gesundheitlichen Beschwerden zuerst an einen Chatbot. Eine repräsentative Befragung unter 1.000 Krankenversicherten zeigt, dass 47 Prozent der Bevölkerung generative Künstliche Intelligenz für Gesundheitsfragen einsetzen. Die Antworten der Systeme beeinflussen dabei sogar die Entscheidung, ob ein Arzttermin überhaupt noch wahrgenommen wird. Fachleute sehen in dieser Entwicklung große Chancen für ein überlastetes Gesundheitssystem, warnen aber zugleich vor erheblichen Risiken.

Generative Künstliche Intelligenz bezeichnet Computersysteme, die auf Basis großer Sprachmodelle selbstständig Texte formulieren und auf individuelle Fragen eingehen können. Anwendungen wie Gemini, Copilot oder Perplexity beantworten innerhalb weniger Sekunden auch komplexe medizinische Anliegen und übersetzen Fachbegriffe in verständliche Alltagssprache. Das Anwendungsspektrum von Sprachmodellen wie ChatGPT reicht dabei längst von der Textproduktion über die Datenanalyse bis zur gesundheitlichen Selbstauskunft. Damit übernehmen die Systeme zunehmend eine Aufgabe, die über viele Jahre klassischen Suchmaschinen zufiel, wenn Menschen ihre Symptome vor einem möglichen Arztbesuch zunächst selbst einordnen wollten. Der entscheidende Unterschied liegt in der Form der Antwort, denn statt einer langen Trefferliste liefert der Chatbot eine zusammenhängende und persönlich wirkende Einschätzung, die viele Nutzer als kompetent, geduldig und beruhigend empfinden. Genau diese sprachliche Überzeugungskraft macht die Technologie im Gesundheitskontext so attraktiv und zugleich so heikel.

Gleichzeitig steht das deutsche Gesundheitssystem unter erheblichem Druck. Termine beim Hausarzt oder Facharzt sind vielerorts erst nach Wochen verfügbar, Praxen kämpfen mit Personalmangel und in ländlichen Regionen wächst die Distanz zur nächsten Versorgungseinrichtung. In dieser Lage gewinnen digitale Gesundheitsangebote an Bedeutung, weil sie rund um die Uhr erreichbar sind und keine Wartezimmer kennen. Fachleute sprechen von Versorgungssteuerung, wenn Informationen darüber mitentscheiden, ob ein Patient eine Praxis, eine Notaufnahme oder zunächst gar keine medizinische Einrichtung aufsucht. Genau an dieser sensiblen Schnittstelle setzen KI-Chatbots inzwischen an. Wie stark sie das Verhalten der Bevölkerung bereits verändern, war bislang nur in Ansätzen bekannt, denn belastbare und repräsentative Zahlen zur tatsächlichen Nutzung generativer Systeme bei Gesundheitsfragen fehlten weitgehend. Eine neue Erhebung liefert diese Daten nun erstmals in dieser Detailtiefe für Deutschland.

47 Prozent nutzen KI-Chatbots für medizinische Anliegen

Für die repräsentative Kurzbefragung des Beratungsunternehmens Deloitte wurden 1.000 krankenversicherte Personen ab 18 Jahren online befragt und nach soziodemografischen Merkmalen wie Alter, Geschlecht, Wohnort und Haushaltseinkommen gewichtet. Die Anfang 2026 veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass 47 Prozent der Befragten generative Künstliche Intelligenz aktiv für Gesundheitsfragen einsetzen. 17 Prozent tun dies nach eigenen Angaben regelmäßig, weitere 30 Prozent zumindest gelegentlich. Unter den Menschen, die KI-Anwendungen ohnehin im Alltag verwenden, greifen sogar rund 70 Prozent auch bei medizinischen Themen auf die Systeme zurück. Genutzt werden die Chatbots etwa zur Abklärung von Krankheitssymptomen, zur Einordnung von Befunden und zur Selbstdiagnose bei akuten Beschwerden. Damit hat sich die Entwicklung rasant beschleunigt, denn in einer früheren Erhebung vom August 2025 gaben erst 25 Prozent der Teilnehmer an, KI-Anwendungen für die eigene Gesundheit zu nutzen, im Jahr davor waren es lediglich 9 Prozent.

Junge Erwachsene vertrauen der digitalen Einschätzung

Besonders deutlich fällt der Blick auf das Alter aus. In der Gruppe der 18- bis 34-Jährigen suchen 71 Prozent medizinischen Rat bei der KI, während es bei den über 65-Jährigen nur 21 Prozent sind. Junge Erwachsene übertragen damit Gewohnheiten aus anderen Lebensbereichen direkt auf medizinische Themen und behandeln den Chatbot wie einen ständig verfügbaren Ansprechpartner. Auffällig ist zudem die hohe Zufriedenheit, denn die Befragten bewerten die Qualität der erhaltenen Antworten überwiegend als gut bis sehr gut. Diese positive Wahrnehmung steht allerdings in einem klaren Spannungsverhältnis zur wissenschaftlichen Datenlage, die frei verfügbaren Systemen im Gesundheitskontext eine erhebliche Fehleranfälligkeit bescheinigt. Da die Gesundheitskompetenz in Deutschland in Untersuchungen wiederholt als niedrig eingestuft wurde, können viele Nutzer fehlerhafte oder unvollständige Auskünfte kaum erkennen und schätzen die Verlässlichkeit der Technologie deshalb systematisch zu hoch ein.

Wenn der Chatbot über den Arztbesuch mitentscheidet

Brisant sind vor allem die Folgen für die Versorgung. 67 Prozent der Befragten geben an, dass die Ergebnisse ihrer KI-Recherche die Entscheidung beeinflusst haben, einen Termin beim Hausarzt oder Facharzt wahrzunehmen. Nur rund ein Drittel erklärte, das eigene Verhalten unabhängig von den Antworten des Chatbots geplant zu haben. Die Systeme wirken damit unmittelbar auf die Frage ein, ob ein Arztbesuch stattfindet, verschoben oder ganz ausgelassen wird. Das kann das überlastete Gesundheitssystem entlasten, wenn harmlose Beschwerden korrekt eingeordnet werden und unnötige Praxiskontakte entfallen. Es kann jedoch gefährlich werden, wenn ernste Erkrankungen bagatellisiert werden und wertvolle Zeit bis zur Diagnose verstreicht, etwa bei Herzinfarkten, Schlaganfällen oder Tumorerkrankungen, deren Prognose stark vom Zeitpunkt der Behandlung abhängt. Die Autoren der Erhebung sehen darin einen klaren Auftrag an Ärzte, Krankenkassen und Kliniken, eigene verlässliche digitale Angebote deutlich auszubauen.

Die begrenzte Verlässlichkeit frei zugänglicher Systeme belegt auch eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025, die zahlreiche Einzelstudien zur Qualität von ChatGPT-Antworten auf medizinische Fragen ausgewertet hat. Demnach schwankt die Genauigkeit der Auskünfte erheblich, abhängig vom Fachgebiet, von der Komplexität der Frage und von der jeweiligen Modellversion. Teilweise liefern die Systeme veraltete Informationen oder erfinden plausibel klingende Inhalte, ohne dies kenntlich zu machen. Mediziner empfehlen deshalb, KI-Antworten grundsätzlich als Ergänzung und nicht als Ersatz für eine ärztliche Untersuchung zu verstehen, Quellenangaben aktiv einzufordern und wichtige Auskünfte mit den Leitlinien der Fachgesellschaften abzugleichen. Zu beachten bleibt zudem, dass die Erhebung auf Selbstauskünften einer Online-Stichprobe beruht und damit keine klinischen Aussagen über die tatsächliche Qualität einzelner Beratungen erlaubt. Wie sich das Verhältnis von Patienten, Ärzten und Künstlicher Intelligenz weiterentwickelt, dürfte zu einer der zentralen Fragen der Gesundheitsversorgung der kommenden Jahre werden.

Informatics, Evaluating the Reliability of ChatGPT for Health-Related Questions: A Systematic Review; doi:10.3390/informatics12010009

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