Bohrung

12.262 Meter: Die Kola-Bohrung ist das tiefste Loch der Erde

(KI Symbolbild). Auf der einsamen Kola-Halbinsel im Nordwesten Russlands steht eine verfallene Industrieruine über dem berühmtesten Bohrloch der Welt. Unter einer verschweißten Metallplatte reicht die Kola-Bohrung mehr als zwölf Kilometer senkrecht in die Erdkruste hinab. Was die Forscher in dieser Tiefe fanden, passte in keine ihrer Erwartungen. )IKnessiW dnu gnuhcsroF(Foto: © 

Im hohen Norden Russlands verschließt eine massive, festgeschweißte Metallplatte den Eingang zum tiefsten Loch, das Menschen je gegraben haben. Von 1970 an trieb ein sowjetisches Forscherteam die Kola-Bohrung über zwei Jahrzehnte hinweg 12.262 Meter tief in die Erdkruste. Was sie dort unten entdeckten, stellte gängige Annahmen über den Untergrund auf den Kopf und lieferte zugleich den Stoff für eine der hartnäckigsten Gruselgeschichten des Internets. Bis heute ranken sich Mythen um das, was in dieser Tiefe angeblich zu hören war.

Auf der Kola-Halbinsel nahe der norwegischen Grenze, in einer kargen Tundralandschaft unweit der Stadt Zapoljarny, begann im Mai 1970 ein außergewöhnliches Projekt der Sowjetunion. Ziel war es nicht, nach Öl oder Erzen zu suchen, sondern die Erdkruste selbst zu erforschen und so tief wie möglich in den Planeten vorzudringen. Über zwanzig Jahre hinweg fraß sich der Bohrer der Kola-Bohrung Meter für Meter in das uralte Grundgestein, bis der tiefste Seitenast im Jahr 1989 eine Rekordtiefe von 12.262 Metern erreichte. Damit ist die sogenannte Supertiefbohrung bis heute das tiefste Loch der Welt, das je von Menschenhand geschaffen wurde. Am unteren Ende maß das Bohrloch nur noch etwa 23 Zentimeter im Durchmesser, obwohl es tiefer reichte als die tiefste Stelle aller Ozeane. Trotz dieser gewaltigen Tiefe durchdrang der Bohrer nur rund ein Drittel der kontinentalen Kruste und kam dem Erdmantel nie wirklich nahe.

Der eigentliche Reiz der Kola-Bohrung liegt jedoch nicht allein im Rekord, sondern in dem, was die Geologen unterwegs vorfanden. Mehrfach widersprachen die Messungen aus der Tiefe dem, was man an der Oberfläche erwartet hatte, denn das Gestein war heißer, feuchter und lebendiger, als es die Lehrbücher vorhersahen. Statt einer klaren Grenze zwischen zwei Gesteinsschichten stießen die Forscher auf zerklüftetes, wasserführendes Material, und in mehreren Kilometern Tiefe fanden sie Spuren, die dort eigentlich nicht sein durften. Gleichzeitig entstand rund um das Projekt eine schaurige Legende, die die Supertiefbohrung als Tor zur Hölle bekannt machte. Wie viel davon der Wahrheit entspricht, warum das Bohrloch schließlich aufgegeben wurde und was die Kola-Bohrung tatsächlich über den Untergrund verriet, lässt sich Schritt für Schritt nachzeichnen.

Ein Loch, das 20 Jahre lang immer tiefer wuchs

Die Geschichte der Kola-Bohrung begann im Mai 1970, als sowjetische Ingenieure auf der Kola-Halbinsel eine Bohrstelle einrichteten und den Bohrer in das rund 2,7 Milliarden Jahre alte Gestein des Baltischen Schilds senkten. Statt eines einzelnen Schachts entstand ein ganzes System von Seitenlöchern; der tiefste Zweig mit der Bezeichnung SG-3 erreichte 1989 die Rekordtiefe von 12.262 Metern. Je tiefer der Bohrer vordrang, desto langsamer wurde die Arbeit, denn Hitze und Druck nahmen stetig zu. Am unteren Ende maß das Bohrloch nur noch etwa 23 Zentimeter im Durchmesser. Zur Einordnung: Selbst die tiefste Wurzel der Welt reicht nur rund 120 Meter in den Boden, ein Hundertstel dessen, was hier durchbohrt wurde. Trotzdem kratzte die Bohrung nur an der obersten Schicht des Planeten.

Heißer und nasser als jede Vorhersage

Schon bald lieferte die Kola-Bohrung Messwerte, die den Erwartungen widersprachen. In rund zwölf Kilometern Tiefe hatten die Forscher etwa 100 Grad Celsius vorhergesagt, tatsächlich stieg die Temperatur am Ende auf rund 180 Grad Celsius. Bei dieser Hitze verhielt sich das Gestein nicht mehr fest, sondern begann sich plastisch zu verformen und drückte in das frische Bohrloch zurück, was die Arbeit fast unmöglich machte. Ebenso überraschend war der Fund von Wasser in mehreren Kilometern Tiefe, wo dichtes, kristallines Gestein eigentlich jede Feuchtigkeit ausschließen sollte. Dieses Wasser stammte vermutlich aus Mineralen, die unter dem enormen Druck ihre gebundenen Wasserstoff- und Sauerstoffatome abgaben; eine undurchlässige Gesteinsschicht darüber hielt die Flüssigkeit in der Tiefe fest. Zusätzlich sprudelte Wasserstoffgas empor und ließ den Bohrschlamm regelrecht kochen.

Zwei Milliarden Jahre altes Leben in 6,7 Kilometern Tiefe

Die größte Überraschung der Kola-Bohrung war kein Gestein, sondern Leben. In etwa 6,7 Kilometern Tiefe entdeckten die Forscher 24 Arten winziger, versteinerter Mikroorganismen, überwiegend Reste von einzelligem Plankton. Das Gestein, in dem sie eingeschlossen waren, ist rund zwei Milliarden Jahre alt, und die Mikrofossilien blieben durch eine schützende Hülle aus Kohlenstoff- und Stickstoffverbindungen erstaunlich gut erhalten. Ebenso bemerkenswert war, was die Bohrung nicht fand: Geologen hatten in mehreren Kilometern Tiefe einen Übergang von Granit zu Basalt erwartet, der sich in seismischen Messungen angedeutet hatte. Stattdessen bestand das Gestein durchgehend aus zerklüftetem, umgewandeltem Granit. Die vermeintliche Grenze im Untergrund war also keine neue Gesteinsart, sondern nur eine Zone stark veränderten und von Rissen durchzogenen Gesteins.

Wie aus einem Bohrloch das Tor zur Hölle wurde

Neben den echten Entdeckungen entstand rund um die Kola-Bohrung eine schaurige Legende. In den frühen 1990er Jahren verbreitete sich die Geschichte, Wissenschaftler hätten ein hitzebeständiges Mikrofon in das Bohrloch hinabgelassen und dabei die Schreie gequälter Seelen aufgezeichnet; von Temperaturen um 2.000 Grad und einer Höhle voller Verdammter war die Rede. Die Erzählung geht auf eine erfundene Meldung zurück, die zunächst in einer finnischen Zeitung als Scherz erschien und dann über religiöse Fernsehsender weltweit weitergereicht wurde. So wurde aus einer nüchternen Supertiefbohrung in der öffentlichen Vorstellung ein Tor zur Hölle. Kein einziges Detail der angeblichen Tonaufnahme ist belegt, und die genannten Temperaturen liegen weit über den tatsächlich gemessenen Werten. Dennoch hält sich der Höllenmythos bis heute hartnäckig im Internet.

Ein verschweißter Deckel als Endpunkt des Rekords

Als die Sowjetunion zerfiel, versiegte auch das Geld für die Kola-Bohrung. 1992 endete das Bohren bei 12.262 Metern, weil die Hitze die Bohrköpfe zerstörte; in den folgenden Jahren wurde die Forschungsstation aufgegeben, und seit etwa 2008 liegt das Gelände verlassen. Heute erinnert nur eine kleine, festgeschweißte Metallplatte inmitten von Ruinen an das ehrgeizigste Bohrprojekt der Geschichte. Zwar entstanden später längere Bohrungen, etwa als China ein 10.000 Meter tiefes Loch in die Erde trieb, doch senkrecht tiefer als die Kola-Bohrung kam bis heute keine. Damit gilt das stillgelegte Bohrloch auf der Kola-Halbinsel bis heute als tiefstes Loch der Welt und als Sinnbild dafür, wie wenig der Mensch von seinem eigenen Planeten bislang durchdrungen hat.

Unter der verrosteten Platte in der arktischen Tundra liegt also kein Höllenschlund, sondern der stille Endpunkt eines gewaltigen Wagnisses. Zwölf Kilometer tief reichte der Blick in die Erde, und selbst dort begann der Planet gerade erst, seine Rätsel preiszugeben.

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